Versehen auf dem Postamte , oder das Blatt hat sich in mein Brief- und Zeitungspaket verirrt und ist mit hinüber in den Turm gewandert ; ich werde nachsehen . “ Dabei stellte er sein Glas nieder . „ Pardon , meine Damen ! “ sagte er mit Hindeutung auf sein rasches Trinken . „ Ich fühlte plötzlich , daß mein gefürchteter Kopfschmerz im Anzuge ; er kommt blitzschnell , und ich pflege ihn mit einem schnellgenossenen Glase Wein aus dem Felde zu schlagen . “ Vorhin hatte er in der That ausgesehen , als dringe ihm die dunkle Glut des Rotweins bis unter die Stirnhaut . Er entkorkte rasch eine Flasche Sect und füllte mehrere auf dem Büffet stehende Gläser . „ Ich bitte , mit mir auf das Gelingen unserer heutigen Abendvorstellung zu trinken , “ sagte er , ein Glas hebend , zu den Damen , welche die Krystallkelche ergriffen und seinem Beispiele folgten . „ Die Blumenfee mit ihrem reizenden Gefolge soll leben . Die Jugend und die Schönheit , und das herrliche Leben selbst , das ja Keinem von uns feindlich ist , ja auch der süßen Gewohnheit des Daseins ein Hoch ! “ Die Gläser klangen , und die Präsidentin schüttelte leise lachend den Kopf . Käthe war unwillkürlich in die Fensternische zurückgewichen , in deren Nähe Henriettens Lehnstuhl stand . Sie sah , wie sich bei dem tactlosen Trinkspruche die Wimpern der Kranken feuchteten , wie sie sich im schmerzlichen Zorne auf die Lippen biß – die süße Gewohnheit des Daseins war für sie ein Marterrost , und „ das herrliche Leben “ ließ sich „ feindlich “ genug jeden Athemzug mit Schmerzen abkaufen . Die junge Mündel hatte kein Glas genommen , und der Herr Vormund hatte ihr auch keines angeboten . Der Blick des Mädchens glitt dunkel und ernstsprühend über seine lebhaft erregten Züge . Sie hatte nie geahnt , daß auch hinter diesem glatten , leidenschaftslosen Männerantlitze ein innerer Sturm aufwogen könne – und da war er in den unstät flackernden Augen , in dem leisen , konvulsivischen Beben der Lippen , in der ungewöhnlich lustig forcierten Stimme . Es war , als fühle der reiche Mann den Blick – er sah unwillkürlich nach der Fensternische , dann stellte er rasch sein Glas auf den Tisch und fuhr sich mit beiden Händen hastig über Stirn und Haar ; zu dem Kopfschmerze , der diesmal der Weinkur zu spotten schien , hatte sich für einige Sekunden nun auch ein leichter Schwindelanfall gesellt . 24. Der Polterabendlärm in der unteren Etage steigerte sich Nachmittags bis zur Unerträglichkeit . Die adeligen Rittergutsbesitzer aus der Umgegend fuhren vor und mußten einlogiert werden . Aus der Stadt wurden Korbwannen voll „ Theaterstaat “ herbeigeschleppt – die Darsteller sollten sich in der Villa kostümieren . Friseure und Schneidermamsells rannten aus und ein , und dazwischen trabten die Gärtnergehülfen immer noch von den Treibhäusern her nach der Villa , keuchend und schweißtriefend unter der Last mächtiger Palmen , Orangen- und Gummibäume . Bei all ’ dem dumpfen Geräusche unter ihrem Zimmer war Henriette doch in einen scheinbar erquickenden Nachmittagsschlummer gesunken . Im anstoßenden Kabinete saß Nanni , die Kammerjungfer , und nähte mit flinken Händen Silberflitter auf eine Gazewolke , deren die immer noch fieberhaft arbeitenden Tapezierer drunten im Saale bedurften . Käthe öffnete leise die Thür und empfahl dem Mädchen , wachsam zu sein und das Zimmer nicht zu verlassen , bis sie zurückkehre – dann ging sie hinab , um in der Mühle verschiedene Anordnungen zu treffen . Sie vermied es , den Hauptkorridor zu betreten – er wimmelte von ab- und zugehenden Menschen – und bog in den neben dem Saale hinlaufenden Gang ein . Er war weniger belebt , aber in der schmalen Thür , auf die er mündete und welche ins Freie führte , stand der Kommerzienrat , den Strohhut auf dem Kopfe und augenscheinlich im Begriff , nach dem Turme zu gehen . Er gab dem Lakai Anton , der ihn speciell bediente und deshalb mit ihm die Ruine bewohnte , einige in der Stadt zu besorgende Aufträge . „ Lasse Dir Zeit ! “ rief er dem Forteilenden nach . „ Erst nach sechs Uhr will ich mich umkleiden . “ Käthe schritt leise und langsam weiter ; sie hoffte , er werde nun auch die Schwelle verlassen und in den Garten hinaustreten , allein er schob mechanisch die Hände in die Seitentaschen seines leichten Ueberziehers und ging nicht . Zu seinen Füßen liefen einige Stufen hinab ; er stand ziemlich hoch und konnte von da aus ein bedeutendes Stück seines herrlichen Parkes übersehen , und das fesselte ihn offenbar an seinen Platz . Hatte er denn noch nie diesen Anblick in seiner überraschenden Schönheit so empfunden wie jetzt , wo die Spätnachmittagsbeleuchtung , in die sich bereits rosige Tinten des Abendlichtes stahlen , darüber hinfloß ? … Immer wieder zeigte die Bewegung seines Kopfes , daß er die Augen rundum schweifen lasse , aber das junge Mädchen sah auch , daß sein Oberkörper unter fliegenden , gepreßten Athemzügen förmlich bebte ; sie sah , wie sich seine Hände in den Taschen krampfhaft ballten , wie die Rechte plötzlich aufzuckend nach der Stirn fuhr und sich über die Augen legte . Er kämpfte jedenfalls mit dem Unwohlsein , über welches er heute Morgen geklagt und das er standhaft verbiß , um die Abendfestlichkeiten nicht zu stören . Sie trat jetzt geflissentlich fester auf , und bei dem Geräusche fuhr er herum . „ Dein Kopfweh hat sich verschlimmert ? “ fragte sie theilnehmend . „ Ja – und ich habe in diesem Augenblicke wieder einen beängstigenden Anfall von Schwindel gehabt , “ antwortete er mit unsicherer Stimme und drückte sich den Hut tiefer in die Stirn . „ Kein Wunder ! Hätte ich eine Ahnung gehabt von den tausend Widerwärtigkeiten , die mit dieser Polterabendfeier verknüpft sind , ich hätte ganz gewiß davon abgesehen , “ setzte er gefaßter , aber