ab . Georg blieb noch einen Augenblick auf der Veranda stehen . In dem großen Zimmer , das in Spätnachmittagsdämmer zu versinken begann , an der Wand auf dem Sofa , ganz in sich zusammengesunken , sah er Frau Rosner sitzen . Er entfernte sich , spazierte rund um das Haus herum und begab sich dann über die Holzstiege in seine Mansarde . Er warf sich aufs Bett , schloß die Augen ; nach ein paar Minuten stand er auf , ging im Zimmer hin und her , gab es aber wieder auf , da der Boden krachte . Er trat auf den Balkon . Auf dem Tisch lag die Partitur des » Tristan « aufgeschlagen . Georg blickte in die Noten . Es war das Vorspiel zum dritten Akt . Die Klänge tönten ihm im Ohr . Meereswellen schlugen dumpf an ein Felsenufer , und aus trauriger Ferne klang die wehe Melodie des englischen Horns . Er sah über die Blätter weg in den silberweißen Glanz des Tages . Sonne lag überall , über Dächern , Wegen , Gärten , Hügeln und Wäldern . Dunkelblau breitete der Himmel sich hin , und Ernteduft stieg aus den Tiefen . Wie stand es heute vor einem Jahr mit mir ? dachte Georg . Ich war in Wien , ganz allein . Ich ahnte noch nichts . Ich hatte ihr ein Lied geschickt ... » Deinem Blick mich zu bequemen ... « Aber ich dachte kaum an sie ... Und jetzt liegt sie da unten und stirbt ... Er erschrak heftig . Er hatte denken wollen ... sie liegt in Wehen , und auf die Lippen gleichsam hatte es sich ihm gestohlen : sie stirbt . Aber warum war er denn erschrocken ? Wie kindisch . Als gäb es Ahnungen solcher Art ! Und wenn wirklich Gefahr da wäre und die Ärzte sich entscheiden müßten , so hatten sie natürlich vor allem die Mutter zu retten . Darüber hatte ihn ja Doktor Stauber vor wenigen Tagen erst aufgeklärt . Was ist denn ein Kind , das noch nicht gelebt hat ? Nichts . In irgend einem Augenblicke hatte er es gezeugt , ohne es gewünscht , ohne nur an die Möglichkeit gedacht zu haben , daß er Vater geworden sein könnte . Wußte er denn , ob er es nicht vielleicht auch vor wenigen Wochen geworden war , in jener dunkeln Wonnestunde , hinter geschlossenen Läden ... auch damals Vater , ohne es gewollt , ohne nur an die Möglichkeit gedacht zu haben ; und vielleicht , wenn es geschehen war , ohne es jemals zu erfahren ? Er hörte Stimmen , sah hinunter ; der Kutscher des Professors hatte ein Dienstmädchen am Arm gefaßt , das sich nur wenig sträubte . Auch hier wird vielleicht zu einem neuen Menschenleben der Grund gelegt , dachte Georg und wandte sich angewidert fort . Dann trat er ins Zimmer zurück , füllte sich seine Zigarettentasche sorgfältig aus der Schachtel , die auf dem Tisch stand , und plötzlich kam ihm seine Aufregung unbegründet , ja kindisch vor . Und es fiel ihm ein : Wie Anna jetzt , so lag auch meine Mutter einmal da , eh ich zur Welt kam . Ob mein Vater auch in solcher Angst herumgegangen ist ? Ob er heute hier wäre , wenn er noch lebte ? Ob ich ' s ihm überhaupt gesagt hätte ? Ob all das geschehen wäre , wenn er lebte ? Er dachte an schöne , sorgenlose Sommertage am Veldeser See . Sein behagliches Zimmer in des Vaters Villa schwebte in seiner Erinnerung auf , und in dumpfer , beinahe traumhafter Weise wurde ihm die kahle Mansarde mit dem krachenden Fußboden , in der er sich eben befand , zum Bilde seiner ganzen jetzigen Existenz , gegenüber dem sorgen- und verantwortungslosen Dasein von einst . Er erinnerte sich eines ernsten Zukunftsgesprächs , das er vor ein paar Tagen mit Felician geführt hatte . Gleich darauf kam ihm die Unterredung mit einer Frau vom Land in den Sinn , die sich mit dem Anerbieten gemeldet hatte , das Kind in Pflege zu nehmen . Mit ihrem Mann besaß sie ein kleines Gütchen nahe der Bahn , nur eine Stunde weit von Wien , und im vorigen Jahr war ihr das eigene Töchterl gestorben . Das Kleine sollte es gut bei ihr haben , hatte sie versprochen , so gut , als wenn es gar nicht bei fremden Leuten wäre . Und wie Georg daran dachte , war ihm plötzlich , als stände ihm das Herz still . Eh es dunkel ist , wird es da sein ... das Kind . Sein Kind , auf das schon irgend eine Fremde wartete , um es mit sich zu nehmen . Er war so müde von den Aufregungen der letzten Tage , daß ihn die Knie schmerzten . Er erinnerte sich ähnlicher körperlicher Empfindungen aus früherer Zeit , vom Abend nach der Maturitätsprüfung und von der Stunde in der er Labinskis Selbstmord erfahren hatte . Vor drei Tagen , als die Wehen anfingen , wie anders , wie freudig und erwartungsvoll war ihm da zumut gewesen ! Jetzt spürte er nichts , als ein Abgeschlagensein ohnegleichen , und immer unangenehmer empfand er den muffigen Geruch der Mansarde . Er zündete sich eine Zigarette an und trat wieder auf den Balkon hinaus . Die warme , stille Luft tat ihm wohl . Auf dem Sommerhaidenweg lag noch die Sonne , und vom Friedhof her , über die Mauer , schimmerte ein vergoldetes Kreuz . Er hörte unter sich ein Geräusch . Schritte ? Ja , Schritte und auch Stimmen . Er verließ den Balkon , das Zimmer , lief über die knarrende Holztreppe hinab . Eine Tür ging , eilige Schritte waren im Flur . Im nächsten Moment stand er auf der untersten Stufe , Frau Golowski gegenüber . Sein Herz stand ihm stille . Er öffnete den Mund ohne zu fragen . » Ja « , nickte