, keine Pflicht zu verabsäumen . Daniel und Lenore schauten einander verlegen an , bald jedoch verwandelte sich die Verlegenheit in wechselseitiges Entzücken , und sie konnten die Blicke nicht mehr eins vom andern losreißen . In Daniels sinnlicher Anlage war nichts von Verführertum . Dafür war er von seinen Wünschen und Begierden in hohem Grad abhängig , und in seinem leidenschaftlichen Eigensinn wurde er nicht selten rücksichtslos . Doch hatte dann Lenore eine tiefkundige Ruhe , heitere Bestimmtheit an ihrem Ort und Nachgiebigkeit an ihrem Ort . So viel Ansprüche an Geduld und Maß hätten einen politisch gestählten Geist und das erfahrenste Herz müde machen können , sie aber fand sich durch den unbeirrbaren Instinkt ihrer Natur zurecht und war niemals müde . Wogegen er sich am häufigsten aufbäumte , war das , was er die bürgerliche Vorsicht an ihr nannte , die Wahrung des notwendigen Scheins . Er wollte die Stunden seiner Liebe nicht wie ein erstohlenes Gut in Besitz nehmen , nicht über Flur und Stiege schleichen , nicht flüstern , nicht die heimlichste Stunde abwarten , nicht mit Bangen und Zagen kommen und gehen . Es ist nicht erforderlich , diesen Heimlichkeiten nachzulauschen ; wir wollen nicht dem bösen Geist Asmodei ins Handwerk pfuschen , der die Dächer durchsichtig macht und in die Schlafkammern blickt , wir wollen nicht Daniels Spion sein , wenn er in mitternächtiger Stunde die Mansarde verläßt und auf Filzschuhen sich am Geländer heruntertastet , wir wollen nichts von Lenores Qual und Verlangen , von ihrem Harren , von ihrem Flüchten , von ihrer Abwehr , von ihrem Unterliegen erzählen ; über diese Dinge wollen wir hinwegsehen , ein erbarmender Vorhang falle über sie , denn sie sind gar zu menschenhaft und wunderlos . Nur an eine einzige Nacht sei gerührt , wo Daniel in Lenores Kammer trat und zu ihr sagte : » Ich habe dich noch nie gesehen wie ein Liebender seine Geliebte . « Lenore saß auf dem Rand ihres Bettes und begann zu zittern . Darnach blies sie die Kerze aus , Daniel hörte das Rascheln ihrer Gewänder , und nun ging sie zum Ofen , machte das Feuertürchen auf , und weil im Ofen helle Kohlenglut war , stand sie von Purpurdunst beleuchtet da , und der magere , zarte , nackte Leib , eigentümlich figurenhaft , war von der harmonischesten Beseelung erfüllt . Und da nun das Spiel der Glieder , als sie das Licht wußten , plötzlich von Scham gehemmt wurde , bog Lenore den Kopf zur Wand , wo immer noch die Maske der Zingarella hing , die Daniel ihr gelassen hatte . Sie nahm die Maske vom Nagel , hielt sie mit beiden Händen , so daß die Glut auch auf den weißen Gips fiel , dabei senkten sich ihre Augen , und sie lächelte in einer Weise , die Daniel durch und durch erschütterte . Etwas Ewiges langte an sein Herz , Ahnung des Endes , Schicksalsfurcht . Zur gleichen Zeit hatte sich Gertrud in ihrem Bett aufgerichtet und starrte mit Augen , als erblicke sie dorten wen , gegen ihre Stubentür . Nachdem sie lange hingestarrt hatte , erhob sie sich , öffnete die Tür , ging unhörbar in den Flur , kehrte wieder um , ging noch einmal hinaus und begab sich dann , die Tür offen lassend , wieder ins Bett , wo sie aufrecht sitzen blieb und nun auf die Tür draußen überm Flur starrte , hinter welcher sie Daniel und Lenore wußte . Von ihrem Haupt hing links und rechts ein Zopf herab , und inmitten des dunkeln Haars oben und der dunkeln Zöpfe an den Seiten glich ihr Gesicht einer Wachsform in einem düstern alten Rahmen . Kein Zucken der Muskeln gab Kunde von den Bildern , die sich in ihrem Geiste drängten . Hinter jener Tür lag für sie die ganze Welt . Ihr schien , sie könne es nicht mehr aushalten , das Wissen darum . Überall schlichen sie über die Gänge der Wohnungen , überall lockte ein Weib , zu jedem Weib gesellte sich ein Mann , und sie umschlangen einander und gruben einander die Zähne ins Fleisch . Es war so lästerlich als unsinnig , ein Elend und ein Grauen . Überall sah sie das verwerflich Entblößte , alle Kleider waren wie aus Glas , sie konnte weder Weib noch Mann anschauen , ohne zu erbleichen . Sie hatte nur eine einzige Zuflucht , an der Wiege des Kindes hinzustürzen und zu beten . Stand sie aber wieder auf , so atmete sie wieder in der vergifteten Luft , und das Verlangen , sich zu reinigen von dem Verbrechen , an dem sie sich schuldig fühlte , ohne daß sie bis jetzt hatte ergründen können , was für ein Verbrechen es eigentlich war , raubte ihr den Schlaf . Ihr war nur zumut , als hänge über ihrem Kopf ein schwerer Stein , der sich langsam löste und jeden Tag schrecklicher mit seinem Sturz drohte . Stunde um Stunde war verronnen , da trat endlich Daniel in den Vorplatz . Er erschrak nicht wenig , als er den Lampenschein und die aufrecht im Bett sitzende Gertrud gewahrte . Er ging in die Kammer , schloß die Tür , ging an die Wiege , schaute auf das schlummernde Kind nieder und trat dann zu Gertrud . Sie heftete einen unendlich aufmerksamen Blick in sein Gesicht , einen Blick , der um ein Urteil zu fragen , um einen Richterspruch zu flehen schien . Zugleich aber streckte sie abwehrend die Arme gegen ihn , und als er betroffen stehen blieb , milderte sich der Ausdruck ihrer Augen , und sie sagte : » Gib mir die Hand . « Sie nahm seine Rechte , streichelte sie und flüsterte : » Die arme Hand , die arme Hand . « Daniel biß die Zähne zusammen . » O , Frau , « sagte er . Er setzte sich an den Rand des Bettes und schwieg