ein reines Kind glücklicher Unbefangenheit , steht Sara vor meinen Augen . Sie hat ihre Mutter nie gekannt . Friedrich , der nicht ohne Mitwissen zu sein scheint , ist vielleicht zu bewegen , Winke über die frühern Verhältnisse Mardochai ' s zu geben , und könnte dies geschehen , so ließe sich wol auch gegen ihn machiniren , ohne mit Gewalt seine fein geschürzten Netze zu zerreißen . Den 17. December . Man sollte kaum glauben , daß eine im Ganzen doch aufgeklärte Bevölkerung so lange und hartnäckig an alten Gebräuchen fest halten könnte . Zwar liegt wenig daran , die Cultur wird nicht niedergehalten , aber es fällt doch auf . In früherer Zeit gab es in Köln einen ausgezeichnet fröhlichen Carneval . Große Maskenzüge wurden angeordnet , an denen vorzüglich die Geistlichkeit , wie Du weißt , regen Antheil nahm . Die neuere Zeit hat diese Maskenfahrten zwar vielfach verwischt , aber doch nicht ganz zu tilgen vermocht . Mir nun gefällt dies , so wenig mein eigener Sinn am Alten sich sättigen kann . Ein Stück romantischer Poesie aus den Zeiten des Mittelalters greift vermittelst dieses Spieles noch herein in unser ernüchtertes Zeitalter , und sucht man dies , wenn auch nur künstlich , fest zu halten , so ist der Instinct , der es thut , sogar lobend anzuerkennen . Es sollten dergleichen Festlichkeiten heut zu Tage nur mit mehr Geist angeordnet werden , so könnten sie sogar Form und Gestalt einer Volksbelehrung annehmen . In die bloßen Farcen muß man jetzt Tiefe zu bringen suchen , sonst werden sie fade und widerlich . Schon seit einiger Zeit spricht man von dem bevorstehenden Carneval , ohne sich zu etwas Großartigem zu vereinigen . Wie Alles bei uns , wird auch dies nur stückweise betrieben und Jeder folgt seinen eigenen Eingebungen , Privatliebhabereien und philisterhaften Albernheiten , wobei dann freilich ein Harlekinswesen zu höchster Ergötzlichkeit des Pöbels herauskommen muß . Auffallend ist mir hierbei nur die große Thätigkeit Mardochai ' s. Läuft der Mann von früh bis in die Nacht hinein Gass ' auf , Gass ' ab , als gelte es dem Wiederaufbau Jerusalems ! Und kein Mensch erfährt , was er schmiedet , wonach er eigentlich rennt . Ich kann nicht glauben , daß ihn der Schwank selbst so gewaltig interessirt , denn wahrhaftig , die Juden kamen nicht allezeit ungehänselt hinweg ! Der feige Schmerz ward oft bitter verhöhnt , und unternahm der Pöbel auch nicht grade etwas Widerrechtliches , so war er doch auch nicht jederzeit in den Grenzen erlaubter Scherze zu halten . Mir kommt dieses unstäte Wesen Mardochai ' s sehr gelegen . Oft , fast täglich wiederhole ich meine Besuche bei Sara und komme dadurch Friedrichen näher , der übrigens unbefangen bleibt wie immer , wenig auf uns achtet , desto mehr aber auf seiner Geige spielt . Wäre ich diese Töne nicht schon gewohnt , so würde mich entweder ein halber Wahnsinnstaumel erfassen , oder vollendete , colossale Narrheit wäre das Ende meines Lebens . So aber gleicht sich Alles auf das Einfachste aus , die Gewohnheit macht mir sein Spiel gleichgiltig und Sara ' s naives Geschwätz wiegt mich in heitere Träume einer längst verloren gegangenen Kindlichkeit . Vor einigen Tagen war Sara besonders scherzhaft gestimmt . Sie zeigte mir alle Künste , die sie im schönen Müßiggange erlernt hatte und gefiel sich namentlich darin , sich vor meinen Augen schnell und fast unmerklich zu verwandeln durch ein wunderbar geschicktes Handhaben ihres Shawl ' s und des faltigen Oberkleides . Dieses harmlose Spiel ergötzte mich eben so sehr als das Mädchen . Dabei erzählte sie mir orientalische Mährchen , voll Duft und scherzhaftem Kinderglauben , spielte dazwischen die Zither oder führte auch einen kurzen Tanz auf . Friedrich kam dazu , und geigte . Glücklich gestimmt , hatte er Neigung zu sprechen , was er sonst fast nie thut , oder doch nur sehr lakonisch . » Sara tanzt heut ' , wie ihre Eugenie , « sagte er dumpf vergnüglich in sich hineinlachend , und strich seine Geige so possirlich , daß ich selbst ebenfalls lachen mußte . » Ich denke , gescheidte Menschen lachen nie , « fuhr er fort , etwas beleidigt , wie es schien . » Das soll ja nur den Dummen und Narren frei stehen . Es ist ihr Monopol ; ' s kostet ihnen eine ganze , splitternackte Seele . « » Wer war denn Eugenie ? « fragte ich den Blödsinnigen . » Eugenie ? « wiederholte er , pfiffig und doch auch einfältig dazu lächelnd . » Ja , Eugenie war ein Wesen , das Niemand kennen darf , als zwei Menschen . « » Und diese zwei , Friedrich ? Sieh , dies schöne Goldstück , ist ' s nicht mehr werth , als ein albernes Geheimniß ? « » Mardochai gab mir zehn solche Goldstücke , damit ich schweigen kann , nur zehn andere , wenn sie recht glänzen , heben sich . « Ich warf ihm die blinkenden Dukaten zu . » Besinne Dich Friedrich ! « » Besinnen ? Eugenie war Bardeloh ' s Schwester . « » Und was ist sie jetzt ? « Er warf die Geige auf den Teppich und ahmte , durch das Zimmer gehend , die Haltung eines Leidtragenden nach . » Was hat denn Eugenie in ' s Grab gebracht ? « fragte ich weiter . » Die dumme Liebe , « sagte der Blöde und fing wieder an zu geigen . » Wer hieß es auch dem albernen Dinge , einem Juden zu vertrauen ! Dafür mußte sie bei guter Zeit die Welt verlassen . « » Ist Eugenie kinderlos gestorben ? « » Nun das freut mich , « erwiederte der Geiger und unterbrach abermals sein Spiel . » Nun kenne ich doch einen , der noch dümmer ist , als für gewöhnlich der Allerweltsesel Friedrich gehalten wird . Dieser weiß doch wenigstens , daß Sara