dahin vereinigen , daß alle - wenigstens gerade so thun würden , als ob sie die angenehmste Befriedigung der Eßlust für den höchsten Genuß hielten , den die Natur dem Menschen vergönne , so lange Zunge und Gaumen die empfindlichsten seiner Organe , und der Magen das große Rad bleibe , wodurch seine Existenz im Gang erhalten werde . Ich muß der ganzen Gesellschaft die Gerechtigkeit widerfahren lassen , daß sie sich zwei Stunden lang , jedes in seiner Manier , beeiferte , der Hypothese des Philosophen Ehre zu machen . Mitunter wurde viel Schönes zum Preis der Kochkunst gesagt , und ( nicht ohne Grund , dünkt mich ) behauptet : » Daß sie eine der ersten Stellen unter den schönen Künsten verdiene , und einen der wesentlichsten Vorzüge des Menschen vor den übrigen Thieren ausmache « . Auch dem Erfinder des Weins wurde mit vieler Andacht ein schallender Lobgesang angestimmt , und der Becher der Freude war kaum dreimal herumgegangen , als verschiedene von unsern Weisen ziemlich naiv merken ließen , daß es nur einiger Aufmunterung von Seiten der schönen Milesierinnen bedurft hätte , um die Verfechter der Weisheit und Tugend über die schmale Gränzlinie der Sokratischen Sophrosyne hinüberzulocken . Als aber zum Schluß des Gastmahls der große Sesamkuchen180 aufgetragen wurde , bemächtigte sich der Phrontist ( der unter dem Essen der stillste und geschäftigste von allen gewesen war ) des Worts mit allgemeiner Einstimmung , und bewies uns , nachdem er seinen Kuchen einem hinter ihm lauernden kleinen Bedienten einzusacken gegeben hatte , 181 aus voller Selbstüberzeugung : » das höchste Gut bestehe in dem Entschluß , freiwillig aller Dinge außer uns zu entbehren , und den reinsten und vollständigsten Selbstgenuß im bloßen Daseyn zu finden . « Zur Erläuterung dieses paradoxen Satzes brachte der Mann anfangs einige kurzweilige Dinge vor ; z.B. einen Beweis , daß die Menschen durch eine künstliche Verminderung der Ausdünstung und eine allmähliche Austrocknung des Magens zuverlässig so weit kommen könnten , bloß von Luft und Wasser zu leben ; ingleichen daß das gesellschaftliche Leben und die Sprache als die zwei größten Hindernisse unsrer Vervollkommnung anzusehen seyen , und es also ohne eine gänzliche Absonderung der Menschen von einander nie möglich seyn werde , zu jener reinen Existenz an sich selbst , und in sich selbst , und durch sich selbst und für sich selbst zu gelangen , in welcher unser höchstes Gut bestehe . Dieser Unsinn schien eine Zeit lang die ganze Gesellschaft zu belustigen : aber als unser Phrontist , um uns desto gründlicher zu überzeugen , sich von einer Abstraction zur andern empor arbeitete , und endlich so hoch über die Region des Menschenverstandes hinauf gekommen war , daß er uns Erklärungen von Worten , wobei nichts zu denken war , und Worte für Begriffe , die keinen Gegenstand hatten , geben wollte , wurde er durch einen allgemeinen Aufstand unterbrochen , und an das ewige Schweigen erinnert , das er sich durch seine Grundsätze selbst auferlegt habe . Alle übrigen vereinigten sich nun in dem Wunsche , daß Aristipp zugegen seyn möchte , um den Ausspruch zu thun , welche der vorgetragenen Auflösungen des Problems die wahre sey , oder , wofern er keine dafür halte , uns seine eigene mitzutheilen . Ich versprach , dich von allem Vorgegangenen zu benachrichtigen , und da ich dich für zu bescheiden hielt das Amt eines Richters zu übernehmen , dich wenigstens zu bewegen , uns deine Meinung von der Sache zu sagen . Ich verspreche mir von deiner Gefälligkeit , Freund Aristipp , du werdest nicht wollen , daß ich vergebens drei lange Stunden mit dem Schreibstift in der Hand auf meinem Faulbettchen gesessen haben soll . - Ich darf nicht vergessen , daß wir uns ausbitten , die hiermit an dich gelangende Frage einer genauern Aufmerksamkeit zu würdigen , und uns deine Gedanken , ohne Sokratische Ironie , in ganzem Ernst mitzutheilen . 69. Aristipp an Lais . Du hast wohl gethan , schöne Lais , daß du mich ausdrücklich angewiesen hast , mich über das seltsame Problem , womit dich deine gelehrte Tischgesellschaft neulich unterhalten hat , ernsthaft vernehmen zu lassen ; denn ich gestehe , daß die Frage : » was das höchste Gut des Menschen sey ? « in meiner Vorstellungsart etwas Lächerliches hat , und daß mir nie eingefallen wäre , sie könnte von so weisen Männern , wie die bärtigen Genossen deiner sophistischen Symposien sind , in wirklichem Ernst aufgeworfen und beantwortet werden . Meine erste Frage bei jeder Aufgabe dieser oder ähnlicher Art , ist : wozu soll ' s ? Bei dieser , dünkt mich , fällt es auf den ersten Blick in die Augen , daß es uns zu nichts helfen könnte , das Höchste zu kennen , da es uns doch , eben darum , weil es so hoch über uns schwebt , unerreichbar ist . In dieser Rücksicht möchte wohl der Aesopische Fuchs , der die Trauben , die ihm zu hoch hingen , für sauer erklärte , mehr praktische Weisheit gezeigt haben , als wir , wenn wir uns die Augen aus dem Kopfe gucken , um in einer so schwindlichten Höhe ein Gut zu entdecken , welches wir mit allen unsern Sprüngen doch nie erschnappen werden . Beim Genuß eines Guten kommt es nicht auf die Größe desselben , sondern auf unsre Empfänglichkeit an . Das erfreulichste aller Dinge , das Licht , ist für den Blinden nichts ; an der festlichsten Tafel des großen Königs kann der gierigste Fresser nicht mehr zu sich nehmen als sein Magen faßt ; und einer Mücke kann es gleich viel seyn , ob sie aus einer Muschelschale oder aus dem Ocean trinkt . Du selbst , schöne Lais , hast , indem du mir das Problem vorlegst , mit einem einzigen Aristophanischen Worte verrathen , daß die Unart der Menschen , » die Schnäbel immer nach unerreichbaren Dingen aufzusperren , « dir selbst eben so lächerlich ist als mir .