auffahren , die in allerhand Extravaganzen übergehen : das ist der höchste Triumph , den man in dieser Existenz feiern kann . Auch Judith errang ihn und mußte ihn erringen wollen . Ohne ihn - hätte sie ja ihre Laufbahn verfehlt . Sie mußte es zu einem Gegenstand ihres ernsten Studiums machen , durch einen Blick , einen Ton , eine Stellung die elektrische Kette des Beifalls in Bewegung zu bringen . Sie mußte die Falte ihres Gewandes , die Haltung ihres Kopfes , den Aufschlag ihrer Augen , ihr Lächeln , ihren Gang , alles und jedes , Großes und Kleines , auf den Effekt berechnen , den sie hervorzurufen hatte , und mußte es dahin zu bringen suchen , daß der Eindruck von Berechnung hinter dem der einfachsten Natürlichkeit verschwinde , wozu allerdings ein großes Talent gehört . Aber weil sie es hatte , so fand sie auch Vergnügen daran es zu üben . Höchst lästig war ihr hingegen die Huldigung , die man ihr außerhalb der Bühne darbrachte . Sie wollte durchaus ihre Person in Schatten und nur ihre Kunst in ' s Licht stellen . Allein bei ihrer Kunst macht die Person selbst einen wesentlichen Teil und Gegenstand derselben aus : wie der Bildhauer seinen Marmorblock , muß der Schauspieler seine Person behandeln und bearbeiten , und da Judith diesen Teil ihrer Kunst auch außerhalb der Bühne beibehielt , so mußte sie es sich gefallen lassen , auch außerhalb derselben Huldigungen entgegen zu nehmen , die oftmals ihr stolzes Herz tief verletzten . Niemand glaubte an die kalte Gleichgültigkeit ihrer Erscheinung im gewöhnlichen Leben ; einige hielten es für Koketterie , andere für Maske , noch andere fanden den Schlüssel - in einer unglücklichen Leidenschaft , die ja durchaus bei jeder Erscheinung , welche der Alltagswelt nicht klar ist , eine Hauptrolle spielen muß . Von den Verhältnissen , welche sie auf die Bühne geführt hatten , sprach sie nie . Nur gelegentlich äußerte sie einst , daß sie eine spanische Jüdin sei . Sie lebte bei ihren Eltern , erschien nie öffentlich ohne ihre Mutter , und ihr Vater trieb sein Geschäft nur nach Lust und Laune , um nicht in die Langeweile der Untätigkeit zu versinken . Als der Winter und mit ihm Judith ' s Engagement in Lissabon zu Ende war , ging sie nach Amerika . Europa hatte noch nicht wieder das gehörige Gleichgewicht gewonnen , um sich für die Nachtigal von Cintra zu fanatisieren ; es lag noch in den letzten Krämpfen der momentan gebändigten Revolution . Nach England hätte Judith freilich gehen können ; aber sie wußte , daß sie dort als eine Berühmtheit auftreten mußte , wenn sie gefeiert werden wollte . Diese Berühmtheit gab ihr das an der äußersten Grenze von Europa gelegene Lissabon nicht und deshalb wählte sie Amerika , das geld- und städtereiche , als den entsprechenden Schauplatz für ihre künstlerischen Großtaten . Sie gelangen ihr über alle Erwartung . Judith trat als Opern-und Konzertsängerin auf ; wo keine Bühne war - oder keine , die ihr zusagte - war doch gewiß ein Saal zu finden , und das Konzert bildete sie allein . Manche hörten sie sogar am liebsten im Konzert , weil man sie dort in ihrer eigenen Persönlichkeit , anstatt in einer Rolle sah ; und dies Sehen gehörte wesentlich zum Hören ! Wenn sie so da stand , immer weiß und einfach gekleidet ; immer in ruhiger edler Haltung , immer mit ihrem melancholischen Ausdruck auf dem unvergleichlich schönen Antlitz , sah sie aus wie die tragische Muse selbst , während die Norma , Desdemona , Lucia etc. nur Schöpfungen dieser Muse waren . Sie konnte auch singen was sie wollte : ihre Stimme , ihr Vortrag machten aus dem Singen der Skala bald eine Bravourarie und bald ein zauberhaftes Liebeslied . Eine alte Arie aus einer vergessenen Oper von Zingarelli , die Romeo und Julia heißt und die heutzutage kein Mensch kennt , war in Judith ' s Hand gekommen , gefiel ihr ungemein wegen der seelenvollen , melodischen Musik des einst berühmten und jetzt verschollenen alten Meisters , und wurde von ihr in jedem Konzert vorgetragen . Wenn sie Romeo ' s Nachruf an die geliebte Julia anhub : » Ombra adorata , aspetta « - so war es nicht anders , als ob eine in tausend und tausend Herzen versteckte , verschlossene , schlummernde Sehnsucht nach dem Schatten der Liebe in Judith ' s Klage ihren Ausdruck gefunden habe ; und Amerika , das Land der Praxis und der Realität , seufzte : » Ombra adorata ! « Solche Macht hat nun einmal das Genie in dieser Richtung . Ihr Vater starb in Amerika . Sie hatte kaum Zeit ihn zu beweinen . Die Bühne ist auch ein Despot . Aber Judith ' s Trauer erhöhte den Zauber ihrer Stimme und ihres Spiels . Als nach zwei Jahren ihrer Kunstreise in Amerika der Kristallpalast die halbe Welt nach London zog , flog denn auch die Nachtigal von Cintra über den atlantischen Ocean nach Europa zurück und nach England , wo sie den Enthusiasmus wiederfand , dessen sie in Amerika herzlich überdrüssig war . Aber sie mußte ihn hinnehmen ; das gehörte zur Handwerksseite ihrer Kunst , und obwohl er ihr nicht eigentlich Freude machte , begehrte sie ihn doch , wenn und wo sie auftrat : er verhalf ihr zu einer Art von Betäubung gegen die innere Leere , die sie immer peinlicher , immer quälender in sich empfand . Wohl waren unter den Millionen Worten , die sie umschwirrten , auch Worte von Liebe gewesen . Ob sie ihnen geglaubt hatte ? ob sie gewähnt hatte , die Welt des Scheins , die sie umgab , könne eine Blüte des Herzens erzeugen und hervorlocken ? ob sie , um der Langenweile zu entrinnen , einem Traum von Liebe sich hingab ? Es ist nicht immer möglich , allen labyrinthischen Fäden zu folgen , die sich in einem und