zu ergreifen , so wenig versteht . Im Ernst , Oswald , die Karten liegen jetzt so gut , wie Du sie Dir nicht besser wünschen kannst . Freilich mit der Eroberung der Festung wird ' s nicht so schnell gehen . Die Jägerin hat offenbar mehr geschwatzt , als sie sollte ; aber gleichviel : in den Laufgräben bist Du , und wenn Du nicht weiter kommst , so ist es Deine Schuld . Wann sollst Du bei Primula sein ? Um sieben . Jetzt ist es fünf ; wir haben noch zwei Stunden Zeit . Komm ! wir müssen den Operationsplan reiflich bei einem Glase guten Stoffs überlegen . Karl der Kahle hat einen herrlichen Markobrunner , und aus diesem Brunnen sollst Du zuvor trinken , daß Deine Unternehmung Mark und Nachdruck hat und keine Spur von des Gedankens kränklicher Blässe . Komm ! Sechsundzwanzigstes Capitel Primula saß in ihrem Studirzimmer an einem mit neuen Büchern , Journalen und Papieren bedeckten Tische . Nach dem Empfangszimmer , das gleichfalls erleuchtet war , stand die Thür offen . Sie hatte soeben ein längeres Gedicht beendigt , das noch heute Abend an die Redaction eines belletristischen Journals geschickt werden mußte , in dessen Briefkasten schon dreimal , unter der Chiffre » P.V. in Gr . « die Notiz gestanden hatte : Hochverehrte Frau ! wir harren sehnlichst auf das versprochene Manuscript . - Da lag es nun , das versprochene Manuscript ! Eben war das letzte Pünktchen über das letzte i gemacht und schon sollte es hinaus in die weite , liebeleere Welt , bevor noch er , der sie zu all ' diesen glühenden Strophen begeisterte , eine Zeile davon gehört hatte . - Wenn er nur so früh käme , daß sie ihm wenigstens doch ein paar Verse vorlesen könnte , ehe die junge Frau von Cloten anlangte , in deren Beisein es natürlich nicht möglich war ! Da , horch ! war das nicht die Klingel an der Hausthür ? Die Hausthür wird geöffnet - eine weiche Männerstimme - er ist ' s ! er ist ' s ! Dank , ihr gütigen Götter ! Primula warf einen schnellen Blick in den Spiegel , der über ihrem Arbeitstische hing und strich sich die blonden Locken aus dem blassen Gesicht , ergriff eine Feder und fing an ( ohne Tinte darin zu haben ) mit nervöser Heftigkeit auf einem weißen Blatt Papier zu kritzeln . Störe ich , verehrte Frau ? fragte bald darauf die weiche Stimme neben ihr . Ah , mein Gott ! rief die Dichterin , die Feder aus der Hand werfend ; Sie sind ' s , Oswald ! Hatte ich Sie doch gar nicht kommen hören ! Sie waren so freundlich , verehrte Frau , mich in dem reizendsten Briefchen , daß ich je gelesen - Sie Schmeichler ! Wenn Sie die einfachen Verse von heute Morgen so loben , was werden Sie dann zu diesen sagen , die ich heute Abend , das Herz voll von Ihnen , mit glühender Stirn und pochendem Herzen geschrieben habe . Ich muß Ihnen wenigstens den Anfang vorlesen . Sie kommt vielleicht sobald noch nicht , vielleicht gar nicht . Bitte , bitte , nehmen Sie Platz . In einer halben Stunde muß es auf die Post . Hören Sie ! Was sagen Sie zu diesen originellen Versen , die mich eines Freiligrath nicht unwürdig dünken . Die Ueberschrift lautet : Der Löwe am Cap . Muß ich Ihnen sagen , wer der Löwe ist ? Wenn die glühe Sonnenscheibe sank dem Hottentottenkrale , Wenn die Nacht herniederthauet , die gespenstisch blasse , fahle , Wenn am Horizontessaume sich erhebt des Mondes Schale , Dann an der Lagune Rande brüllt es laut mit einem Male . Der einmal entfesselte kastalische Quell war nicht mehr zu hemmen . Oswald mußte sich in sein hartes Schicksal ergeben . Plötzlich ertönte die Hausglocke . Der Ton schien für die Dichterin nur ein Signal zu sein , mit doppelter und dreifacher Geschwindigkeit zu lesen , wobei sie ihrem Hörer , gleichsam um ihn am Entfliehen zu hindern , die Hand auf den Arm legte . Noch fehlten vielleicht nur noch dreißig Strophen , da rauschte in dem Nebenzimmer ein seidenes Gewand , und in der offenen Thür , die nach dem Empfangszimmer führte , stand plötzlich die graciöse Gestalt Emiliens von Cloten . Ich störe doch nicht , liebe Frau Professor ? fragte die junge Dame , mit einem halb scheuen , halb kecken Blick auf Oswald ; sonst gehe ich sogleich wieder . O nein , nein , erwiderte Primula in einem wehmüthigen Ton , das Manuscript auf den Tisch legend und sich erhebend ; durchaus nicht ! Ich las nur eben meinem jungen Freunde Stein ein paar Verse aus einem Gedicht - o Gott , es ist bereits halb acht , das Packet muß vor acht auf der Post sein . Liebe Frau von Cloten , bester Stein , entschuldigen Sie mich für den hundertsten Theil eines Augenblicks . Verweilen Sie so lange in dem Salon ; sobald ich das Packet expedirt habe , bin ich bei Ihnen . Damit schob die aufgeregte Dichterin ihre Gäste ohne viele Umstände in das Nebenzimmer , indem sie dabei Oswald zuflüsterte : Jammer , nur von einer Dichterseele zu fassen ! Die letzten Verse sind gerade die schönsten ! Sie ließ die Portiere fallen , sei es , um ungestört zu sein , sei es , um nicht zu stören ; und Oswald und Emilie standen einander gegenüber , Oswald sprachlos vor Erstaunen über die so seltsame und unerwartete Auflösung des Räthsels , und Emilie ebenfalls trotz ihrer Gewandtheit und Keckheit für einen Moment rathlos ; aber schon im nächsten hob sie die gesenkten Wimpern , lachte Oswald schelmisch aus ihren großen grauen Augen an und sagte rasch und im Flüsterton : Sie glaubten doch nicht , daß es ein Zufall ist , der uns hier zusammenführt ? Ich weiß nicht