hörten wir Charlotte über das Treppengeländer herabrufen , als Fräulein Fliedner die Thür öffnete . » Von unseren Leuten ist noch keiner zurück , « antwortete der alte Erdmann . Er stand inmitten der dienstbaren Geister des Hauses , und seine rauhe Stimme zitterte . » Aber andere erzählen , es sei zu schlimm draußen , « fuhr er fort , » und unser Herr ist der erste Mann beim Retten - daß Gott erbarm , er fragt viel danach , ob solch eine Nußschale umkippt ! ... Dafür sind doch auch andere Leute da ! ... Der Herzog soll auch draußen sein . « » Wie , Seine Hoheit selbst ? « rief Dagobert herab . Erdmann bejahte . Die Thür droben wurde zugeschlagen ; aber gleich darauf kam der Herr Lieutenant die Treppe herab - er ließ sich sein Pferd vorführen und jagte davon - der schöne Tankred - wie erbärmlich erschien er mir jetzt ! Ich kauerte mich wieder in die Sofaecke , während Fräulein Fliedner tief aufseufzend in die Fensternische trat ... Ich mußte an das Wasser denken , wie es wütend über die Erde hin tobte und die Menschen erstickte , die sich nicht retten konnten ! Es mußte schrecklich sein , in dem trüben tosenden Wasser umzukommen ! Aber » Herr Claudius fragte viel danach , ob die Nußschale umkippte « , wie der alte Erdmann sagte ; er hatte die Welt und die Menschen und das eigene Leben wohl nicht mehr lieb , und er hatte auch recht . Die Frau , die er nicht vergessen konnte , war falsch gewesen , und die Geschwister und der alte Buchhalter waren es auch , und ich , für die er so viele Güte zeigte , ich hatte vor wenig Stunden erdrückende Beweise gegen ihn und sein Handeln an das Tageslicht gebracht ... Nur Fräulein Fliedner hielt zu ihm - ich sah mit einer Art von Neid nach der kleinen zierlichen Gestalt hinüber , die regungslos am Fenster verharrte ; sie hatte ein gutes Gewissen , sie hatte ihm nie etwas zuleide gethan , sie brauchte sich mit keinem Vorwurf zu quälen , wenn - die Wasser über den edlen blonden Kopf hinweggingen . Fast hätte ich aufgeschrieen bei dieser Vorstellung , aber ich biß die Zähne zusammen und begann von neuem angstvoll auf jeden Schritt , jedes ferne Räderrollen zu horchen . So verrann Stunde um Stunde . Mein Vater war auch noch nicht heimgekommen - auf Fräulein Fliedners Befehl hatte Erdmann in der Karolinenlust nachsehen müssen ... Ganz beschwichtigt hatte sich der Lärm der aufgeregten Stadt noch nicht , aber es war stiller geworden - Mitternacht kam heran ... Da bog ein Wagen in die Mauerstraße ein - mit einem leisen Aufschreien , einem Gemisch von Angst und Freude , fuhr die alte Dame empor , und ich flog durch die Hausflur und riß die Hofthür auf . Ein fast greifbares Dunkel lag über der Erde , aber ich lief blindlings hinein , dem daherbrausenden Wagen entgegen . » Sind Sie es selbst , Herr Claudius ? « rief ich mit bebender Stimme über das Rädergerassel hinweg . » Ja , « scholl es vom Kutschersitz herab . Gott sei Dank ! ... Ich drückte die Hände auf die Brust - ich glaube , mein angsterlöstes Herz müsse sie im Aufatmen zersprengen . Nun kamen auch von allen Seiten die Leute des Hauses gestürzt und umringten den Wagen . Herr Claudius stieg herab . » Steht ' s wirklich so schlimm , Herr Claudius ? « fragte der alte Erdmann . » Wirklich vierzigtausend Thaler Verlust , wie Schäfer sagt ? « » Der Schaden ist größer - es ist alles verwüstet ; wir müssen in Dorotheenthal ganz von vorn anfangen . Mich schmerzen nur meine jungen Koniferen - nicht eine steht mehr , « sagte er bewegt . » Nun , das läßt sich wohl alles mit der Zeit ersetzen ; aber hier « - er brach ab und öffnete den Wagenschlag . Er half jemand sogleich über den Tritt herab . Das Licht mehrerer herbeigebrachten Lampen quoll jetzt durch die Hofthür und fiel auf ein junges Mädchen , das , halb in Herrn Claudius ' Armen hängend , auf das Pflaster glitt . Ein krampfhaftes Schluchzen erschütterte die zarte , tief vornübergebeugte Gestalt , und das unbedeckte Haar hing unordentlich und aufgelöst um ein schönes , aber in verzweifeltem Schmerz verzogenes Gesicht . » Ihre Mutter ist ertrunken , « flüsterten die Leute , die mitgekommen waren . Herr Claudius schlang seinen Arm fester um ihre Taille und führte sie die Stufen hinauf . Er strich im Dunkeln dicht an mir vorüber - seine Kleider waren schwernaß . Auf der obersten Stufe stand Fräulein Fliedner und streckte ihm die Hände entgegen ; was er ihr sagte , konnte ich nicht verstehen - eine plötzliche Scheu und ein unerklärliches Wehegefühl hatten mich von den Menschen fort , tiefer in den Hof hinein gescheucht - aber ich sah , wie die alte Dame sanft den Arm der Weinenden in den ihren legte und sie hinwegführte . Herr Claudius verweilte noch einen Augenblick droben in der Flur und sprach mit Charlotte . Es entging mir nicht , daß er dabei suchend umherblickte - hatte er doch vorhin meine Stimme erkannt und wollte sich nun überzeugen , ob ich , der er zürnte , es wirklich gewesen sei ? ... Was für thörichte Gedanken ! Er hatte jetzt Wichtigeres zu denken - wie viel Unglück hatte er heute mit ansehen müssen , und was für schwere Aufgaben lagen nun auf seinen Schultern ! ... Und hatte er nicht eben ein tiefgebeugtes , verwaistes Mädchen in sein Haus eingeführt - eingeführt mit zärtlicher Sorgfalt und tiefem Mitgefühl ? Sie war nicht so undankbar wie ich ; sie stieß die Hand nicht zurück , die sie stützen wollte - vertrauensvoll hatte sie sich dem Arm hingegeben , der sie umschlang ... Und da sollte er sich noch