Berg , tief atemholend und erstaunt über die unbegrenzte Aussicht . » Bei Frauenzimmern « , fing Amandus an , » wenn sie den letzten herben Schritt überwunden haben und jetzt sich umsehn , unterscheide ich jedesmal zweierlei Gattungen Seufzer . Der eine ist ganz gemein materieller Natur , kein Lüftchen ist imstand , ihn von der Rosenlippe aufzunehmen und über die glänzende Gegend selig hinwegzutragen , sondern sogleich fällt er plump , schwer zu Boden , prosaisch wie das Schnupftuch , womit man sich die Stirn abtrocknet . Billig sollten die Schönen sich seiner ganz enthalten , ihn wenigstens unterdrücken , denn gewissermaßen muß er den Wirt beleidigen , den Cicerone der Gesellschaft , der alle diese Herrlichkeit mit Enthusiasmus wie sein Eigentum vorzeigt und nicht begreifen kann , wie man in solchem Augenblicke nur noch das mindeste Gefühl von der armseligen Mühe haben kann , womit man sich so einen Anblick erkaufte . Ja , Damen hab ich gesehen , die gaben sich Mühe , diesen Seufzer recht reizend schwindsüchtig und ätherisch hervorzubringen , und ein mitleidflehendes Gesicht zu machen , als würde gleich die Ohnmacht kommen . Man enthält sich kaum dabei recht schmachtend zu fragen : Ist Ihnen nicht ein Schluck Affenthaler gefällig , Fräulein , oder dergleichen ? Kurz also , wenn jene erste Gattung nichts weiter sagen will als : Gottlob , dies wäre überstanden ! so ist dagegen die zweite « - Er hatte noch nicht ausgeredet , so kam erst Agnes , bis jetzt von niemand eigentlich vermißt , mit einem Kinde des Pfarrers , das nicht mehr hatte fortquackeln können und das sie sich auf den Rücken geladen , den steilen Rand von der Seite heraufgeklommen ; sie setzte atemlos das Kind auf die Erde und ein » Gottlob ! « entfuhr ihr halblaut . Bei diesem Wort sah man sich um , ein allgemeines Gelächter war unwiderstehlich , aber auch rührender konnte nichts sein , als die erschrocken fragende Miene des lieben Mädchens . Herzlich umarmte und küßte sie Amandus , indem er rief : » Diesmal , wahrhaftig , ist Marthas Mühe schöner als selbst das eine , das hier oben not ist . « Welch ein Genuß nun aber , sich mit durstigem Auge in dieses Glanzmeer der Landschaft hinunterzustürzen , das Violett der fernsten Berge einzuschlürfen , dann wieder über die nächsten Ortschaften , Wälder und Felder , Landstraßen und Wasser , in unerschöpflichen Wechsel von Linien und Farben , hinzugleiten ! Hier schaute , gar nicht allzuweit entfernt , eine langgedehnte Albtraufe ernsthaft und groß herüber2 ; sie verschloß beinah die ganze Ostseite , Berg hinter Berg verschiebend und ineinanderwickelnd , so doch , daß man zuweilen ein ganz entlegnes Tal , wie es stellenweise von der Sonne beschienen war , mit oder ohne Fernrohr erspähen und sich einander freudig zeigen konnte . Besonders lang verweilte Agnes auf den Falten der vorderen Gebirgsseite , worein der schwüle Dunst des Mittags sich so reizend lagerte , die ahnungsvolle Beleuchtung mit vorrückendem Abend immer verändernd , bald dunkel , bald stahlblau , bald licht , bald schwarzlich anzusehn . Es schienen Nebelgeister in jenen feuchtwarmen Gründen irgendein goldenes Geheimnis zu hüten . Eine bedeutende Ruine krönte die lange Kette des Gebirgs und selbst durch einen schwächern Tubus glaubte man ihre Mauern mit Händen greifen zu können , dagegen ganz hinten in der Ferne vom Rehstock nur der Abfall des Waldrückens sichtbar war , auf dem er ruhen mußte . Indes war von gar muntern Händen ein Feuer zwischen Steinen angemacht worden , der Kaffee fing an zu sieden , die Tassen klirrten , und der Pfarrer gebot ein allgemeines Niedersitzen ; niemand aber wollte sich noch des schönen Zeltes bedienen , welches bis jetzt nur für eine Art Speiseküche galt ; man saß in willkürlichen Gruppen auf dem Boden umher , ein jedes ließ sich schmecken was ihm beliebte , nur rückte man etwas näher zusammen , als Amandus folgendermaßen das Wort nahm : » Es darf , meine Lieben , der schöne Platz , worauf wir gegenwärtig ruhen , nicht leicht besucht werden , ohne daß man das Andenken des Helden erneuert , dem er seinen Namen verdankt . Gewiß ist keines von Ihnen völlig unbekannt mit der merkwürdigen Sage , aber die wenigsten hatten wohl Gelegenheit sich aus den verschiedenen , zum Teil einander scheinbar widersprechenden Erzählungen des Volks , ein vollständiges Bild von dem Charakter des wundersamen Wesens zu machen , von welchem hier die Rede ist ; es kann also niemanden unangenehm sein , jetzt eine genauere Schilderung zu hören , wobei ich mir weniger angelegen sein lassen will , alle einzelnen Geschichten und Anekdoten anzubringen , als vielmehr nur die Hauptzüge anschaulich zu machen . Vielleicht kann ich dadurch Freund Nolten veranlassen , meinen seltsamen Geiger zum Gegenstand einer malerischen Komposition zu nehmen , ein lang von mir gehegter Wunsch , den er mir einmal feierlich zugesagt und noch bis heut nicht erfüllt hat . Sie , lieber Oberst , werden mich in meiner Bitte gewiß kräftig unterstützen , da Sie sich selbst für die poetische Figur des Spielmanus so lebhaft interessieren und noch heute sich emsig um die Vervollständigung seiner Geschichte bekümmert haben . Ei , eben recht , daß mir das beifällt ; Sie sollen auch jetzt zuerst die Ehre haben und die Ergebnisse Ihrer staubigen Forschungen uns in einem lebendigen und heiteren Gemälde vorlegen , ich aber will etwa nachhelfen , wo Sie eine Lücke lassen sollten . « Der Oberst ließ sich nicht lang bitten und die Gesellschaft merkte wacker auf . » In dieser Gegend soll vor alters gar häufig ein Räuber , Marmetin , sein Wesen getrieben haben , den jedermann unter dem Namen Jung Volker kannte . Räuber sag ich ? Behüte Gott , daß ich ihm diesen abscheulichen Namen gebe , dem Lieblinge des Glücks , dem lustigsten aller Waghälse , Abenteurer und Schelme , die sich jemals von fremder Leute Hab und Gut gefüttert