nichts davon weiß ? « » Weil ich durch das Pförtchen da hereinkomme . « Er wies auf eine Seitenwand . » Ich wohne in der anstoßenden Zelle . « » In einer Nonnenzelle ? « rief Sender . » Ja , so nennen sie ' s. Seit zwei Monaten . « » Und was - « Sender stockte . » Und was haben Sie angestellt ? « hatte er fragen wollen . Der Greis erriet es . » Ja , ich bin zur Strafe hier « , sagte er ruhig , ohne eine Spur von Bitterkeit . » Ich habe ein Buch geschrieben , das meinen Oberen in Schlesien nicht gefiel . Und darum bin ich hierher geschickt worden , bis - nun , bis ich mich bessere . « » Sie haben es hier gewiß recht schlecht ? « fragte Sender teilnahmsvoll . Er dachte an die Geißeln , aber davon wagte er doch nicht zu sprechen . » Nicht gut ! « erwiderte der Mönch . » Aber was liegt daran ? Ich bin an siebzig Jahre alt , krank und gebrochen . Ich habe keine Hoffnungen , keine Pläne mehr . Mein Buch aber ist in der Welt und lebt , und keine Gewalttat kann es vernichten , es wird leben , bis ein Größerer und Besserer kommt und es überflüssig macht . Möge er bald kommen ! « Sender blickte ihn bewegt , voll innigsten Mitleids an . Aber gleichzeitig dachte er : » In meiner Weltgeschichte steht , wie sie den Mönch in Rom verbrannt haben . Mir scheint gar , auch ein Dominikaner . Ich hab ' mir immer gedacht : Das wär ' ein feines Trauerspiel . Nun weiß ich auch , wie ich den Mönch machen möcht ' . « Pater Marian fuhr sich über die Stirne . » Und nun wollen wir ein Stück für dich aussuchen . « Aber während er noch in den Bänden blätterte , schlug es Zwei und gleichzeitig wurde der schwere Schritt Fedkos auf dem Korridor hörbar . » Auf Wiedersehen « , flüsterte der Greis , und verschwand in seiner Zelle . Freudigen Herzens ging Sender heim . » Gott ist mit mir « , dachte er . » Gott will , daß ich mein Ziel erreiche . Was hätte ich mir für die Zeit , wo ich noch hier bleibe , besseres wünschen können ? « Zweiundzwanzigstes Kapitel Am Schranken waltete die christliche Magd . Die Mutter war , wie in letzter Zeit so oft , nach dem Städtchen gegangen . In der Wohnstube sah Sender ihren Strickbeutel liegen ; als er mit der Hand darüber hinfuhr , fühlte er ein eckiges Täfelchen . Neugierig zog er es hervor . » Wer ist das ? « murmelte er verblüfft . » Ist die hübsch ! « Es war eine kolorierte Daguerrotypie , wie sie vor vierzig Jahren üblich waren , und stellte ein junges , auffallend schönes Mädchen dar . Goldbraunes Haar umwogte in leichten Wellen ein längliches , schmales , edel geschnittenes Antlitz , in dem große blaue Augen standen . Die feinen Lippen waren etwas abwärts gezogen , dies und der ernste , sinnende Blick gab den Zügen den Ausdruck des Strengen , fast Leidenden . Sich porträtieren zu lassen , ist noch heute in der Sekte der Chassidim nicht Brauch , geschweige denn damals , und der Marschallik machte sich oft genug über seine Kollegen , die Heiratsvermittler in den großen Städten , lustig , die mit einem ganzen Paket solcher Bilder hausieren gingen . Hatte er sich nun dennoch zu der neuen Mode bequemt ? Es war unwahrscheinlich . Auch Frau Rosel war solchen » gottlosen « Neuerungen schwerlich geneigt - und dennoch , was konnte das Bild anderes zu bedeuten haben ? » Mir kann ' s jedenfalls gleichgültig sein « , murmelte Sender , und ließ das Bild ins Beutelchen zurückgleiten . Aber dann holte er es doch wieder hervor . Er hatte sich bisher nicht viel um Frauenschönheit gekümmert , ein hübsches Gesicht war ihm lieber als ein häßliches und wie jedem Juden des Ostens ein wohlgenährtes lieber als ein mageres , aber was er bisher von der Macht und dem Zauber der Schönheit gelesen , war ihm nie recht verständlich gewesen . Nun kam ihm eine Ahnung davon . » So ein Gesicht hab ' ich noch nicht gesehen « , dachte er . » Sie ist mager , die Arme , und doch sieht man sie gern an , auch klug muß sie sein . Aber warum ist sie so traurig ? Ein so junges Kind ! « Er hatte sein » Lesebuch « herbeigeholt und den Aufsatz » Schillers Leben « aufgeschlagen , um sich für morgen vorzubereiten . Sonst war in dem Augenblick , wo er zu lesen begann , alles andere für ihn versunken . Diesmal aber mußte er immer wieder nach dem Strickbeutel hinschielen und widerstand der Versuchung nicht länger , das Bild zum dritten Male hervorzuziehen . Wer war das Mädchen ? Wie kam seine Mutter zu dem Bilde ? Es konnte ja gar nicht anders sein , der Marschallik hatte es ihr gebracht . Aber war das überhaupt ein jüdisches Mädchen ? Er konnte nicht recht daran glauben . Wenigstens vermochte er nichts von dem Typus in den Zügen zu entdecken . » Wenn sie aber eine Jüdin ist « , dachte er , » dann eine ganz feine , und für die werden ihre Eltern einen anderen suchen , als Sender , den Pojaz . Sie hat etwas im Gesicht - etwas Besonderes - ich weiß nicht recht was . « Es war der geistige Ausdruck Erst als er draußen die Stimme der Mutter hörte , steckte er das Bild hastig ins Beutelchen . Er wollte sie keinesfalls danach fragen ; sollte ihn das Mädchen etwas angehen , so mußte ja sie davon zu reden beginnen . Frau Rosel trat ein , ihre Lider waren gerötet ,