das blanke Haus stand , so mußte es bekennen , daß es einen schönern Bauernsitz noch nie gesehen , und mächtig bewegte sein Herz der Gedanke , was es heiße , hier Bäurin sein zu können . Und doch fühlte es sich gedrückt , unwohl , und eine Art Beklemmung nahm immer zu , fast wie gewisse Leute des Morgens sie empfinden , wenn es abends ein Gewitter geben will . Alles war so freundlich gegen ihns , alles gefiel ihm so wohl , man stellte ihm , gäb wie es sich wehrte , den besten Kaffee auf , wie sie ihn daheim nie hatten , Käs und weißes Brot , und alle nahmen sich Zeit , bei ihm zu sein , und keinem Gesicht sah man Ärger an , daß man so für nichts und wieder nichts , ume so weg em ene Meitschi , einen heiligen Werktag versäumen müsse . Es fühlte , daß da ein viel manierlicher Wesen sei als bei ihnen , so eine Art von Haussitte und Anstand , welche man im Weltsche hinger nicht lernt , welche zusammengesetzt ist aus Gutmütigkeit und gegenseitiger Achtung , welche zur andern Natur geworden und welche Kinder gegen Eltern üben und Eltern gegen Kinder , und wenn sie alleine sind und vor fremden Leuten . Es müssen nämlich auch die Eltern ihre Kinder achten , wenn sie deren Liebe und Achtung bewahren und wenn sie wollen , daß ihre Kinder achtungswert werden und bleiben sollen , müssen sie sie namentlich vor fremden Leuten mit Achtung behandeln . Nun aber findet man in gar manchem Hause die Sitte , daß entweder ein Glied der Familie , Mann oder Weib , den Leuten zeigen will , wer Meister sei und wer zu befehlen habe , oder daß jedes , Groß und Klein , zeigen will , daß man auch etwas sei , sich nicht unterntun lasse usw. Dies führt zu den widerwärtigsten Auftritten und wirkt das Gegenteil von dem , was man bezweckt ; man macht sich statt groß recht klein damit , und wie man sich gegenseitig nicht achtet , streift man sich auch die Achtung Anderer ab . So war es bei ihnen . Der Vater meinte , er müsse allen Leuten zeigen , wie er die Seinen mustern könne . Die Brüder taten es ihm nach , man wehrte sich , so gut man konnte , man tat nicht manierlich zusammen . Anne Mareili fühlte die Überlegenheit in solcher Sitte , und wenn der Vater komme , so werde es sich erst recht schämen müssen , dachte es . Ein Inwendiges spiegelt sich auswendig oft gar seltsam ab . Demut erscheint wie Hochmut , ein gedrücktes Wesen wie Nichtachtung und Unfreundlichkeit . Je mehr Anne Mareili das Unbehagen fühlte , welches aus dem Bewußtsein dieser Überlegenheit entsprang , um so weniger ward es dessen Meister , um so dunkler ward die Wolke , die es überschattete . Resli sah das wohl , war auf Dornen , wußte aber nicht , woran es lag , gab sich die größte Mühe , Anne Mareili im schönsten Lichte zu zeigen , und je mehr er sich mühte , desto dunkler ward es auf Anne Mareilis Gesicht . Man weiß , wie jeder es hat , der jemand Geliebtes vor die Leute stellt ; man möchte , daß sie täten wie nie sonst , so schön und manierlich , damit man Lob bekomme und Ehre von ihnen . Wie manche Mutter hat nicht ihr Kind unter Geheul und Zetergeschrei aus einem Zimmer getragen in halber Verzweiflung ! Sie harte mit dem Kind Puff machen wollen , und je mehr sie das wollte , desto weniger wollte das Kind , desto mehr tat es das Gegenteil , und das Ende war , daß der Zorn die Mutter fast versprengte , das Brüllen aber das Kind . Das ist aber noch gar nichts gegen einen Liebhaber , dessen Mädchen zum erstenmal zu seinen Eltern kömmt ; der möchte , daß sein Mädchen täte wie die leibhaftige Liebenswürdigkeit und daß seine Eltern mit dem Mädchen täten wie mit einem leibhaftigen Engel , der gradwegs vom Himmel gekommen . Er hat Angst nach beiden Seiten hin , siehe mit einem Auge auf das Mädchen , mit dem andern auf die Eltern ; bald meint er , es fehle hier , da will er hier nachhelfen , dann scheints ihm dort zu hinken , es will dort nachhelfen , kommt dabei in eine Art von Fieber , wird selbst am unliebenswürdigsten , macht kehrum alle taub , und am Ende gehts ihm wie einem ungeduldigen Weber mit einer vershürscheten Strange schlechten Garns . So ging es freilich Resli nicht , dazu war er eben zu adelich , aber fast Blut schwitzte er doch . Sein Meitschi war so seltsam , so schweigsam , fast pumpelrurrig , daß er es kaum mehr kannte , fürchtete , man hätte irgendwo gefehlt oder Christelis Rede rüche auf . Er ward um so freundlicher , Anne Mareili merkte es wohl , aber es machte ihm die Wirkung , als ob jemand den Hals ihm zusammenschnüre , es konnte fast keinen Laut mehr von sich geben . Es ist kurios mit Kindernaturen , also auch mit weiblichen ( je besser diese sind , desto mehr ähneln sie den Erstern ) ; der Widerspruch scheint ihnen recht eigentlich im Fleische zu sitzen , und zwar zvorderst in allen Fingerspitzen , es wird wahrscheinlich die Erbsünde sein , die natürlich um so klarer hervorscheint , je durchsichtiger die Haut noch ist . Wenn so ein altes Leder von Professor , das in Foliantenstaub ergrauet ist , oder so ein Luder von Schlingel , das auf allen jüdischen und christlichen Misthaufen sich dickgewälzt , sie leugnet , so nimmt es einen nicht wunder , es ist ganz natürlich , sintemalen Luder und Professor vor lauter auswendigem Staub oder Dreck den inwendigen nicht mehr ahnen , geschweige sehen , sondern der süßen Hoffnung leben ,