Besinnung . Ich fragte ihn , weßhalb man mich so quäle und mich an mein Lager befestigt habe . Mit Thränen winkte er eine Wärterin herbei , und man löste meine Bande auf . Es erschien bald ein anderer Mann , in dem ich einen Arzt erkannte ; er zeigte sich über meinen verbesserten Zustand sehr erfreut und versicherte , daß kaum ein Rückfall zu befürchten und man nun berechtigt sei , bei meiner Jugend das Beste zu hoffen . Als wir wieder allein waren , fragte ich den alten Dübois nach meinem Gemahl , und der Blick des Schmerzes , mit welchem er sich abwandte und stumm die Hände rang , gab mir Besinnung und Gefühl meines Leidens . Ich habe nie bestimmt erfahren , welche Mittel Dübois angewendet hat , um meine Freiheit zu bewirken ; nur so viel habe ich nach und nach den Muth gehabt von ihm zu erfragen , daß sich zwei von seinen Verwandten unter den Richtern befanden , und daß er es deßhalb wagen durfte , seinen Bitten noch durch andere Mittel als durch Worte Nachdruck zu geben ; aber nie hat er mir vertraut , wie groß die Opfer waren , die er für mein armes Leben gebracht hat . Auch für meinen unglücklichen Gemahl hatte er sich verwendet und Versprechungen erhalten , die ihn zu Hoffnungen berechtigten ; er hatte es sogar erlangt , ihn im Gefängniß sprechen zu dürfen , und dort hatte Evremont , der sich über sein Schicksal nicht täuschte , ihm das feierliche Gelübde abgenommen , mich nie zu verlassen und sein Leben meinem Beistande zu widmen . Ein neuer Aufstand des Volkes hatte die schwache Hoffnung Dübois vernichtet ; man gab alle Gefangene , die es mit dem verhaßten Namen der Aristokraten bezeichnete , Preis , und Evremont fiel mit vielen Andern . Die Jugend übte ihr Recht ; meine Kräfte begannen zurück zu kehren , und wenn ich auch in den Gedanken an meinen Sohn keinen Trost finden konnte , so fühlte ich doch die Pflicht , für ihn zu leben . Ich bat also Dübois , ihn zu mir zu bringen , weil ja nun kein Grund der Trennung mehr sei ; auch verlangte ich Adele zu sehen , und ich fühlte einen wehmüthigen Trost in der Hoffnung , mit der Schwester den Gemahl zu beweinen . Dübois suchte mich durch mancherlei Vorstellungen von meinen Wünschen abzuleiten und ihre Erfüllung weiter hinaus zu schieben . Ich litt selbst zu sehr , als daß ich gleich die Leiden des alten Mannes bei diesen Gesprächen hätte bemerken können ; endlich aber konnte mir die ganze Tiefe meines unermeßlichen Unglücks nicht länger verborgen bleiben . Dübois war an jenem unglücklichen Tage nach der Abreise meines Bruders erst spät , nachdem er eine seinen Wünschen entsprechende Wohnung gefunden hatte , in der Absicht zurückgekehrt , uns noch denselben Abend dorthin zu führen . Wie groß war sein Entsetzen , als er unsere Zimmer leer fand und von dem Herrn des Hauses unser unglückliches Schicksal erfuhr . Er dachte in diesem Augenblicke nur an Evremont und an mich . Als er den ersten Schmerz beherrscht und die nöthige Besinnung wiedergefunden hatte , suchte er Erkundigungen darüber einzuziehen , nach welchem Gefängnisse man uns gebracht habe , und sich dann den Weg zu unserer Befreiung zu bahnen . In diesen Anstrengungen gingen einige Wochen verloren , ehe er nur daran dachte , sich nach meinem Sohne zu erkundigen . Von meiner Schwägerin und der deutschen Dienerin glaubte er , daß sie mit uns verhaftet wären , und so erfuhr er von ihrem Schicksal nichts . Als der gute alte Mann nach unsäglichen Bemühungen endlich das gewisse Versprechen erhalten hatte , daß man mich des folgenden Tages unschuldig und frei sprechen würde , eilte er nach dem Dorfe , um meinen Sohn von seiner Pflegerin zurück zu nehmen und durch dessen Anblick mich zu ermuntern , das Leben mit Standhaftigkeit zu ertragen . Aber ach ! der bittre Kelch des Leidens war noch nicht geleert ; er mußte hier erfahren , daß die Wittwe , welche meinen Sohn verpflegt hatte , vor zwölf Tagen gestorben wäre , und Niemand wußte , was aus dem Kinde geworden sei , nur so viel wußten die Nachbaren zu sagen , daß sie während der letzten kurzen Krankheit der Wittwe kein Kind bei ihr bemerkt hatten . Alle ferneren Nachforschungen waren vergeblich , und es schien , als ob mit einem Schlage die ganze Familie Evremont vernichtet werden sollte . Mit diesem neuen entsetzlichen Schmerz in der Seele erschien der gute Dübois im Gerichtssaale , um wenigstens mich in Sicherheit zu bringen , und es gehörte die Kraft der Religion dazu , die in seinem Herzen lebte , daß er nicht beim Anblicke des unglücklichen Endes seines geliebten Herrn den Verstand verlor und in der Nacht des Wahnsinns , die meine Seele umgab , mich noch unterstützen konnte . Der herbeigerufene Arzt war zweifelhaft gewesen , ob nach den entsetzlichen Erschütterungen meine Vernunft jemals wiederkehren würde , und Dübois hatte den edelmüthigen Entschluß gefaßt , sein Leben meiner Pflege zu weihen . Da er aber glaubte , daß er mir nicht alle Bequemlichkeiten würde verschaffen können , so wollte er sich zu dem Banquier begeben , den er als Vertrauten der beiden Grafen Evremont kannte , um von ihm einige Summen für meine Bedürfnisse zu erhalten . Aber auch von hier kehrte er trostlos zurück ; er konnte nur erfahren , daß wahrscheinlich der Kassirer , welcher meinem Bruder die verlangte Summe ausgezahlt , meinen Gemahl erkannt und als ein heftiger Jakobiner unsere Verhaftung veranlaßt habe ; der Banquier selbst sei , sobald er diese erfahren , mit seinen Hauptbüchern und allen baaren Summen aus Paris verschwunden , um einem ähnlichen Schicksale zu entgehen . So waren denn alle Hoffnungen untergegangen , und Dübois brachte alles zusammen , was er besaß , verkaufte jede Sache von Werth und miethete eine kleine Wohnung in der Vorstadt