beleuchteten Tiefe weit bis an den Streifen Himmelsbläue hinzog , welcher zwischen den beiden Felsenköpfen herunterhing , hatte sich viel zu erzählen . Geheimnisvoll rauschten und flüsterten die rötlich schimmernden Buchen und die ernsten Tannen , wenn wieder ein Sturm ob ihren Wipfeln dahinfuhr , daß man sogar das Tosen der blauen , tausend Silberstreifen über die von den Bergen gestürzten Steine werfenden Ach nicht mehr hörte . Endlich in der geschützten Schlucht der Brunnenstube angelangt , wo nicht mehr Äste , sondern bloß noch die welken Blätter sich regten , empfand Dorothee , wie wahr die Wirtin das Gefühl schilderte , von dem man hier erfaßt und gehoben wurde . Noch nie hatte sie wie jetzt die Bewegung des Gehens und den Gebrauch jedes ihrer Sinne als Wohltat empfunden . Lange war sie zu nichts fähig als zum Sehen , Hören und Bewundern der herrlichen Gotteswelt , deren Anblick und Genuß ihr eben wieder geschenkt worden war . Selbst in der Kirche , wo zuweilen manches noch an die Not und Plage des Alltagslebens erinnerte , war ihr noch selten so leicht und frei gewesen wie hier . Nie hätte sie geglaubt , daß sie bei der wunderbar lieblichen Musik der Ursprünge mit solcher Andacht ihrem Opfer ein Grab graben würde , denn noch nie sonst war ihr eine Quelle fast wie etwas Lebendiges erschienen . Jetzt aber lauschte sie dem Geplauder der Tropfen so aufmerksam , daß sie das ihr aufgegebene Vaterunser für den seligen Wirt beinahe vergaß . Erst als die Arbeit fertig , fiel es ihr ein . Als sie nun auf einem ganz mit Moos bedeckten Stein kniete , laut und langsam betend , war ' s ihr gerade , wie wenn der Geist des Verstorbenen sie umschwebte . Von den zitternden , rauschenden Buchen ringsum rieselten Blätter herab auf die Beterin und das Opfergrab , welches sie mit Moos bedeckt hatte . Sie begann unwillkürlich ein zweites Vaterunser zu beten . Da fiel der erste Mondstrahl hell und voll auf ihr fast wie verklärt leuchtendes Gesicht . Einen Augenblick später war der ganze Platz erhellt . - Dorothee stieß einen lauten Schrei aus und wankte einige Schritte zurück . Nicht weit vor ihr erblickte sie , an einen Buchenstamm gelehnt , eine männliche Gestalt . Nur das Gesicht wurde noch vom Schatten eines Astes bedeckt . » Wer ist da ? « fragte das Mädchen , alle Kraft zusammennehmend und schon auf dem Sprung zur Flucht . » Niemand als ich . « Diese Antwort war sehr unbestimmt . Dorothee jedoch hatte schon an der Stimme genug . Diese Stimme würde sie überall und unter allen Umständen sogleich erkannt haben . » Ach Gott , es ist Jos ! « jammerte sie und langte nach ihrer Schaufel , als ob sie so schnell als möglich zu gehen entschlossen sei . » Was tust du da ? « fragte Jos , indem er langsam dem Mädchen näher trat , welches noch immer zwischen Gehen und Bleiben schwankte . Endlich lehnte sie die Schaufel an einen Buchenstamm und sagte : » Ich hab ' die Brunnenstube speisen müssen . « » Ich kann nicht begreifen « , begann Jos nach einer Weile , » wie eine sonst verständige Frau noch solche Dummheiten treiben läßt . « Diese Rede tat Dorotheen weh . Jetzt dachte sie nicht mehr ans Gehen . Erst sollte Jos eine bessere Meinung von der Wirtin bekommen . Sie setzte sich neben den Burschen auf einen Stein und erzählte , was jene hier als Mädchen einst erlebt habe . Aufmerksam hörte Jos zu ; auch als Dorothee geendet hatte , blieb er eine Weile ganz still . Endlich aber sagte er : » Der Platz ist ganz dazu gemacht , einmal frei auszusprechen , was man sonst in sich vergraben mußte - da drunten , wo jetzt der Sturm zieht . Auch ich hab ' dich heute zu mir hergewünscht , Gott hat mich erhört , und aus dem schöpf ich die Hoffnung , daß nun alles noch gut werde . Viel , viel hab ' ich zu sagen und zu fragen , ich will gleich anfangen , so treibt mich die Ungeduld , und zudem weiß ich nie , wann dein Bruder kommt und uns stört . « » Hansjörg ? « fragte das Mädchen erschrocken . Es hatte dem Bruder oft einen ordentlichen Freund gewünscht , und besonders den Umgang mit dem fleißigen Jos hatte es ihm recht von Herzen gegönnt , weil der ihn wohl so leicht als einer wieder auf den rechten Weg bringen konnte . Als nun aber allem nach die beiden hier sich treffen wollten , wußte sie nicht mehr , welchen sie für den Leiter und Führer des anderen halten sollte . Jos fühlte sich durch den Ton der Frage verletzt . » Dein Bruder « , antwortete er , » scheint dich lieber zu haben als du ihn . « » Der Schein trügt . « » Ich bin froh , wenn es das ist « , sagte Jos mit Wärme , » Hansjörg braucht jetzt Liebe . Nur seinen Tadlern und Aufpassern zulieb ' wird er nicht viel tun und nicht viel unterlassen . « » Das glaub ' ich auch « , versetzte Dorothee näher rückend . » Gerade du vermöchtest viel über ihn und könntest ihn weit bringen . « » Wir schaffen auch wirklich zusammen jetzt . « » Gott Lob und Dank im hohen Himmel ! « jubelte das Mädchen , dem seine Freude recht ordentlich anzusehen war , obwohl es im Schatten eines noch nicht entblätterten Astes saß . » Aber « , sagte es dann , sich besinnend , » mich nimmt ' s doch wunder , daß ich noch nichts davon gehört habe . « » Das kommt nicht an den Wirtstisch , und es wäre schlimm , wenn jeder davon zu erzählen wüßte « , lachte Jos , fuhr dann aber , das Erschrecken des Mädchens