Doch muß ich dir sagen , daß diese Benennungen in meinem Wörterbuche nicht für gleichbedeutend gelten . Jede bezeichnet mir eine besondere Classe der Hauptgattung , die man im gemeinen Leben mit dem allgemeinen Namen der Sophisten zu belegen gewohnt ist . Es gibt eine Art heller Köpfe , welche die Ausbildung einer glücklichen Anlage hauptsächlich dem Leben in der wirklichen Welt und den mannichfaltigen Gelegenheiten und Aufforderungen zum Nachdenken , die ihnen darin aufgestoßen sind , zu danken haben . Sie zeichnen sich durch einen schärfern Blick in die menschlichen Angelegenheiten von den beiden andern Classen aus , welche gemeiniglich in der Welt um sie her so fremd und neu sind , als ob sie eben erst aus der berühmten Platonischen Höhle179 hervorgekrochen wären . Jene sind meistens eben so vielseitig und geschmeidig als fein und an sich haltend ; sie entscheiden selten , kleben nicht hartnäckig an ihren Meinungen , widersprechen mit Bescheidenheit , glauben wenig zu wissen , und unterrichten oft mit ihrer Unwissenheit besser , als die positiven Herren mit ihrer Allwisserei . Ich gestehe meine Vorliebe zu den Mitgliedern dieser Classe , die eben nicht sehr zahlreich ist , und die ich , wiewohl sie die Philosophie nicht als ein Geschäft treiben , Philosophen in der eigentlichen Bedeutung des Worts nenne . Sophisten heißen bei mir euere Philosophen von Profession , die dem Speculiren bloß um des Speculirens willen obliegen , und bei gesellschaftlichen Gesprächen , wie interessant auch der Gegenstand seyn mag , keinen andern Zweck haben als Recht zu behalten . Gehen diese dialektischen Herren in der Grübelei so weit , daß sie genöthigt sind , für Begriffe , die niemand hat als sie , neue Wörter zu erfinden , die niemand versteht als sie , so nenne ich sie Phrontisten . Ich habe nur einen einzigen dieses Schlags in meinen Cirkel aufgenommen , weil er seine Spinnenweberei mit einer drolligen Art von Laune treibt , und wenn die Unterhaltung einen gar zu ernsthaften und schwerfälligen Gang nehmen will , immer zu seiner eigenen Verwunderung Mittel findet , die Gesellschaft durch die sublime Absurdität seiner Behauptungen wieder in den rechten Ton zu stimmen . Um dem gewöhnlichen Schicksal solcher Gesellschaften desto sicherer zu entgehen , werden außer Kleonidas und Musarion immer auch zwei oder drei schöne und geistvolle Milesierinnen aus Aspasiens Schule eingeladen , mit deren Hülfe es mir bisher noch so ziemlich gelungen ist , meine kampflustigen Symposiasten in den Schranken der Urbanität zu erhalten . In unsrer letzten Sitzung lenkte einer unsrer Sophisten das Gespräch auf die Frage , was das höchste Gut des Menschen sey ? - In allen Dingen immer nach dem Höchsten zwar nicht wirklich zu streben , aber wenigstens den Schnabel aufzusperren und darnach zu schnappen , ist , wie du weißt , eine angeborne Eigenheit der menschlichen Natur . Das Problem erregte also allgemeine Aufmerksamkeit , und verschaffte uns den ganzen Abend reichen Stoff zu mannichfaltiger Unterhaltung . Jede anwesende Person hatte ihr eigenes höchstes Gut , welches sie ( vermöge eines andern unserer Naturtriebe ) zum allgemeinen zu erheben suchte . Einer meinte , dieser Vorzug könne nur demjenigen Gute zuerkannt werden , das uns , auf der einen Seite , allen vermeidlichen Uebeln entgehen , und alle unvermeidlichen ertragen lehre ; auf der andern uns in den Besitz des besten von allem Guten , dessen wir fähig sind , setze , und uns alles Uebrige entbehrlich mache ; und dieß könne , seiner Meinung nach , nichts anders als die Weisheit seyn . Ein anderer behauptete , nur die Tugend vermöge das alles ; und nachdem sie sich eine Weile darüber gestritten hatten , verglich sie einer meiner Philosophen , indem er klar machte , daß Weisheit und Tugend nur zwei verschiedene Ansichten und Benennungen einer und eben derselben Sache seyen ; so daß endlich alle drei , zum Erstaunen der ganzen Gesellschaft , die ein solches Wunder noch nie gesehen hatte , friedlich übereinkamen , die Sokratische Sophrosyne , welche Weisheit und Tugend zugleich bezeichnet , für das höchste Gut zu erklären . Sophrosyne , sagte ein vierter aus der Familie des Hippokrates , ist Gesundheit der Seele ; ein großes und wesentliches Gut , aber ohne Gesundheit des Leibes doch nur die Hälfte des höchsten Gutes . Gesundheit von beiden ist die nothwendige Bedingung des Genusses alles andern Guten , so wie das Gegentheil derselben alle andern Uebel in sich begreift : das höchste aller Güter ist also Gesundheit . Nachdem der Enkel des großen Hippokrates seinen Satz mit stattlichen Gründen ausgeführt hatte , nahm Kleonidas das Wort und bewies mit allem Feuer , womit ihn die Augen der gegen ihm über sitzenden Musarion reichlich versahen , und mit großem Beifall des weiblichen Theils der Gesellschaft : » das höchste Gut verdiene nur das genennt zu werden , dessen reinster Genuß uns den Göttern an Wonne gleich mache ; « und nun berief er sich mit einem Ernst , der ein allgemeines Lachen erregte , auf das Gewissen aller Anwesenden , ob wir etwas anderes kennten , von welchem sich dieß mit so viel Wahrheit sagen lasse , als die Liebe ? Wider beide erhob sich ein sechster , und bewies gegen den Arzt : » die Gesundheit könne schon darum nicht selbst das höchste Gut seyn , weil sie nur eine Bedingung des Genusses desselben sey ; « gegen Kleonidas : » seine Behauptung könnte allenfalls nur von der glücklichen Liebe gelten ; « und gegen beide : ein Gut , das nicht immer in unsrer Gewalt sey , könne nicht das höchste Gut des Menschen heißen . Indessen schien er ziemlich verlegen zu seyn , etwas Besseres aufzustellen , als der Hausmeister , der uns in den Speisesaal berief , einem meiner Philosophen Gelegenheit gab , mit einer scherzend ernsten Miene zu behaupten : wenn eine Gesellschaft von Repräsentanten des ganzen menschlichen Geschlechtes sich den ganzen Tag über diese Frage gestritten hätte , so würde eine wohlbesetzte Tafel sie endlich