einer höchsten Lebensweihe . Einen großartigen edeln Menschen das Leid des Daseins tragen sehen , wirkt sogar auf selbstische und gemeine Naturen ; der Schmerz verleiht dem so Hochstehenden einen Glorienschein und macht den Dornenkranz zur Krone ; aber einen ungewöhnlich Begabten , dessen Leben ein Segen für die Andern , für ihn selbst unbefriedigt und schmerzlich dahinfloß , plötzlich im Sonnenglanz des höchsten möglichen Erdenglückes zu erblicken , wirkt noch allgewaltiger . Es öffnet uns einen Blick in den Himmel und gewährt uns ein tiefes , jauchzendes Vertrauen auf das Geschick ; all der Unmuth , der bange Zweifel , die Irreligiosität , die uns oft betrübendes Erfahren aufdrängen , fallen ab wie eine Wolkenhülle und der Glaube tritt uns wieder nahe und strömt seine Seligkeit in unser wundes Herz . Wer diese Menschen so zusammen sah in ihrer heiteren Liebe , wem Annens strahlendes Gesicht , Gotthards so geistig-schönes Dankgefühl , der Kinder und Freunde Jubel damals die Empfindung des dankbaren Glaubens an mögliches Menschenglück in die Brust gesenkt , wie ein schützendes Amulet gegen das Mistrauen des Ueberdrusses , der wird ein solches Begegnen nicht vergessen haben . Möge sein Erinnern desselben das Samenkorn eines inneren heiligenden Segens für den werden , der am Leben verzweifelt . Auch jetzt in unsern Tagen noch möchte ich dem schauensmüden blasirten Reisenden , der so viel Städte , Bücher , Bilder , Kunstwerke aller Art mit mattem Blick besieht , den eine innere Rastlosigkeit von Land zu Lande , von Meer zu Meere treibt , wünschen , daß ihn sein Weg an Gotthards Landhause vorüberführe . Wenn der Präsident nach langen beschwerlichen Berufsgeschäften , die auch ihn oft zu weiten Reisen veranlassen , heimkehrt zu seinem stillen , friedlichen Asyl , umfängt ihn eine selbst erbaute Welt des Schönen . Was Wissenschaft , Kunst und Reichthum dem Dasein als Schmuck gewähren , liegt dort in reichen Garben aufgehäuft . Anna hat einen Zauberkreis der Häuslichkeit darum hergezogen . Noch immer stehen sie und Gotthard , unverändert im Innern , von der Zeit unendlich mild behandelt , schön und edel , in vollster Kraft , nebeneinander , noch immer ist ihre Neigung dieselbe , noch immer eint sie das seltenste , innigste Verstehen . Egon zählt bereits unter unsern bedeutendsten Staatsmännern . Da Gotthard keine Kinder hat , übertrug sein Herz auch in diesem Bezug die Neigung auf keinen neuen Gegenstand . Die Zeiten haben sich verändert ; ihren Anforderungen zu genügen , ist alljährig schwerer geworden . Gotthard sieht seinen Nachfolger in Egon , dessen die seine einst überragende Wirksamkeit er sorglich und besonnen dem Lieblinge vorbereitet . Joseph ist der schönste und beliebteste Offizier seiner Garnison und ist dabei der unempfänglichste für Frauenliebe . Obschon er jeder Dame den Hof macht , erzählt er ihr zugleich , daß nur die ganz besondere glückliche Mischung von Fehlern und Vorzügen seiner Tante Leontine ihn dauernd zu fesseln vermöchte , und daß er trostlos ist , hier bei den nordischen Barbaren weilen zu müssen , während die Unbarmherzige unter griechischer Sonne altert , ohne auf ihn zu warten . Und Leontine ? Sie ist immer noch ein anmuthiges , vielleicht für sich und uns unlösbares Räthsel . Seit einer Reihe von Jahren hat sie Deutschland nicht wieder betreten . Ob sie in Griechenland den verlorenen Gatten wiedergefunden , ob sie ihm noch heimlich verbunden ist , ob andre Neigungen und Verhältnisse ihre Seele erfüllen , Niemand weiß es , selbst Anna nicht . Sie schreibt unendlich geistvolle , inhaltreiche Briefe , deren Flammenzüge Leuchtkugeln gleich aufblitzen in dem kleinen Kreise ihrer Freunde , und den Zustand des Bodens , auf dem sie anzuwurzeln scheint , in seiner Eigenthümlichkeit und in seinen wechselnden Gestaltungen richtiger schildern , als alle unsere Tageblätter und Reisenden . Gar andere , tiefernste Briefe , meist in Bücherform und gedruckt , sendet uns Otto . Ihn umgibt ein Kreis geliebter Kinder und treuer Freunde . Die unendliche Thätigkeit seiner Seele erhält ihn frisch ; die seit den letzten Jahren mit Riesenschritten fortschreitende Wissenschaft trägt ihn über alle kleinen Lebenssorgen hinweg . Vrenely ist der Trost seiner Tage geblieben ; in ihrem Hause herrscht noch immer die anmuthige saubere Bürgerlichkeit , in der wir sie zuerst gefunden ; in ihrem Herzen blüht die Poesie und treibt mit jedem Jahre neue Frühlingsknospen . Otto kennt nur das Universum und sein Haus ; die Gesellschaftswelt und die Politik der Zeit kümmern ihn jetzt fast eben so wenig , wie sie in den Tiefen der Erde es thaten , als er mit dem Grubenlicht und dem Schlägel in der Hand von den Schätzen der Wissenschaft träumte , die jetzt sein Forschergeist erreicht . Annen hat er nicht wiedergesehen und alle Einladungen Gotthards mild , aber bestimmt abgelehnt .