ich suchte die Gestalt meines Freundes und sah nur Weiber , die sich wie dunkle Schatten vor meinen Blicken bewegten und deren Klagen in verworrenem Getön mir unverständlich summten . Eine weinende Stimme erhob sich endlich lauter als die übrigen und rief mit schmerzlichem Tone : Ach meine armen Kinder ! Dieses Wort gab mir Leben , um mein Unglück zu fühlen , und Bewußtsein , um seine gräßliche Tiefe zu erkennen . Mein Kind ! rief ich in schmerzlicher Klage , mein Sohn ! mein Gemahl ! und Thränen bedeckten mein Gesicht . Es waren um diese Zeit die Gefängnisse in Frankreich nicht allein mit Verbrechern angefüllt . Im Volke war nach langer Unterdrückung der unbändige Trieb nach Freiheit erwacht , dieser wurde oft mißleitet und die edelsten Opfer bluteten dem neuen Götzen . Es waren in diesem traurigen Aufenthalte einige Frauen , die mit wahrhafter Seelengröße ihr eignes Unglück und ihren wahrscheinlich nahen gewaltsamen Tod auf einige Zeit vergessen konnten , und das Loos einer neuen Leidensgefährtin zu erleichtern suchten . Man machte in einem Winkel des Gemachs ein Lager für mich zurecht ; Jede trug von dem ihrigen dazu bei ; man suchte vor allen Dingen meine irren Gedanken auf einen bestimmten Gegenstand zu richten , man fragte mir die Geschichte meines Leidens ab , und ohne diesen menschenfreundlichen Beistand , den ich , von Tod und Grausen umgeben , fand , wäre ich wahrscheinlich verloren gewesen , und eine ewige Nacht des Wahnsinns hätte vielleicht meine Seele umfangen . Wie lange ich an diesem Orte des Schreckens verweilte , weiß ich nicht . Ich hatte nicht Besonnenheit genug , die Tage des Jammers zu zählen ; die Gefährtinnen meines Elends verminderten sich , ob sie die Freiheit erlangten , ob sie dem Tode hingegeben wurden , erfuhr ich nicht , ich gab in dumpfer Verzweiflung mich selbst verloren und wünschte den Tag herbei , an dem Frankreichs Boden auch mein unschuldiges Blut trinken würde , und fürchtete doch zugleich seine Schrecken . Eines Morgens öffnete sich der Kerker und ich wurde aufgefordert , mich vor meine Richter zu stellen . Verzweiflung und Krankheit hatten die Kräfte meines Körpers erschöpft , ich begriff kaum mehr , was man von mir wollte ; ich fühlte nur noch dunkel , daß jetzt der Todestag gekommen sei , und schwankte einer Leiche ähnlich dahin , wo man mich vor meine sogenannten Richter stellte . Man that verschiedene Fragen , deren Sinn ich nicht mehr im Stande war zu begreifen . Ich gab vermuthlich Antworten , doch weiß ich nichts von ihrem Inhalte . Ich hatte nur noch so viel Besinnung , daß ich das Ganze für eine Förmlichkeit hielt , die voran gehen mußte , ehe man mein Todesurtheil ausspräche , und ich erwartete mit einer Art von Ruhe diesen Spruch und schrak verwundert zusammen , als man mich für unschuldig und frei erklärte . Mit starrer Verwunderung blickte ich auf meine Richter und blieb vor den Schranken stehen ; man machte mir bemerklich , ich könne den Gerichtssaal verlassen und es sei schicklich dieß zu thun , und ich blickte trostlos umher , denn ich wußte nicht , wohin ich mich wenden sollte . Da trafen meine Augen auf das treue Antlitz Dübois , der sich zu mir drängte , meine Hand faßte und mich hinaus führte . Ich ließ es geschehen , und als die Luft des Himmels mich wieder anwehte , wollte ich reden , fragen ; nur hier nicht , nur um Gottes Willen jetzt nicht , sagte der redliche Mann , und ich bemerkte nun , wie elend und abgemagert er aussah . Er zog mich fort , er wollte einen Platz erreichen , um einen Wagen zu finden , da geriethen wir in ein Gedränge von Menschen , das uns gewaltsam mit sich fortschob . Dübois war nur mit mir beschäftigt , er suchte mir Platz zu machen , und ich , ermattet und geängstigt , hatte ein schwaches Verlangen , die Ursache des Gedränges zu erfahren . Ich blickte umher , mich blendete im hellen Sonnenscheine der Glanz von Waffen , ich bemerkte , daß durch diese Bewaffneten ein Raum von Menschen frei erhalten wurde , meine Augen trafen auf eine Maschine , die auf einer Erhöhung errichtet war und deren grausamen Gebrauch ich ahnete . Menschen standen auf dieser Erhöhung , und Gott im Himmel ! ich erkannte meinen Gemahl . Einen Schrei der Angst stieß ich aus , vor dem ich selber erbebte , alle Kräfte strebten hin nach dem unglücklichen Opfer , dieß ist das letzte , was ich von meinem damaligen Zustande weiß . V Ich weiß es nicht , wie lange ich , von Wahnsinn umfangen , mich selber und mein Kind nicht kannte . Ich erinnere mich nur , daß ich eines Morgens , nach langem Schlaf , wie es mir schien , erwachte . Ich wollte mich erheben und fühlte zu meinem Erstaunen meine Glieder an mein Lager befestigt , ich blickte um mich und fand mich in einem kleinen , peinlichen Zimmer , vor dessen Fensten Weinreben sich empor rankten , deren breite Blätter sich in der Seine wiegten , so daß ihr Schatten sich auf dem Lande bewegte . Neben dem einfachen Lager kniete ein alter Mann , der ein Gebetbuch in den Händen hielt und so eifrig betete , daß ihm die Thränen über die Wangen flossen . Ich blickte genau hin und strengte mein Gedächtniß an , um irgend etwas zu erkennen , wodurch ich an die Vergangenheit erinnert und die Gegenwart mir deutlich würde , denn mir war jede Erinnerung entschwunden . Nachdem ich den betenden Mann eine Weile betrachtet hatte , schien sich ein schwaches Licht in meinem Geiste aufzudrängen , und ich rief : Dübois ! mit matter Stimme . O ! nie werde ich es vergessen , mit welchem Ausdrucke seliger Freude der gute Mann mich ansah , wie inbrünstig er Gott dankte für dieß erste Zeichen wiederkehrender