weitem der Größte . Denn viel ehrenvoller ist es , der Gründer eines kraftvollen herrlichen Stammes zu seyn , als sich , durch das Verdienst edler Vorfahren gehoben , auf schon gebahntem Wege gemächlich durch die Welt helfen zu lassen . Doch Dir , mein Bruder ! eröffnet sich eine Aussicht , die Ehrenkrone unsers Stammvaters mit ihm einst theilen zu können . Zwar bist Du der letzte unsers alten edlen Namens , doch hoffentlich wird er wieder neues Leben gewinnen , und Du stehst einst in der Mitte zwischen der langen Reihe unsrer Vorfahren und einer zahlreich erblühenden , bis in die späteste Zeit hinab reichenden Nachkommenschaft . Du kannst es erringen , daß einst Deine Urenkel und die Deiner Unterthanen , vorzüglich vor Deinem Bilde gern bewundernd verweilen und daß der Vater , indem er dem Sohne es zeigt , zu ihm spreche : neige dich ehrfurchtsvoll vor diesem Albert , er verlieh dem zu seiner Zeit fast ganz gesunknem Hause der von Leuen neues Leben , er allein erhob es wieder zu seinem ursprünglichen Glanze , indem er Freude und Wohlhabenheit bis in unsre Hütten verbreitete und durch Thätigkeit , Umsicht und weise Sparsamkeit wieder aufbaute , was eine verworrene , unheilbringende , kriegerische Zeit zerstört hatte . Doch glaube nicht , daß ich verkenne , auf welch ' ein schweres Unternehmen ich hier hindeute ; oft schon , mein theurer Bruder , wenn Du vergebens nach Dir genügenden Worten suchtest , um Deine gränzenlose Dankbarkeit mir auszudrücken , fiel es mir schwer aufs Herz , daß ich durch die Uebertragung der Rechte meiner Erstgeburt Dir weniger als Nichts gewährte , wenn Du nicht selbst mit rastlosem Eifer Dein Leben daran setzen willst , um Dein Besitzthum wieder zu dem zu erheben , was es vor den Verwüstungen des siebenjährigen Krieges , und der aus den langen Abwesenheiten seiner Eigenthümer entstehenden Verwahrlosung gewesen ist . Einem edlen freien Geiste wird es unendlich leichter , Neues zu schaffen , als Verworrenes , Zerstörtes wieder zu ordnen und aufzurichten . Es wollte mir daher oft unbillig erscheinen , daß ich Dir , dem Knabenalter kaum Entwachsenen , eine so schwere Aufgabe aufbürden konnte , und einzig die Ueberzeugung , daß ich durch diese Handlung nur der Zeit um einige Jahre zuvoreile , konnte mich darüber beruhigen . Nach dem gewöhnlichen Laufe der Natur wären Dir , dem um viele Jahre jüngern Bruder , dennoch die Verpflichtungen einst zugefallen , die Du , von mir veranlaßt , schon jetzt übernimmst . Als geistlicher Ritter hättest Du ihnen noch weniger genügen können , unser alter edler Name wäre mit Dir erloschen und das Eigenthum unsrer Väter , die Sorge für das Glück derer , die seit undenklicher Zeit vom Vater auf den Sohn gewohnt waren , dem Schutz eines von Leuen anvertraut zu seyn , wäre fremden Händen zugefallen . Da sey Gott vor , daß ich dies zugeben solle , wenn ich es ändern kann . Ich , mein Albert ! ich bin vom Schicksal unabwendbar bestimmt , einsam zu leben und zu sterben , ich müßte es , und wärst Du nie geboren . Sahst Du niemals einen Baum , stark und fest dem äußern Anschein nach , aber an der eigentlichen Wurzel seines Lebens nagt ein heimlicher Wurm , er kann noch eine Weile fortgrünen , doch der Raum um ihn her bleibt ewig öde , und in seinem kalten Schatten sproßt kein junges Leben wieder auf . Sahst Du je einen solchen Baum ? Er war das Bild Deines Bruders . Frage mich nicht weiter , ich kann und will keine Deiner Fragen über diesen Punct beantworten , aber glaube mir , wenn ich mit dem tiefen Ernst eines auf den Tod Verwundeten Dir sage : es ist so . Laß diesen Ausspruch Dich nicht zu sehr um meinetwillen betrüben , denn ich habe einst auch gelebt , ein kurzes aber schönes , vom seeligsten Traume hochbeglücktes Leben , doch jetzt ist es dahin . Für andere kann ich noch wirken , so lange die Sonne mir scheint , für mich nicht mehr , denn ich habe keinen Wunsch mehr auf Erden , alles , alles ist vorbei . Daß ich aber , indem ich that , was ich für Recht und nöthig erkannte , zugleich Dein und Luisens Glück erbauen durfte , das ist die letzte Gunst , welche das Geschick mir gewährte ; ich achte sie um so höher , je weniger ich mir noch einer solchen im Laufe meines Lebens gewärtig war . Sorge auch übrigens nicht um mich ; zwar bin ich bis heut ' hier völlig fremd geblieben und weiß Dir über die hiesige Zustände nichts mitzutheilen , doch Raum für Thätigkeit giebt es überall . Ich brauche nur diesen noch , auch hier werde ich ihn entdecken und denke , so mich ganz leidlich von einem Tage zum andern hinüber zu helfen . Zugleich mit diesem Briefe wird das Dir wohlbekannte Kästchen von Elfenbein Dir eingehändigt werden , welches lange Jahre hindurch in unsrer Familie hochgehalten und bewahrt wurde . Ich sende es Dir zurück , weil es hier dereinst sehr leicht in fremde Hände fallen könnte ; bewahre es wohl und lasse es nie von Dir , behalte es zu meinem Andenken , wenn es Dir dadurch vielleicht lieber werden sollte . Du findest es mit einigen Kleinigkeiten an Schmuck und Seltenheiten angefüllt , wie dieses Land sie bietet . Uebergieb diese Deiner Luise in meinem Namen ; sie sind an sich beinahe ohne Werth , doch ich hoffe , Luise wird um meinetwillen sie nicht verschmähen . Den Ring mit meinem Bildniß , den Du jenen Dingen beigefügt findest , bestimme ich Dir , denn ich weiß , es wird Dich freuen , eine so treue Kopie meiner Züge zu besitzen , doch trage ihn nie an Deiner Hand , und lass ' auch Deine Luise dieses nie thun . Eine der schmerzlichsten Erinnerungen knüpft sich für mich an