Bewußtlosen , die einzige Begierdelose von so vielen Begehrenden . Dann war es ihr , als müsse sie Wache halten , als habe sie allein die ganze Würde der Menschheit zu wahren , so lange diese im Schlummer sich derselben begeben ; als dürfe sie erst ruhen , wenn jene wieder zum Bewußtsein ihrer selbst erstanden . Das Fieber der Nacht , das Tausende auf ihrem heißen lager mit allen Foltern der Sünde und Sorge quält , es nahte ihr nicht ; wo ein Herz die kühlen Strahlen der Sterne in sich aufgesogen hat , weichen alle irdischen Gespenster , denn im Lichte ist Frieden ; im Anblick der Unendlichkeit offenbart sich uns die Ahnung der Ewigkeit und wesenlos verschwindet davor jedes zeitliche Weh . Aber wenn dann Stern um Stern erlosch , und der Mond längst hinabgeglitten war , — dann küßten die ersten Strahlen des Frührotes eine leichenhafte Stirn , und todesmatt brach sie zusammen ; das heilige Feuer ihrer Seele hatte die kraft des Körpers aufgezehrt und erstarb mit dieser . Still und klaglos sank sie zur Ruhe , — wie die leuchtenden Gestirne der Nacht vor dem nahenden Morgen erbleichen . So auch heute . Mit der weichenden Dunkelheit stieg sie hinunter in ihre Gemächer und suchte in einem kurzen Schlummer so viel Stärkung zu finden als nötig , um ihr mühevolles Tagewerk wieder beginnen zu können . „ Je mehr ich geschlafen , desto weniger habe ich gelebt “ , antwortete sie auf die Vorstellungen der besorgten Dienerin . „ Alles ist so schön auf der Welt , wir dürfen keinen Augenblick versäumen . Ist uns doch nur eine so kurze Spanne zugemessen , um ihre Herrlichkeiten zu genießen . “ „ Genießen ! Du lieber Himmel , was genießen Sie denn ? Sie tun ja nichts als arbeiten ! “ „ Das eben ist mir Genuß , gute Willmers ! Denn meine Arbeit ist nichts Anderes , als ein Anschauen und Erkennen der Schönheiten der Schöpfung . Damit würde ja ein Unsterblicher nicht fertig — und nun vollends solch ein Augenblick wie unser Dasein ! Sollen wir ihn noch verkürzen dadurch , daß wir es verschlafen ? Hat uns die Natur , die uns einige achtzig Jahre Leben lieh , nicht um beinahe die Hälfte betrogen , indem sie uns die Notwendigkeit auferlegte , von je vierundzwanzig Stunden sieben bis neun bewußtlos zu verbringen ? Ich trotze ihr , so lange ich kann , und behaupte mein Recht , das geliehene Gut auszunützen , wie ich , nicht wie sie will ! “ Frau Willmers sah das blasse Antlitz der stolzen Sprecherin mit tiefer Bekümmernis an . Als sie so dalag in ihrem Bette , farblos , wie ihre weißen Kissen , mit herabgesunkenen Augenlidern , die schmalen Hände wie die einer Leiche schlaff auf der Decke hingestreckt , nur schwach und kurz atmend — da schnürte es der treuen Seele die Brust zusammen , denn sie sah , daß die Natur bereits begonnen habe , sich für diesen Trotz zu rächen . Sie umhüllte sie sorglich mit einer weichen Decke . „ Sprechen Sie jetzt nicht mehr , liebes Fräulein . Sie sind zu angegriffen . “ „ Sie sind es auch , Willmers , warum lassen Sie es sich nicht nehmen , aufzustehen , so oft ich zu Bette gehe ? “ „ Weil ich immer denke , ich zwinge Sie dadurch , aus Rücksicht für mich zu tun , was Sie nicht für sich tun wollen , sich früher eine Ruhe zu gönnen , die kein Mensch ungestraft entbehrt , nicht der Stärkste , geschweige denn ein so zartes Wesen wie Sie . “ Ernestine reichte ihr matt die Hand . „ Sie sind gut , wahrhaft selbstlos , aber Sie können mich nicht verstehen , liebe Willmers . Und wenn Sie darauf beharren , mir Ihre Nachtruhe zu opfern , so muß ich Ihnen ein entfernteres Zimmer anweisen , wo Sie mich nicht mehr beobachten können ! Ich danke Ihnen herzlich für Ihre Sorgfalt . Gute Nacht ! “ „ Gute Nacht “ , sagte die Willmers traurig und zog , ehe sie ging , die Gardinen zu , um die ersten Sonnenstrahlen auszuschließen , die golden auf Ernestinens Decke spielten . _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ In derselben Nacht wälzte sich die Gräfin von allen Furien gepeitscht , auf ihrem Lager . Sie konnte den Tag nicht erwarten , an dem sie ihre Nebenbuhlerin sehen sollte , und dieselbe Morgensonne , die Ernestinens Schlummer mit freundlichen Bildern durchwob , — denn auch das geschlossene Auge empfindet ja das Licht und führt es der ruhenden Seele zu , — dieselbe Morgensonne jagte das gequälte Weib aus dem seidenen Bette auf . Sie kannte keine Müdigkeit . Ihr gewaltiger , durch Abhärtung gestählter Körper widerstand jeder Anwandlung von Schwäche . Ihre Leidenschaften waren Kinder ihrer wilden Kraft , sie zehrten diese nicht auf , sie waren sich einander ebenbürtig . Es gab für sie keine physischen wie keine moralischen Schranken , auch keine geistigen . Sie war begabt , aber sie mochte nicht viel denken ; das Denken war ihrer Ansicht nach eine Fessel , die der Geist der Sinnlichkeit anlegte . Das Wissen hatte auch eine Grenze , die der nicht kannte , der nichts wußte . Sie wollte fessel- und zügellos sein , drum gab sie sich mit nichts ab , was sie in ihrer frivolen Sicherheit erschüttern und beunruhigen konnte — hatte sie doch Geist genug , um zu fühlen , daß das Denken zu Resultaten führt , die einer Lebensphilosophie wie der ihren sehr gefährlich werden konnten . „ Der Mann ist da zum Arbeiten , das Weib zum Genießen ! “ Das war ihr Motto , welches