Verse niedergeschrieben hatte , hörte ich Habern die Fensterladen unserer Schlafstube aufstoßen , und ging tiefer in den Garten . Ich sah Godwi in einer Allee mir entgegenkommen ; es freute mich , und ich war entschlossen , ihm mein ganzes Verhältnis zu ihm zu erklären . Er sprach mit mir von gestern abend , und warnte mich nochmals ernstlich , mich solchen Stimmungen nicht hinzugeben ; er sagte : » Solche Stimmungen führen zu einer frevelhaften Ansicht des Lebens , und unsere Fähigkeit zu rühren erhält endlich so sehr das Übergewicht gegen jene , gerührt zu werden , daß wir der Welt hart und grausam vorkommen , wenn uns das Herz blutet - ich kenne dieselbe Empfindung , und es hat mir viele Mühe gekostet , ihre Narbe zu verlieren . « » Sie haben Recht , « fuhr ich fort , » es liegt eine falsche Dramatik in diesem Zustande , und man zerstört sowohl sein Talent zu fühlen als darzustellen , wenn man die bloße unbestimmte Rührung durch den Witz gewaltsam zum Eindruck erhöht , und die Handlung genug zum Leiden herabstimmt , um dieses Mittelding von Rührung und Eindruck fantastisch äußern zu können . Übrigens habe ich einen solchen überwiegenden Drang zur Darstellung , daß ich mit großem Genuß in solchen Stimmungen verweile , und ich glaube wirklich , daß diese Art von Äußerung mir oft nützlich ist , da ich nichts weniger ertragen kann als das Stumme und Tonlose . « Godwi wollte mich hierauf zu Violettens Grab führen . Ich sagte ihm , daß ich seiner Güte zuvorgekommen sei , und zwar indem ich zum Fenster herausgestiegen wäre . Er lächelte , und sagte : » Ich danke Ihnen beinah dafür , denn dieses Bild ist mir mit vielen Schmerzen verbunden . « » Auch mir ist es mit Schmerzen und Lust verbunden gewesen , ich habe in mir vieles an dem Bilde erlebt , und wenn es Sie freuet , so lesen Sie einige Verse , die mir der schöne Morgen in die Schreibtafel schrieb , als er mich und das Bild so vertraut fand . « Ich gab ihm hier die Sonette und die Canzone ; sie schienen ihn zu rühren , und ich dachte an die geringen Töne des Alphornes , die dem Schweizer in der Fremde das Herz brechen können . » Ich danke Ihnen « , sagte er , und drückte mir die Hand , es standen ihm Tränen in den Augen ; » ich danke Ihnen für die Sonette , und erlauben Sie , daß ich sie abschreibe . « » Ich danke Ihnen für Ihre Tränen , « erwiderte ich , » welche die fehlende Pointe meiner Sonette so schön ersetzen , und erlauben Sie , daß ich diese Tränen abschreibe . « » In einem Sonett ? das wäre zu gedehnt - in meinem Leben ? wenn Sie wollen , ja - ich bin Ihnen gut . « » Und wenn ich schon manches aus Ihrem Leben abgeschrieben hätte , und Sie sähen meine schlechte Schrift , und meinen selbstischen Stil , würden Sie mir diese Tränen dennoch vertrauen ? « » Auch dann ; Sie scheinen mir das Verwirrteste entwirren zu können . Sie haben Violettens Leben so treu in einer bloßen Darstellung ihres Grabmals geschildert , daß ich Ihnen zutraue , Sie könnten , wenn Sie lange mit mir umgingen , aus mir , dem Denksteine meines Lebens , meine Geschichte entwicklen . « Ich zog hier den ersten Band dieses Romans aus der Tasche , und reichte ihn ihm mit den Worten hin : » Ich halte Sie beim Worte . « » Was ist das ? « sagte er , schlug das Buch auf , las das Lied : » Und es schien das tief betrübte usw. « , sah mich an , blätterte weiter - » Römer - Godwi - Otilie - Joduno « - und lief mit dem Buche davon . Ich reihte schon alle meine Entschuldigungen zusammen , als ich in mir durch die entschuldigende Ansicht meines Buchs auf die Geschichte seiner Sünden kam , welche aber nichts anders als eine Geschichte meiner Unschuld blieb , und diese Unschuld selbst hatte für mich ein so liebenswürdiges Ansehen , daß ich nicht zweifelte , Godwi mit einer naiven Darstellung dieser Unschuld ganz besänftigen zu können . Hier bemerkte ich Habern , der langsam die Allee heruntergeschritten kam ; er las in einem Buche , welches ich am Einbande für Goethens Tasso erkannte , denn ich hatte es morgens auf seinem Nachttische liegen gesehen . Er ging so langsam und nachlässig , daß ich vermutete , er lese die Worte der Prinzessin : Schon lange seh ich Tasso kommen . Langsam Bewegt er seine Schritte , steht bisweilen Auf einmal still wie unentschlossen , geht Dann wieder schneller auf uns los , und weilt Schon wieder - Ich zog mich in die Gebüsche zurück , um ihm einen Lorbeerkranz zu flechten , den ich ihm scherzhaft aufsetzen wollte , fand aber bald seinen eignen Hut , den er auf einen alten Aloetopf gesetzt hatte , und da er mich einholte , und mir guten Morgen sagte , nahm ich pathetisch ihm das Buch aus den Händen und las , indem ich seinen Hut berührte , der auf dem Aloetopfe hing , die Worte Alphonsens parodierend : » Hat ihn der Zufall , hat ein Genius Gefilzt ihn und gebracht ? Er zeigt sich hier Uns nicht umsonst . Den Aloe hör ich sagen : Was ehret ihr den leeren Topf ? Er hatte Schon seinen Lohn und Freude , da ich blühte - « Ich setzte ihm den Hut auf , und las , die Worte der Prinzessin parodierend , weiter : » Du gönnest mir die seltne Freude , Haber , Dir ohne Wort zu sagen , wie ich denke . « Haber machte in seiner Verträglichkeit ein Meisterstück , er freute sich meiner Laune , und fügte hinzu ,