all das nachzusprechen . Aber was soll ich denn machen ? Ich kann doch nicht den ganzen Tag am Fenster sitzen und nach der Christuskirche hinübersehen . Sonntags , beim Abendgottesdienst , wenn die Fenster erleuchtet sind , sehe ich ja immer hinüber ; aber es hilft mir auch nichts , mir wird dann immer noch schwerer ums Herz . « » Ja , gnädige Frau , dann sollten Sie mal hineingehen . Einmal waren Sie ja schon drüben . « » O schon öfters . Aber ich habe nicht viel davon gehabt . Er predigt ganz gut und ist ein sehr kluger Mann , und ich wäre froh , wenn ich das Hundertste davon wüßte . Aber es ist doch alles bloß , wie wenn ich ein Buch lese ; und wenn er dann so laut spricht und herumficht und seine schwarzen Locken schüttelt , dann bin ich aus meiner Andacht heraus . « » Heraus ? « Effi lachte . » Du meinst , ich war noch gar nicht drin . Und es wird wohl so sein . Aber an wem liegt das ? Das liegt doch nicht an mir . Er spricht immer soviel vom Alten Testament . Und wenn es auch ganz gut ist , es erbaut mich nicht . Überhaupt all das Zuhören ; es ist nicht das Rechte . Sieh , ich müßte so viel zu tun haben , daß ich nicht ein noch aus wüßte . Das wäre was für mich . Da gibt es so Vereine , wo junge Mädchen die Wirtschaft lernen , oder Nähschulen oder Kindergärtnerinnen . Hast du nie davon gehört ? « » Ja , ich habe mal davon gehört . Anniechen sollte mal in einen Kindergarten . « » Nun , siehst du , du weißt es besser als ich . Und in solchen Verein , wo man sich nützlich machen kann , da möchte ich eintreten . Aber daran ist gar nicht zu denken ; die Damen nehmen mich nicht an und können es auch nicht . Und das ist das schrecklichste , daß einem die Welt so zu ist und daß es sich einem sogar verbietet , bei Gutem mit dabeizusein . Ich kann nicht mal armen Kindern eine Nachhülfestunde geben ... « » Das wäre auch nichts für Sie , gnädige Frau ; die Kinder haben immer so fettige Stiefel an , und wenn es nasses Wetter ist - das ist dann solch Dunst und Schmok , das halten die gnädige Frau gar nicht aus . « Effi lächelte . » Du wirst wohl recht haben , Roswitha ; aber es ist schlimm , daß du recht hast , und ich sehe daran , daß ich noch zuviel von dem alten Menschen in mir habe und daß es mir noch zu gut geht . « Davon wollte aber Roswitha nichts wissen . » Wer so gut ist wie gnädige Frau , dem kann es gar nicht zu gut gehen . Und Sie müssen nur nicht immer so was Trauriges spielen , und mitunter denke ich mir , es wird alles noch wieder gut , und es wird sich schon was finden . « Und es fand sich auch was . Effi , trotz der Kantorstochter aus Polzin , deren Künstlerdünkel ihr immer noch als etwas Schreckliches vorschwebte , wollte Malerin werden , und wiewohl sie selber darüber lachte , weil sie sich bewußt war , über eine unterste Stufe des Dilettantismus nie hinauskommen zu können , so griff sie doch mit Passion danach , weil sie nun eine Beschäftigung hatte , noch dazu eine , die , weil still und geräuschlos , ganz nach ihrem Herzen war . Sie meldete sich denn auch bei einem ganz alten Malerprofessor , der in der märkischen Aristokratie sehr bewandert und zugleich so fromm war , daß ihm Effi von Anfang an ans Herz gewachsen erschien . Hier , so gingen wohl seine Gedanken , war eine Seele zu retten , und so kam er ihr , als ob sie seine Tochter gewesen wäre , mit einer ganz besonderen Liebenswürdigkeit entgegen . Effi war sehr glücklich darüber , und der Tag ihrer ersten Malstunde bezeichnete für sie einen Wendepunkt zum Guten . Ihr armes Leben war nun nicht so arm mehr , und Roswitha triumphierte , daß sie recht gehabt und sich nun doch etwas gefunden habe . Das ging so Jahr und Tag und darüber hinaus . Aber da sie nun wieder eine Berührung mit den Menschen hatte , wie sie ' s beglückte , so ließ es auch wieder den Wunsch in ihr entstehen , daß diese Berührungen sich erneuern und mehren möchten . Sehnsucht nach Hohen-Cremmen erfaßte sie mitunter mit einer wahren Leidenschaft , und noch leidenschaftlicher sehnte sie sich danach , Annie wiederzusehen . Es war doch ihr Kind , und wenn sie dem nachhing und sich dabei gleichzeitig der Trippelli erinnerte , die mal gesagt hatte : » die Welt sei so klein , und in Mittelafrika könne man sicher sein , plötzlich einem alten Bekannten zu begegnen « , so war sie mit Recht verwundert , Annie noch nie getroffen zu haben . Aber auch das sollte sich eines Tages ändern . Sie kam aus der Malstunde , dicht am Zoologischen Garten , und stieg , nahe dem Halteplatz , in einen die lange Kurfürstenstraße passierenden Pferdebahnwagen ein . Es war sehr heiß , und die herabgelassenen Vorhänge , die bei dem starken Luftzuge , der ging , hin und her bauschten , taten ihr wohl . Sie lehnte sich in die dem Vorderperron zugekehrte Ecke und musterte eben mehrere in eine Glasscheibe eingebrannte Sofas , blau , mit Quasten und Puscheln daran , als sie - der Wagen war gerade in einem langsamen Fahren - drei Schulkinder aufspringen sah , die Mappen auf dem Rücken , mit kleinen spitzen Hüten , zwei blond und ausgelassen , die dritte dunkel und ernst . Es war Annie . Effi fuhr heftig zusammen ,