die Gesellschaftsabende des Raßlerschen Ehepaars mit einer Faree , deren Unkosten zunächst die Unschuldigen zu tragen hatten . Nur einer ließ sich von der Schuldlosigkeit der Schuldigen wie der Unschuldigen nach einigem Sträuben überführen : der Herr Kommerzienrat . Wenn später durch irgend eine unvorsichtige Gesprächswendung die Rede auf dieses Fiasko der geselligen Abende stieß , pflegte er zu sagen : » Nun ja , das macht der Liebe kein Kind , es war ein dummer Zufall ; die Leute , mögen sagen , was sie wollen . « Der » dumme Zufall « ließ sich ' s freilich nicht nehmen , in seiner Art weiter zu schalten und für Frau Raßler und Max v. Drillinger an ihre erste Begegnung an jenem Abend das knotenreiche Fädchen intimer Beziehungen anzuspinnen , ein Fädchen , das sich allmählich so verdichtete , daß Frau Raßler den jungen Kandidaten Schlichting in ihrer Herzensnot mit dem Bekenntnisse verblüffen mußte : » Ich kann nicht mehr ohne ihn leben . « » Warum liebst Du mich eigentlich ? « Mit dieser Frage schloß einst Drillinger eine heiße Liebesstunde in Pasing . So ganz leichthin , beim Anzünden der Zigarette . Leopoldine schüttelte traurig den Kopf . » Ich weiß nicht - vielleicht , weil ich muß , um für meine Untreue als Frau durch meine Treue als Deine Geliebte gestraft zu werden . « » Warum hast Du Dich zu jener Narrenehe entschlossen ? « » Warum ? ... « Sie zögerte mit der Antwort . Ein Bein über das andere gelegt , mit dem Zuknöpfen ihres Halbstiefels beschäftigt , ließ sie die Hand müde sinken . » Sonst hast Du mir geholfen , Max ! « Er ließ sich aus ein Knie nieder , stellte ihren Fuß auf seinen Schenkel und zog die letzten Knöpfe zu . » Also warum ? « fragte er wieder , ohne die Zigarette aus dem Munde zu nehmen . » Raßler litt unter seiner Liebe , verstehst Du das ? Er hatte unerzogene Kinder zu Haus , die nach einer Mutter schrieen ... Ich hielt ihn für sehr unglücklich ... Er war der einzige Mensch , den ich nicht leiden sehen konnte . « » Also bloß darum ? « » Weil ich mir selbst nicht mehr traute und keinem Menschen auf der Welt - aus Verzweiflung . « » Aus Verzweiflung ? Vielleicht auch darüber , daß Herr Albrecht selbst ... wie man sagt ... « » Pfui ! Du solltest der Letzte sein , so etwas zu wiederholen . « Pause . Gespenster gingen um . Husch ! Leopoldine fühlte ein leises Schauern . » Ach , Max ... ! « seufzte sie auf . » Und warum bleibst Du in dieser Ehe , nachdem Du mich liebst ? « forschte er kaltblütig weiter , wie ein Vivisektor , der die Herzkammern eines geknebelten und betäubten Versuchstieres bloßlegt , nicht achtend der Qualen , die sein trauriges Experiment schafft . » Weil ich Dir noch nicht traue ... « » Ein merkwürdig sophistischer Grund ! « » Und weil ich an den mutterlosen Kindern aus Raßlers erster Ehe sühnen will durch Pflichterfüllung , was ich an Raßler selbst aus Pflichtverletzung sündige . Jetzt weißt Du ' s. « » Was würdest Du unter solchen Umständen thun , wenn Du - ein Kind von mir hättest ? « » Mich töten - und Dich dazu . « » Du bist wahnsinnig . « » Ich bin nur gerecht und nehme die Konsequenzen , meiner Handlungen auf mich . « Von den vielen heftigen Szenen wilder Eifersuchtskämpfe war Drillinger besonders eine im Gedächtnis geblieben . Sie fing wie gewöhnlich mit scheinbar harmlosen Fragen , nach unaufgeklärten Punkten in Leopoldinens Vergangenheit an . » Warum bist Du nicht beim Theater geblieben , erzähle , Leopoldine ! « » Ich hatte nicht genug Talent dazu , meine große Figur war für eine Reihe kleinerer Rollen auch nicht günstig . In die Ecke mochte ich mich nicht drücken lassen ... « » Geh , das allein kann der Grund nicht gewesen sein . « » Ich war zu arm und hatte nicht genug Mittel , um anständig vorwärts zu kommen . Ohne Bestechungen geht ' s einmal nicht . « » Du hattest Verehrer - waren keine zahlungsfähigen Leute darunter ? « Leopoldine schwieg . Hatte sie überhört ? Endlich sagte sie abschweifend : » Das Talent bedeutet so wenig beim Theater . Gunst , Gönnerschaft sind viel wichtiger für das Vorwärtskommen . Zunächst liebt man immer erst das Weib , dann erst das Talent , wenn es ein - gefälliges ist . Das Talent allein entscheidet gar nichts . Von den Gemeinheiten dieser Zustände , besonders bei kleinen Theatern , hat man gar keinen Begriff . « » Das ist schließlich überall so . Der Unterschied liegt nur in den Nüancen . Erzähle weiter , wir kommen schon auf den Punkt , wo ich Dich haben will . « » Du tyrannisierst mich , Max . Macht Dir das Vergnügen ? « » Ja . Erzähle weiter ! « » Ich gehorche Dir . Wir werden in vielen Stücken einander nie verstehen . « » Das liegt an Dir . Erzähle ! « » In meinem Rollenfach hatte ich eine Rivalin , damals , weißt Du , in Landshut , eine ganz ungebildete , talentlose Hausmeisterstochter . Interessiert Dich das wirklich ? « » Gewiß . In Deiner Vergangenheit interessiert mich alles . « » Ich forsche doch auch nicht mit diesem peinlichen Argwohn in der Deinigen ! « » Bitte ! « » Also eine urdumme Person , aber sie hatte einen hübschen Puppenkopf , einen zwar ungraziösen , jedoch gewisse Männer lockenden Leib - und war sehr gefällig , beispiellos gefällig ; natürlich hatte sie einen reichen Verehrer , einen abgelebten Kaufmann , der ihr die schönsten Toiletten schenkte , und der wollte dann auch seine kostbaren Geschenke auf der Bühne ausgestellt sehen ... Und die Talentlosigkeit bekam die