, wie groß ! Liebe , Liebe , laß mich los . Das Licht in Konstantiens letzten Zimmern verlosch bis auf einen matten , kaum sichtbaren Schein . Der Sänger glaubte die Gardine sich bewegen zu sehen , aber die Dunkelheit war zu groß , um etwas genau unterscheiden zu können . Darüber konnte er sich aber nicht füglich täuschen , daß in den noch erleuchteten Sälen ein Fenster geöffnet und der Vorhang in die Höhe gezogen wurde . Ein Lichtschimmer fiel auf die Straße , oben am Fenster sah Valerius den alten Grafen mit seinen weißen Locken erscheinen , und es war ihm , als mache der alte Mann eine abwehrende Bewegung mit der Hand . Der Sänger war aber im Übermute seiner erwachenden Leidenschaft und seines Liedes - es ist auch schwerer , als viele glauben , vom Singen zum plötzlichen Verstummen überzugehen - und er wiederholte , die Straße hinabschreitend , die Schlußverse : Die Verändrung , ach , wie groß ! Liebe , Liebe , laß mich los . 20. Am andern Tage ritt er durch dieselbe Straße . Niemand war an den Fenstern zu sehen , die Gardinen in Konstantiens Zimmern hingen wie Tagsgespenster hinter den Scheiben , obwohl es beinahe Mittag war . Valerius wurde verdrießlich und dachte einen Augenblick daran , als er vom Spazierritt nach Hause gekommen war , Konstantien zu schreiben . Aber er verwarf den Gedanken schnell . Konnte nicht das ganze Verhältnis , das er sich mit ihr gebildet hatte , eine Täuschung sein , wenigstens zur Täuschung gemacht werden ? Er kannte die Fürstin als ein überaus stolzes Weib , sie war ihm mit einem überschwellenden Herzen entgegengekommen , er hatte sich zurückgezogen ; nein , er konnte nicht schreiben , die Furcht seines Stolzes ließ es nicht zu . Und doch gestand er sich ' s , daß es keinen Stolz geben könne der wirklichen Liebe gegenüber . Sein Herz hoffte aber zuversichtlich , sie werde diesen Abend in der Gesellschaft erscheinen , er werde sie sehen und sprechen . Da trat Manasse in sein Zimmer , eine unerwartete Erscheinung . Valerius hatte ihn nicht mehr gesehen , seit er in Warschau war , und es kam ihm vor , als sei der alte Mann in dieser kurzen Zeit auffallend gealtert , seine Züge erschienen ihm noch spitzer , die Augen noch tiefer , dem Grabe immer näher sich zukehrend . » Herr , « sprach der Alte , » mein Sohn Joel ist krank , und sein Herz sehnt sich nach Ihnen , lassen Sie sich hernieder , unter das Dach eines armen Juden zu treten , vielleicht können Sie helfen meinem armen Joel , ich kann es nicht . « Seine Arme , die er während des Redens erhoben hatte , sanken schlaff zurück , der Kopf neigte sich auf die Brust , der lange Bart zitterte , und das blaßgelbe Gesicht ward von jenem zerbrochenen Ausdruck des Schmerzes überzogen , der einer völligen Gefühllosigkeit ähnlich sieht . Valerius war sogleich bereit , und auf dem Wege fragte er den Alten , was Joel fehle . Er fragte um zu fragen , obwohl er die Krankheit mit all ihrer Schwere zu kennen glaubte . Manasses vergrabene Augen stiegen bei dieser Frage herauf aus ihren Höhlen , und sahen mit einem entsetzlichen Ausdruck nach dem Himmel - mit der Hand wies er auf eine schwarze Wolke , welche die Sonne bedeckte . » Adonai weiß es , « sagte er mit leiser , aber entsetzlicher Stimme , und nach einer Weile setzte er wie in Geistesabwesenheit hinzu : » Was wollen wir klagen ? Adonai leidet gleich uns , und alle Nächte weint er auf den Trümmern Zions voll Reue und Gram , brüllend wie ein Tiger , und in Verzweiflung , sich auf immer mit seinem Volke überworfen zu haben - was wollen wir klagen , die ganze Welt ist ein Wehe - - ach , mein Sohn Joel ! « Mit einem leisen Schauer hörte Valerius diese talmudistischen Dinge und schritt hastig vorwärts , in eine Straße hinein , welche größtenteils von Israeliten bewohnt schien . Juden , die ihnen begegneten , sahen mit einem Gemisch von Scheu und Ehrfurcht auf den alten Manasse - er trat in ein kleines Haus , durchschritt den Hof hinter demselben , wand sich durch mehrere Gänge des Hintergebäudes und öffnete endlich die Türe eines kleinen abgelegenen Zimmers . Obwohl es noch heller Tag draußen war , brannte doch hier eine Lampe ; man sah nirgends ein Fenster , Joel lag auf einem alten Sofa , das mit einem schwarzen , jetzt abgeriebenen Seidenstoffe überzogen war . Sein Gesicht war in die Kissen gedrückt , und er gab kein Lebenszeichen von sich . » Mein Sohn Joel , « sprach Manasse mit jener leisen geisterhaften Stimme , » er ist da , jener Mann aus Deutschland , den du hältst für deinen Freund . « Joel wendete sich herum und streckte die Hand nach Valerius aus - sein Gesicht , halb bedeckt von den langen , lockigen Haaren , sah zerstört aus wie eine verwüstete Kirche , wie ein schönes Gemälde , von dessen Antlitz man das Leben ausgetilgt hat durch eine darüber gestrichene weiße Farbe . Valerius erschrak im Innersten , und die feuchte kalte Hand pressend fragte er bekümmert , was ihm fehle , was er für ihn tun könne . Joel warf einen bittenden Blick auf seinen Vater . » Warum soll ich es nicht hören , Joel , « sprach dieser , » was dich danieder wirft , ich bin auch jung gewesen und habe gelitten wie du - aber ich will gehen , wenn der Herr mir gut steht , daß dir kein Unglück begegnet , während ich fern bin - Joel , mein Kind , verlasse nicht frühzeitig deinen alten Vater . « Langsam ging der Alte hinaus , und man hörte es , wie er sich unweit der Türe auf den