eine Medusa , in den Frieden der Gotteswelt hinein . Da ließ sich der Ruf eines Kuckucks auf dem lautlosen Nadelgehölz vernehmen , die lautlosen Einsiedler-Monologe der ruhenden Natur unterbrechend und störend . » Verfluchter Kuckuck ! « rief der finstre Wanderer , indem er seine verschmähte Freierschaft mit der symbolischen Bedeutung des Vogelrufes unwillkürlich in Verbindung setzte . Aber der Kuckuck ließ sich nicht das Wort verbieten ; er schlug fort . Da huschte auf einmal , wie ein plötzlicher Sonnenstrahl , ein schalkhaftes Zucken frisch erwachenden Humors um den ehernen Mund , und während er sich reckend mit dem Arm eine Bewegung machte , als streife er etwas Lästiges ab , kam es plötzlich über seine Lippen : » Hol ' s der Kuckuck , ich bleibe doch der Otto Bismarck ! « Basta . So geschehen anno domini eintausendachthundertneununddreißig . Josefa heirathete einen biedern , katholischen Schreiber , Alois Schmid , in Salzburg . Dort liegt sie begraben . Na , was sagst dazu ? Wär ' s nicht hübsch , wenn ' s so gewesen wär ' ? Als ich die Anecdote niederschrieb , stützte ich mich auf völlig genügende Berechtigung dazu . Denn nicht nur ist die Affaire in dieser Form in ganz Tirol bekannt , nicht nur wird sie in Meran jedem Fremden erzählt , sondern sie ist in alle möglichen Bücher über Meran und Tirol übergegangen . Eine Autorität wie Noë erzählt sie in seinem » Frühling in Meran « als absolut feststehend . Baillie Grohmann , der zuverlässige Kenner Tirols und Autor von » Tyrol and the Tyrolese « hat in seinen » Gaddings with a primitive people « ( 1879 ) die Sache mit äußerster Breite behandelt , sogar in einer Extraanmerkung versichert , er habe alle Details persönlich untersucht und könne sich dafür verbürgen . Es sei nicht die geringste romantische Zuthat dabei . Ich war also vollauf berechtigt , diese Geschichte , deren Entdecker ich ja keineswegs bin , in dieser Form niederzuschreiben , und begehe damit nicht die geringste Indiscretion . Nun muß ich aber zur Steuer der Wahrheit erklären , daß von Eingeborenen , die genau unterrichtet sind , mir seither feierlich versichert wurde , es sei ein andrer Herr von Bismarck gewesen . Obwohl mir dies psychologisch nicht plausibel scheint , indem ich annehme , nur eine geniale Natur sei solcher liebenswürdigen Jugendtollheit fähig , so will ich also hiermit einfach die Frage offen halten . Aber wahrhaftig , es ist doch immer die alte Geschichte : Wo ist die Katz , wo steckt die Frau ! Kennst Du das famose Tagebuch des Nürnberger Scharfrichters aus dem 14. Jahrhundert ? Darin wird erzählt , wie ein Freudenmädchen als ewig rückfällig durch Erregung öffentlichen Aergernisses endlich zum Tode verurtheilt wurde , sintemal sie sich in unanständiger Stellung auf der Straße entblößet und dazu geschrieen habe : Hui , ... , friß den Mann ! ! Friß den Mann ! welche Welt liegt in diesem erotischen Lakonismus . Ja , hui ! Siehst Du sie nicht ordentlich schleckern , dem Mann das Mark aus den Knochen saugen , he ? Ja , an der Schürze hängt , zur Schürze drängt doch alles , o wir Armen ! wie Papa Altmeister so schön irgendwo singt . Na lebwohl ! Das ist der längste Brief , den ich jemals schrieb , sacré nom de dieu ! Ich fühle halt das freundschaftliche Bedürfniß , hier aus meiner olympischen Einsamkeit von den Inseln der Seligen her , als glücklicher Lotosesser Deiner Berliner Nervensaft-Vergeudung ein Maulvoll frischer Bergluft zu schicken . A rivederci ! Dein Knorrer der Keusche . « Dies Schreiben wirkte auf Rother giftig aufregend , wie grünlich schäumender Absynth . Das Grünen und Schäumen einer hoffnungsüppigen Lebenslust schmeckte darin zugleich nach bitterer pessimistischer Hefe . Man mußte den Schreiber des Briefes kennen , um den Inhalt zu würdigen . Knorrer war eine prächtige Repräsentativfigur altbajuvarischen Kraftadelthums . Seine naturalistisch derben Kneipscenen hatten durch den virtuosen flotten Strich der Vortragsmanier Schule gemacht . Er hatte in Paris unter Courbet und Couture studirt und aus deren Ateliers die markige Frische seiner Palette mitgenommen . Weniger sein eigentliches Kunstvermögen - denn dies verkümmerte ein wenig neben dem agitatorischen Eifer seiner schulemachenden Reformbestrebungen - , als die ganze gesunde Verve seiner künstlerischen Persönlichkeit , gab ihm eine führende Stellung in der naturalistischen Strömung der neudeutschen Malerei , zu der auch Rother sich zählte . Wie es bei den meisten Originalmenschen der Fall zu sein pflegt , wohnten zwei Seelen in seiner Brust . Die eine gehörte einem Denker und Agitator , der mit wahrem sittlichem Eifer dem echten Ideal der Wahrheit anhing und wider conventionelle Verlogenheit einen tapferen Kreuzzug führte . Die andre hingegen gehörte einem Genüßling , dem seine Laune und Leidenschaft stets als oberstes Gesetz gegolten . Hier nun kam ein Umstand hinzu , der ihn erst recht in Zwiespalt mit seinem besseren Selbst brachte . Er galt nämlich mit Recht als einer der schönsten Männer Deutschlands . Und zwar nicht von jener charakterlosen verwaschenen Schönheit des Dandys konnte die Rede sein , die so wohlfeil wie Brombeeren . Sondern sein mächtiger Kopf mit den krausen trotzigen Locken , der breitgewölbten Stirn , dem kühnen Knebelbart zeigte große wuchtige Formen . Allerdings entsprach seinem Stiernacken ein düstrer Stierblick und rücksichtslose Sinnlichkeit lag in seinem kräftigen Ausdruck . Auch seine Gladiator-Gestalt wie sein Gesicht verloren mit den Jahren ( er stand im besten Mannesalter ) durch constante Verfettung an Ebenmaß , wenn er auch immer noch in seiner burschikosen Jovialität eine imponirende Erscheinung blieb . Diesen Vorzug hatte er stets an sich gekannt und geschätzt . Allmählich bildete sich bei ihm der Wahn aus , weil so viele sinnliche Weiber seinem Mannesthum nicht widerstehen konnten , daß überhaupt beim Weibe nichts als die physische Begier der sogenannten Liebe mitspiele . Seine gänzliche Verachtung des schönen Geschlechts verrieth zwar einerseits den Größenwahn des » schönen Mannes « ( diese bekannte Spezialität ) , andrerseits