die Augen gekommen , mit dem solle er sie ruhig lassen . Joggeli war böse darüber , klagte sehr , es wäre seiner Frau noch gut zu helfen , aber sie mache sich so köpfig , daß nichts mit ihr anzufangen sei . Die gute Mutter wußte wohl , daß ihr Übel nicht zu heben , bloß der Verlauf desselben zu erleichtern sei ; dafür hatte sie einen Arzt , der freilich weder Hundsschmalz noch Branntwein verordnete . Ihren Kindern hätte sie gerne geholfen , ihnen die Augen aufgetan fürs Zeitliche und Leibliche , auf bessere Wege sie geführt , aber alle ihre Mühe war vergeblich . Die Juden meinten , als Jesus ihnen ein , mal die Wahrheit sagte : » Das sind harte Worte , wer mag sie hören ? « und gingen hinter sich . Nun gibt es viele Naturen , welche christliche Worte nicht mehr vertragen mögen , so wenig wie verdorbene Magen tüchtige Speise ; Widerwillen und Ekel läuft ihnen im Munde zusammen und schüttelt den ganzen Körper . Soll man das Christentum diesen verdorbenen Magen zu lieb akkommodieren und verdünnern , bis sie es ertragen mögen , oder soll man diese hinter sich gehen lassen in Gottes Namen ? Was versteht Paulus unter der Milch , welche er für Kinder bereite , und darunter , daß er allen alles werde , damit er sie Christo gewinne ? Sicherlich nicht ein Verkümmern oder Verleugnen der Wahrheit , denn wer redet Menschen schärfer ins Gewissen als Paulus den Korinthern , und frägt er nicht : » Oder suche ich den Menschen gefällig zu sein ? Zwar wenn ich den Menschen noch gefällig wäre , so wäre ich Christi Knecht nicht , und so jemand euch ein anderes Evangelium predigt , als ihr es empfangen habt , der sei verflucht « ? Mit der Akkommodation wird ein gar schmählich Spiel getrieben . Christus wird aus dem Christentum herausakkommodiert , das Christentum aus den Kirchen , uns dagegen eine Moral eingewässert , in welche jede Regierung , jeder Polizeiminister das Beliebige rührt . Eine Moral in Juristenhänden ist ein Stücklein Wachs in Schneidershänden ! Bald rund , bald viereckig , bald so , bald anders wird es geknetet ; es ist eine Moral , daß Gott erbarm , ob welcher die Menschen nicht bloß des Teufels werden möchten , sondern wirklich auch des Teufels werden . Es ist eine Staatsmoral , ob welcher sogenannte Staatsmänner leiblich den Hals brechen , und was dann aus ihren armen Seelen wird , ist Gott bekannt . Dem Baumwollenhändler sagte die Mutter nichts , an dem hatte sie nichts erzogen und wußte wohl , daß man Perlen nicht vor die Säue werfen soll . So einem geschliffenen Schliffel von Religion zu reden , dazu braucht es wirklich schon einen großen Mut . Selbst mit Johannes redete die Mutter nur leise und mit Zagen : Was er auch denke und wo das hinaus solle ? Er und seine ganze Familie machten ihr so großen Kummer . Johannes war nicht ohne Gefühl , die Mutter war ihm immer lieb gewesen ; er sagte oft , wenn sein Babi wäre wie die Mutter , er würde einen Finger von der rechten Hand geben . Aber geistige Zusprüche mochte er doch nicht , sie machten ihn wunderlich , sie krabbelten ihm in den Gliedern , er wurde ungeduldig , kriegte einen seltsamen Kitzel im Halse , daß er lachen mußte , wenn es ihm schon nicht ums Lachen war . » Mutter , habt nicht Kummer , « sagte er dann , » die Sache ist nicht halb so gefährlich , so bös gehen wird es nicht . Braucht das Doktorzeug nur gut , so wird es Euch schon bessern . Es ist schon mancher Mensch krank gewesen und ist wieder besser geworden « , und unter irgend einem Vorwande machte er sich von der Mutter weg . Mit Elisi war es aber anders , das war , als ob es ein Herz von Blech hätte ; die Mutter mochte sagen , was sie wollte , es machte ihm weder kalt noch warm , es nahm weder Anteil daran noch Notiz davon , schimpfte über seinen Mann , hässelte mit den Kindern , plagte die Mutter fürchterlich mit Eifersucht gegen das große und das kleine Vreneli , sagte höchstens , sie solle doch aufhören mit ihrem Gestürm , sie mache ihm so Langeweile ; dann konnte es wieder angesichts der Mutter die kindlichste Freude haben an einem Kleidungsstück , sich vor dem Spiegel hin- und her , wenden , und mitten in Hustenanfällen sollte die Mutter ihm sagen , ob es ihm nicht gut stehe , ob es ihr nicht bsonderbar gefalle ? So eine Tochter zu haben , die schon Mutter mehrerer Kinder ist , das ist wirklich ein hartes Kreuz auf dem Totenbette . O Mütter , bedenkts ! Und zu der Tochter eine Schwiegertochter , um kein Haar besser und auch wieder mit mehreren Kindern behaftet , das war ein zweites Kreuz und ein nicht minder schweres . Trinette zwar zeigte sich nicht , Kranke besuchen war nicht ihre Liebhaberei , alte Leute verachtete sie in Bausch und Bogen . Es sei doch nichts wüster , sagte sie , als so eine alte Frau , die nichts mehr von neuen Moden wissen wolle und am liebsten ihre fünfzigjährigen Hochzeitskleider trüge . Pfi Tüfel ! Einmal sie begehre nicht , so alt zu werden , oder wenn es sein müsse , denn expreß jung hängen möge sie sich doch nicht , so wolle sie dafür sorgen , daß kein Mensch wisse , wie alt sie sei ; sie wisse , wie man das mache , eine alte Hebamme habe es ihr einmal gesagt ; diese hätte lange in der Stadt gedient und gewußt , wie die Stadtfrauen das machten . Trinette und Elisi waren Beide ungefähr gleich blechern ums Herz . Trinette hatte vielleicht etwas mehr Energie und Elisi mehr Bosheit ; sie waren