verwünschten Klause , in der auch das Unglück ihrer Mutter anfing , war es mir , als stündest du selbst vor mir so wie in deinen jungen Jahren . Und als er kam , als ich ihn sprechen hörte und bei der Arbeit sah - ganz wie du , Werner - da hatte ich keinen Zweifel mehr ! Und in der Ulmenallee , bei dieser unglückseligen Menageriegeschichte , als der Adler nach ihm hackte , da sah ich nur dich in ihm . Und da kam der Mut ! Ich mußte ! Und wär ' es nicht nur ein Adler gewesen , ein Tiger , ich hätt ' ihn gepackt ! « In ihrer Erregung griff sie mit beiden Händen in die Luft und stieß einen Wehruf aus - sie hatte des wunden Armes vergessen . » Gundi ! « » Laß , Werner ! Jetzt haben wir an Wichtigeres zu denken als an mich ! Sag ' mir - « Im Nebenzimmer ging eine Tür , und erschrocken verstummte Gundi Kleesberg . Dann beugte sie das heiße Gesicht gegen Werner und flüsterte : » Liebt sie ihn ? Aber was frag ' ich noch ! Sie muß ihn lieben . Er gleicht ja dir ! Und wenn es in ihr noch schlummern sollte - « Wieder verstummte sie . Die Tür wurde geöffnet , und Kitty stand auf der Schwelle ; während Gundi Kleesberg ihre Sinne mühsam zu sammeln suchte , sah Werner betroffen zu Kitty auf , deren Gesicht keine Spur jener Erregung mehr gewahren ließ , in welcher Werner sie verlassen hatte . Die Wangen waren zart gerötet , ihre Augen leuchteten in stillem Glanz , und den Mund umspielte ein verträumtes Lächeln . » Sie , Herr Professor ? « Staunend zog sie die Brauen auf . » Ich dachte Sie schon auf der Fahrt zum Bahnhof . Aber ich hätt ' es mir denken können , daß die Gundi Kleesberg die schöne Gelegenheit , Ihre Bekanntschaft zu machen , beim Rockzipfel erwischen würde . Hat sie Ihnen eingestanden , wie sehr sie für Ihre Bilder schwärmt ? Hat sie erzählt , daß sie vor Ihrem Spätherbst in der Ausstellung Tränen vergoß ? « » Kitty ! « stotterte Gundi Kleesberg . » Wirkliche Tränen ! Erbsengroß ! « » Das hat sie mir nicht erzählt ! « sagte Werner . » Aber sie hat mir manches gesagt , was mir Freude machte . Einem Künstler widerfährt es selten , sich in seinen geheimsten Gedanken verstanden zu sehen . Diese Freude hab ' ich jetzt erleben dürfen . Bei meinem Schaffen ist viel Bitterkeit nebenhergelaufen . Aber eine Stunde wie diese macht alte Schatten vergessen und läßt mir die Erinnerung an alles Helle wertvoll erscheinen ! « » Ja ! Tante Gundi ist eine rasende Kunstkennerin ! Aber im Hochgenuß , eine solche gefunden zu haben , scheinen Sie nicht mehr an Ihre knappe Zeit zu denken . Verzeihen Sie , lieber Herr Professor , aber - « Kitty zog ihr goldenes Ührchen aus dem Gürtel , ließ den Deckel aufspringen und hielt das Zifferblatt vor Werners Augen . » Zwanzig Minuten über neun ! Um elf geht der Zug . Mein Bruder Tas ist gestern mit dem gleichen Zug gefahren . Wenn Sie den Anschluß nicht versäumen wollen , haben Sie Eile . « Werner schien ein bißchen aus der Fassung gebracht ; verwundert zu Kitty aufblickend , erhob er sich . » Ich danke Ihnen , Komtesse ! « Er griff nach seinem Hut und sagte zu Gundi Kleesberg : » Ich hab ' es gern gehört , daß mein Spätherbst Ihre besondere Teilnahme erweckte . Vielleicht ist Ihnen auch der Vorwurf des Bildes nicht unbekannt : ein landschaftliches Motiv aus Ihrer Heimat , aus Franken . Ich habe dort in meiner Jugend schöne Tage verlebt , an die ich auch heute noch dankbar zurückdenke , obwohl sie ein trübes Ende mit Sturm und Regen nahmen . Ich habe diese Landschaft oft gemalt , sie wird immer wieder lebendig unter meiner Hand . Und dieser Spätherbst ist kein Bild für die Welt , nur für mich selbst geschaffen und für das Auge des Kenners . So gut wie Sie , gnädiges Fräulein , dürfte noch niemand den tiefsten Sinn dieser träumenden Farben verstanden haben ! Darf ich Ihnen das Bildchen schicken ? « Gundi Kleesberg war keines Wortes mächtig ; zitternd blickte sie zu Werner auf . Kitty legte den Arm um ihre Schulter . » Aber Tante Gundi ! So sag ' doch : Ja ! « » Nein , nein , wie darf ich - das ist ein fürstliches Geschenk ! « » Um so besser ! « erklärte Kitty . » Wenn Könige schenken , gibt es keinen Widerspruch , da nimmt man und bedankt sich alleruntertänigst ! Herr , Professor , das Bild soll ins beste Licht kommen ! Und Tante Gundi erhält von mir bei der nächsten unpassenden Gelegenheit einen Betstuhl beschert , als unentbehrliches Requisit für die voraussichtliche Abgötterei , die sie mit dem Spätherbst treiben wird . « Sie wartete nicht , bis Werner die zitternde Hand wieder freigab , die Gundi Kleesberg ihm gereicht hatte , sondern schob ihren Arm unter den seinen und zog ihn zur Tür . » Nun ist es aber höchste Zeit ! Oder Sie versäumen noch wirklich den Zug ! Und grüßen Sie Herrn Forbeck von mir ! Sagen Sie ihm , daß er vollkommen entschuldigt ist . Jetzt weiß ich , weshalb er reisen muß . « Erschrocken sah er in ihr glühendes Gesicht . » Sie wissen - « » Jawohl ! « Sie nickte kurz und entschieden . » Und sagen Sie ihm , daß ich ihm danke dafür ! Adieu , Herr Professor ! Glückliche Reise ! « Wortlos verneigte sich Werner und trat in den Flur hinaus . Kitty drückte hinter ihm die Tür zu und sah wieder auf die Uhr . » Zehn Minuten ins