sich getäuscht ? Waren diese » Krieger des großen , guten Manitou « Phantasiegestalten , Gebilde seiner eigenen Anima ? Das konnte ich bei seiner beispiellos scharfen Beobachtungsgabe doch wohl kaum annehmen ! Und selbst wenn ich seinen Worten vollen Glauben schenkte , so war damit noch nichts für die Erklärung des heutigen Vorganges , des Schlafsprechens und gar der Wesenszweiheit des Münedschi gethan . Auch während der tiefsinnigen Reden meiner alten , hochehrwürdigen Marah Durimeh124 war manches Wort gefallen , welches über das Diesseits hinüberzeigte , doch aber keines , an welches ich mich jetzt hätte halten können . Ganz selbstverständlich lag mir vor allen Dingen die Frage nahe , welche Stellung ich als gläubiger Christ zu dem , was ich gesehen und gehört hatte , einnehmen sollte . Da konnte ich denn in allem , was der angebliche Ben Nur gesagt hatte oder , anders ausgedrückt , in allen Reden , welche ihm zugeschrieben werden sollten , nichts entdecken , was ich als glaubensfeindlich zu bezeichnen hätte . Es bezog sich alles nur auf die Sterbestunde , nicht auf den Himmel selbst , denn wir hatten uns ja vorzustellen gehabt , daß der Blinde nicht im , sondern am Jenseits stehe . Bedenklich waren mir nicht seine Worte , sondern war mir nur er selbst , und wenn wir es da mit einem Nervenkranken , einem Somnambulen oder Noctambulus zu thun hatten , so war das eine rein ärztliche , aber keine theologische Angelegenheit . Uebrigens hatte er so manche , wenn auch nicht landläufige Idee ausgesprochen , die schon längst die meinige auch war . Freilich war der Eindruck , den die Stunde dort auf dem Felsen auf mich gemacht hatte , kein gewöhnlicher . Das Vorhergeschehene , die Oertlichkeit , die Person des Blinden , seine tief ergreifende Ausdrucksweise , das hatte sich zur Hervorbringung einer Wirkung vereinigt , welche ebenso tief wie nachhaltig war . Was hätte ich nicht für die Berechtigung gegeben , annehmen zu dürfen , daß dieser Ben Nur , dieser » Sohn des Lichtes « kein Phantom sei ! Ich war so in Sinnen und Grübeln versunken , daß ich , um darauf eingehen zu können , mich zusammennehmen mußte , als Halef nach längerer Zeit endlich fragte : » Sihdi , geht es dir auch so wie mir ? Ich will einschlafen und kann doch nicht . Was ich gehört habe , wird zur That ; die Worte verwandeln sich in Gestalten . Ich stehe an der Pforte des Jenseits , inmitten der Todesstunde , und sehe die Schären der Unseligen und Seligen nach El Mizan , der Wage der Gerechtigkeit , an mir vorüberziehen . Wie werde ich von jetzt an flehend beten , dereinst nicht zu denen zu gehören , welche in den Abgrund des Verderbens stürzen ! Und welche Mühe werde ich mir geben , so zu leben , daß einer der Engel , welche an der Wage flehen , meine Hand fasse und mich glücklich über Es Ssiret , die Brücke des Todes , nach dem Thore der Seligkeit bringe ! Wahrlich , ich sage dir , dieser Ben Nur , von dessen Dasein ich bis heut gar nichts wußte , hat einen ganz , ganz andern Menschen aus mir gemacht ! Ich sage nichts , und ich verspreche nichts , aber du wirst es sehen und beobachten ! « Es war eine heilige Begeisterung , welche aus ihm sprach , und mit ganz demselben Enthusiasmus ließ auch der Basch Nazyr seine Worte folgen : » Ja , Effendi , ich stimme Hadschi Halef vollständig bei . Was bin ich doch bisher für ein armer , sündhafter , unnützer Mensch gewesen ! Wie viele , viele Worte Ben Nurs klangen so , als ob sie nur für mich gesprochen worden seien ! Höre , was ich dir sagen werde ! Oder errätst du es vielleicht schon ? « » Nein , « antwortete ich . » Die Liebe , die Liebe , die hat es mir angethan , die hat mich so tief ergriffen . Die Milde , die Barmherzigkeit , die Versöhnlichkeit und das Vergeben ! Wer hier nicht vergiebt , dem wird dort auch nicht vergeben werden ! Mir ist himmelangst geworden . Es bangt mir vor El Mizan , der fürchterlichen Wage der Gerechtigkeit ! Wir haben die Mekkaner zur Bastonnade verurteilt ; aber wenn es auf mich ankommt , so werden sie keinen Schlag erhalten , keinen einzigen Schlag . Allah behüte ! Mir soll diese Bastonnade nicht im Jenseits angerechnet werden ! Du wirst einverstanden sein ; aber was sagt Hadschi Halef Omar dazu ? « Jetzt war ich gespannt auf die Antwort meines kleinen Halef . Er , der an seiner Kurbadsch mit so großer Liebe hing und nicht gern eine Gelegenheit , sie in Bewegung zu setzen , vorübergehen ließ , sagte : » Ich stimme bei . Ich haue sie nicht und lasse sie auch nicht hauen . Sie mögen unbestraft weiterziehen , bis nach Mekka und dann hinauf zur Brücke der Gerechtigkeit . Dort oben wird ihnen dann gewißlich werden , was sie verdienen ; ich rühre keine Hand . Ihr habt gehört , was Ben Nur von den Richtern sagte : Sie werden im Jenseits so gerichtet , wie sie hier im Diesseits gerichtet haben . Ich richte nicht ! Habe ich recht , Sihdi ? « » Ja und auch nein . Der Unberufene soll nicht richten . Der Richter aber hat das Gesetz zu vertreten und muß nach den Vorschriften desselben sein Urteil fällen . Jene strenge Wage der Gerechtigkeit verlangt nicht , daß der Missethäter unbestraft bleibe ; aber da wir das Gestohlene wiedererlangt haben und Khutab Agha sowohl Richter als auch Vertreter des Kanz el A ' da ist , so bin auch ich der Meinung , daß wir den Dieben die allerdings verdiente Strafe erlassen , die sie wohl auch ohnedem nicht erhalten hätten , wenigstens nicht in der Weise oder