Freiherr sah auf . Sein Auge heftete sich durchbohrend auf das Gesicht des Mannes , dessen Rolle er seit der Verhaftung Brunnow ’ s klar durchschaute , und der Ausdruck eines leisen Hohnes in den Zügen seines Gegenüber verrieth ihm , daß der Polizeidirector den Inhalt des Schreibens bereits kannte – das gab ihm Kraft und Besinnung wieder . „ Ueberraschende Nachrichten wenigstens , “ sagte er , die Depesche bei Seite legend . „ Doch dafür findet sich noch später Zeit – bitte , fahren Sie fort ! “ Der Angeredete zögerte ; diese unglaubliche Selbstbeherrschung imponirte ihm doch . Er war Zeuge davon gewesen , wie furchtbar jener Schlag getroffen hatte , aber es wurde ihm nicht gegönnt , die Wunde bluten zu sehen . Der Getroffene drückte die Hand darauf und stand fest wie zuvor . War denn der Trotz und Hochmuth dieses Raven nie zu brechen ? „ Die Hauptsachen haben wir ja bereits besprochen , “ meinte der Polizeidirector mit einer gewissen Verlegenheit . „ Wenn Sie anderweitig in Anspruch genommen sind – ich möchte nicht stören . “ „ Ich bitte Sie fortzufahren , “ die Stimme des Freiherrn war tonlos , aber fest . Der also Aufgeforderte sah , daß jede Schonung hier als Beleidigung empfunden werde ; er sprach also weiter . Die Bemerkungen , die Raven am Schlusse hinwarf , waren vollkommen zutreffend , aber sie klangen rein mechanisch , und ebenso mechanisch erhob er sich , als der Polizeidirector aufstand , um zu gehen . „ Sonst haben Excellenz keine weiteren Anordnungen zu treffen ? “ „ Nein , “ entgegnete der Freiherr kalt . „ Ich kann Ihnen nur den Rath geben , Ihren Instructionen so pünktlich wie bisher nachzukommen . Dann wird Ihnen die Anerkennung sicher nicht fehlen . “ Der Polizeidirector fand für gut , den Erstaunten zu spielen . „ Ich verstehe Sie nicht , Excellenz . Welche Instructionen meinen Sie ? “ „ Die , welche Sie aus der Residenz mit hierher brachten als Ihnen mit dem Posten in R. zugleich eine – Ueberwachung anvertraut wurde . “ „ Die Ueberwachung der Stadt meinen Sie ? Ich glaube in dieser Hinsicht meine Schuldigkeit gethan zu haben . Uebrigens sind die Unruhen ja jetzt vorüber , und Alles ist zu Ende . “ „ Ja wohl , “ erwiderte Raven verächtlich , „ und auch wir sind zu Ende mit einander . Sie begreifen das wohl . “ Er kehrte ihm , ohne ein Wort weiter zu verlieren , den Rücken und trat an das Fenster . Das war eine offenbare Beleidigung , aber der Polizeidirector wollte jetzt nicht beleidigt scheinen ; das konnte zu unangenehmen Verwickelungen führen . Er verabschiedete sich daher mit einem Gruße , der nicht erwidert wurde , und verließ das Zimmer . Draußen athmete er erleichtert auf . Es war ihm peinlich , daß der Freiherr ihn so vollständig durchschaute , um so peinlicher , als er keine Veranlassung hatte , dessen persönlicher Feind zu sein . Er hatte ja nur im „ höheren Auftrage “ gehandelt , als er der Vergangenheit Raven ’ s nachspürte und sich des Schlüssels zu dieser Vergangenheit , des Doctor Brunnow , bemächtigte , um das endlich aufgefundene Geheimniß der Welt preiszugeben . Es wurde ihm nicht eben allzu schwer , sich mit einigen Sophismen über die zweideutige Rolle zu trösten , die er von Anfang an dem Freiherrn gegenüber gespielt hatte , und jetzt hatte diese Rolle ja auch ihr Ende erreicht . Raven war allein geblieben . Er stand am Schreibtische und durchlas noch einmal das verhängnißvolle Schreiben – seine Entlassung . Sie war ihm in der schroffsten , beleidigendsten Form ertheilt worden . Man forderte keine Erklärung , keine Vertheidigung des so schwer angegriffenen Mannes ; man ließ ihm überhaupt nicht Zeit , sich zu erklären oder zu vertheidigen . Er wurde verurtheilt , ohne auch nur gehört worden zu sein . Nicht einmal den gewöhnlichen Ausweg ließ man ihm offen , seine Entlassung zu nehmen ; sie wurde ihm gegeben , in einer Form gegeben , die nur für Schuldige da war und die Welt auch nicht einen Augenblick in Zweifel darüber ließ , daß die Regierung sich auf Seiten der Anklage stellte und ihren bisherigen Vertreter für überführt erachtete . Der Freiherr schleuderte die Depesche von sich und ging in stummem Kampfe im Zimmer auf und nieder . Seine Lippen zuckten ; seine Augen flammten . Auf einmal blieb er , wie von einem plötzlichen Gedanken durchzuckt , stehen und trat dann langsam zu einem Seitentischchen , auf dem ein Kasten von nur geringer Größe stand . Ein Druck an der Feder ließ den Deckel aufspringen und zeigte ein Paar vorzüglich gearbeitete Pistolen . Der Freiherr nahm deren eine heraus und untersuchte sorgfältig , ob sie sich noch in vollkommener Ordnung befinde . Einige Minuten lang hielt er die Waffe in der Hand und blickte , in düsteres Nachsinnen verloren , darauf nieder ; dann legte er sie wieder an ihren Platz zurück und richtete sich mit einer raschen Bewegung empor . „ Nein ! “ sagte er halblaut . „ Das würde für Feigheit , für ein Eingeständniß der Schuld gelten . Es wird wohl noch einen anderen Ausweg geben – den Triumph wenigstens sollen sie nicht haben . “ Er warf den Deckel des Kastens zu und wandte sich ab , und wieder begann die stumme ruhelose Wanderung , das finstere Brüten über irgend einem Entschlusse . Der Ausweg mußte gefunden werden . – – Inzwischen war Doctor Brunnow in der Wohuung seines Sohnes mit den Vorbereitunegn zur Abreise beschäftigt , die auf morgen festgesetzt war . Max hatte ihn verlassen , um die gestern begonnene „ Belagerung “ fortzusetzen Er befand sich wieder bei dem Hofrath Moser und führte seinem „ lieben Schwiegervater “ noch ausführlicher als gestern zu Gemüthe , welchen ausgezeichneten und ganz unübertrefflichen Schwiegersohn er in dem Doctor Max Brunnow erhalten werde . Gegen