sie Incompletae nennen ; man kann eben auch sagen , daß es inkomplette , unvollständige Menschen gibt . Es sind diejenigen , deren Sehnsucht und Streben mit ihrem Tun und Leisten nicht proportioniert ist . Der geringste Mensch kann komplett sein , wenn er sich innerhalb der Grenzen seiner Fähigkeiten und Fertigkeiten bewegt ; aber selbst schöne Vorzüge werden verdunkelt , aufgehoben und vernichtet , wenn jenes unerläßlich geforderte Ebenmaß abgeht . Dieses Unheil wird sich in der neuern Zeit noch öfter hervortun ; denn wer wird wohl den Forderungen einer durchaus gesteigerten Gegenwart , und zwar in schnellster Bewegung genugtun können ? Nur klugtätige Menschen , die ihre Kräfte kennen und sie mit Maß und Gescheidigkeit benutzen , werden es im Weltwesen weit bringen . Ein großer Fehler : daß man sich mehr dünkt , als man ist , und sich weniger schätzt , als man wert ist . Es begegnet mir von Zeit zu Zeit ein Jüngling , an dem ich nichts verändert noch gebessert wünschte ; nur macht mir bange , daß ich manchen vollkommen geeignet sehe , im Zeitstrom mit fortzuschwimmen , und hier ist ' s , wo ich immerfort aufmerksam machen möchte : daß dem Menschen in seinem zerbrechlichen Kahn eben deshalb das Ruder in die Hand gegeben ist , damit er nicht der Willkür der Wellen , sondern dem Willen seiner Einsicht Folge leiste . Wie soll nun aber ein junger Mann für sich selbst dahin gelangen , dasjenige für tadelnswert und schädlich anzusehen , was jedermann treibt , billigt und fördert ? Warum soll er sich nicht und sein Naturell auch dahin gehen lassen ? Für das größte Unheil unserer Zeit , die nichts reif werden läßt , muß ich halten , daß man im nächsten Augenblick den vorhergehenden verspeist , den Tag im Tage vertut und so immer aus der Hand in den Mund lebt , ohne irgend etwas vor sich zu bringen . Haben wir doch schon Blätter für sämtliche Tageszeiten ! ein guter Kopf könnte wohl noch eins und das andere interkalieren . Dadurch wird alles , was ein jeder tut , treibt , dichtet , ja was er vorhat , ins Öffentliche geschleppt . Niemand darf sich freuen oder leiden als zum Zeitvertreib der übrigen ; und so springt ' s von Haus zu Haus , von Stadt zu Stadt , von Reich zu Reich und zuletzt von Weltteil zu Weltteil , alles veloziferisch . So wenig nun die Dampfmaschinen zu dämpfen sind , so wenig ist dies auch im Sittlichen möglich ; die Lebhaftigkeit des Handels , das Durchrauschen des Papiergelds , das Anschwellen der Schulden , um Schulden zu bezahlen , das alles sind die ungeheuern Elemente , auf die gegenwärtig ein junger Mann gesetzt ist . Wohl ihm , wenn er von der Natur mit mäßigem , ruhigem Sinn begabt ist , um weder unverhältnismäßige Forderungen an die Welt zu machen noch auch von ihr sich bestimmen zu lassen . Aber in einem jeden Kreise bedroht ihn der Tagesgeist ; und nichts ist nötiger , als früh genug ihm die Richtung bemerklich zu machen , wohin sein Wille zu steuern hat . Die Bedeutsamkeit der unschuldigsten Reden und Handlungen wächst mit den Jahren ; und wen ich länger um mich sehe , den suche ich immerfort aufmerksam zu machen , welch ein Unterschied stattfinde zwischen Aufrichtigkeit , Vertrauen und Indiskretion , ja daß eigentlich kein Unterschied sei , vielmehr nur ein leiser Übergang vom Unverfänglichsten zum Schädlichsten , welcher bemerkt oder vielmehr empfunden werden müsse . Hierauf haben wir unsern Takt zu üben , sonst laufen wir Gefahr , auf dem Wege , worauf wir uns die Gunst der Menschen erwarben , sie ganz unversehens wieder zu verscherzen . Das begreift man wohl im Laufe des Lebens von selbst , aber erst nach bezahltem teurem Lehrgelde , das man leider seinen Nachkommenden nicht ersparen kann . Das Verhältnis der Künste und Wissenschaften zum Leben ist nach Verhältnis der Stufen , worauf sie stehen , nach Beschaffenheit der Zeiten und tausend andern Zufälligkeiten sehr verschieden ; deswegen auch niemand darüber im ganzen leicht klug werden kann . Poesie wirkt am meisten im Anfang der Zustände , sie seien nun ganz roh , halbkultiviert , oder bei Abänderung einer Kultur , beim Gewahrwerden einer fremden Kultur , daß man also sagen kann , die Wirkung der Neuheit findet durchaus statt . Musik im besten Sinne bedarf weniger der Neuheit , ja vielmehr je älter sie ist , je gewohnter man sie ist , desto mehr wirkt sie . Die Würde der Kunst erscheint bei der Musik vielleicht am eminentesten , weil sie keinen Stoff hat , der abgerechnet werden müßte . Sie ist ganz Form und Gehalt und erhöht und veredelt alles , was sie ausdrückt . Die Musik ist heilig oder profan . Das Heilige ist ihrer Würde ganz gemäß , und hier hat sie die größte Wirkung aufs Leben , welche sich durch alle Zeiten und Epochen gleich bleibt . Die profane sollte durchaus heiter sein . Eine Musik , die den heiligen und profanen Charakter vermischt , ist gottlos , und eine halbschürige , welche schwache , jammervolle , erbärmliche Empfindungen auszudrücken Belieben findet , ist abgeschmackt . Denn sie ist nicht ernst genug , um heilig zu sein , und es fehlt ihr der Hauptcharakter des Entgegengesetzten : die Heiterkeit . Die Heiligkeit der Kirchenmusiken , das Heitere und Neckische der Volksmelodien sind die beiden Angeln , um die sich die wahre Musik herumdreht . Auf diesen beiden Punkten beweist sie jederzeit eine unausbleibliche Wirkung : Andacht oder Tanz . Die Vermischung macht irre , die Verschwächung wird fade , und will die Musik sich an Lehrgedichte oder beschreibende und dergleichen wenden , so wird sie kalt . Plastik wirkt eigentlich nur auf ihrer höchsten Stufe ; alles Mittlere kann wohl aus mehr denn einer Ursache imponieren , aber alle mittleren Kunstwerke dieser Art machen mehr irre , als daß sie erfreuen .