Chadrur vor mir liegen , welcher die Herberge sein soll , in die der barmherzige Samariter seinen Pflegling brachte . Dort habe ich für eine Flasche allerschlechtesten Bieres drei Mark bezahlt . Ein Glas widerlich parfümiertes Wasser kostete einen Frank . Wer aus Sparsamkeit nicht einkehrt , ist des fernern Weges nicht sicher . Die Verhältnisse sind nach zweitausend Jahren noch ganz dieselben . Das ist » das gelobte Land « ! Wie herrlich weit hat man es dort gebracht ! Damals war der Samariter , der verachtete Ketzer , der Barmherzige . Wie ist es jetzt ? Wenn ich mir diese Frage unter dem Sternenhimmel Jericho ' s vorlegte , so stand kein Stern mehr über Bethlehem , und keine Schar der Engel fand sich ein , um ihr » Et in terra pax , hominibus bonae voluntatis « zu singen . Vor christlicher Zeit wurde der Jude von Räubern überfallen , beraubt und fast erschlagen . Jetzt , nach zwanzighundert Jahren , steht es nicht besser um diese und ähnliche , oft intellektuelle und moralische Wegelagerei . Jetzt fallen Christen über Christen her . Besonders wer es wagt , nicht den von jedermann betretenen sondern , seinen eigenen Glaubensweg von oder nach der heiligen Stadt zu gehen , der kann sehr leicht an sich selbst erfahren , was Lucas 10 Vers 30 zu lesen ist . Christus wußte gar wohl , weshalb er grad dem Schrift- und Buchstabenstolz mit seinem Gleichnisse vom barmherzigen Samariter diese ewig unheilbare Wunde schlug . Auch wir Christen haben unser Jerusalem und unser Jericho mit dem » Toten Meere « in der Nähe . An dem Wege zwischen beiden liegt das un- mit dem egogläubigen Strauchrittertum im Hinterhalte . Wo ist die Humanität , die wahre christliche Liebe und Barmherzigkeit ? Soll sie auch noch in der Gegenwart nur dem ketzerischen Samariter überlassen bleiben ? Gehen etwa auch jetzt noch Priester und Leviten an dem Angefallenen vorüber , ohne sich seiner anzunehmen ? Solche Fragen kamen mir in den Sinn , als ich des Nachts unter den staubigen Oleandern von Jericho saß und an die göttliche Lehre von der Nächstenliebe dachte . Dagegen hier im christenfernen Kurdistan ! Welch eine herrliche Auslegung hatte da das Gleichnis des Herrn an uns selbst gefunden . Wer und was waren hier die Barmherzigen ? Etwa Christen ? Priester und Leviten ? Vielleicht auch nur Ketzer , denn ich hatte ja ihre Glaubenssatzungen noch gar nicht kennen gelernt . Es war bisher nur von Chodeh , also von Gott gesprochen worden . Gab es bei ihnen überhaupt Satzungen ? Waren sie mir verschwiegen worden , weil man annahm , daß nur die Liebe , nicht aber die Konfession barmherzig sei . Was für ganz andere , viel tröstlichere Gedanken waren mir gestern abend unter dem hiesigen Sternenhimmel gekommen ! Hier war ich nicht um meines Dogma willen , sondern als Mensch von guten Menschen aufgenommen und mit größter Aufopferung gepflegt worden . Niemand hatte mich gefragt , wo ich getauft und wo ich konfirmiert oder gefirmt worden sei . Giebt das der Liebe einen mindern oder höhern Wert ? » Wer ist mein Nächster ? « - » Der , welcher die Barmherzigkeit an mir that ! « Wenn aber ein Christ mir Haß oder Neid anstatt der Liebe giebt , was ist er dann für mich ? Mein Nächster ? Oder noch schlimmer als nur fremd ? Ist er dann überhaupt ein Christ ? Wie herrlich war der Nachmittag unter den Platanen , in deren Schatten man für mich die Kissen zum Sitzen ausgerichtet hatte . Die Sonne brannte , doch konnten die Strahlen nicht durch die dichten Wipfel dringen . Die Rosen dufteten ; jede Pflanze schien Wohlgeruch auszuatmen . Ich befand mich nicht weit genug vom Hause entfernt , um es und seine Lage ganz überschauen zu können . Es stand auf kompaktem Felsengrund , dessen Spalten durch festes Mauerwerk ausgefüllt worden waren . Sein hinterer Teil nahm die natürlichen Höhlungen des Gesteines ein . Der vordere Teil ragte frei empor , mehrere Stockwerke hoch und war von ansehnlicher Breite . Das Dach war glatt , vorn mit einer assyrischen Mauerkrönung ; wie man sie in Dur-Sargon zu sehen bekommt . Doch habe ich ganz ähnliche Krönungen auch in alten Orten des obern Niles getroffen . Ueber dem Dache gab es in dem Felsen offene Höhlungen , zu denen schmale Stege emporführten . Das erinnerte mich lebhaft an den » Stabl Antar « bei Siut , der ganz ebenso zu ersteigen ist . In einer dieser Höhlen sah ich die beiden Glocken hängen . Sie war halbkugelförmig ausgebaucht . Die Tonschwingungen konnten nur nach der einen , offenen Seite fließen , was ihnen eine erhöhte Stärke und beträchtlich erweiterte Hörbarkeit verlieh . Glocken hier im persischen Kurdistan ? So wird wohl mancher fragen . Ich habe freilich viele , viele Menschen kennen gelernt , welche der falschen Ansicht sind , daß nur das Christentum Glocken besitze und daß es in früherer Zeit noch keine gegeben habe . Wenn sogar im Konversationslexikon von Pierer zu lesen ist , daß die Glocken eine Erfindung der christlichen Kirche seien , so darf man sich nur wundern . Kleinerer Glöcklein bediente man sich schon im frühesten Altertume ; aber schon im alten China gab es größere und sogar große . Die zu Peking ist über zwölfhundert Zentner schwer und fast fünf Meter hoch . In Aegypten wurden die Osirisfeste durch Glockenspiele eingeläutet . Man hat kleine Bronzeglocken in Assyrien ausgegraben . Im alten Indien wurden die Buddhisten durch große , metallene Glocken zum Gottesdienste zusammengerufen . Bei den Griechen bedienten die Priester der Kybele und der Persephone ihre Glocken , und Kaiser Augustus ließ eine Glocke vor dem Tempel des Jupiter aufhängen . Glocken indischer oder assyrischer Form kamen nach Persien . Die griechische Kirche liebte und verbreitete besonders das Glockenspiel . Im Quellenlande des Euphrat und des Tigris , wo es heut noch Christen uralten Bekenntnisses giebt