bewohnten . Während alle Gänge und Treppen des weißen Schlosses widerhallten von den Fußtritten eilig hin und her laufender Menschen , war es in dem Korridor , den die beiden Damen betraten , lautlos still . Die dunkelblauen Rouleaus hingen glatt vor den Fenstern ; sie hielten die glühende Abendsonne , aber auch jeden eindringenden Luftzug zurück – das blaue Dämmerlicht und die schwülbrütende Stille hatten etwas Herzbeklemmendes . Gisela huschte flüchtigen Fußes an den Türen vorüber , hinter denen sie den Mann mit den steinernen Zügen wußte ... Das Verhältnis zwischen ihm und ihr hatte plötzlich eine völlig veränderte Gestalt angenommen ; sie stand ihm in offener , erklärter Opposition gegenüber und wußte , daß jedes zwischen ihnen fallende Wort ein Funke war , der Stahl und Stein entsprang . Sie war auch fest entschlossen , den einmal betretenen Weg unerschrocken weiter zu wandeln , und doch blieb ihr jene echt mädchenhafte Scheu , die vor jedem harten Zusammenstoß zurückbebt ... Sie fürchtete sich vor einem Alleinsein mit ihrem Stiefvater – das aber blieb ihr nicht erspart . In dem Augenblick , als sie vorüberschlüpfen wollte , wurde die Tür des wohlbekannten Arbeitszimmers zurückgeschlagen – der Minister stand auf der Schwelle . Der bleichende blaue Schimmer floß über sein Gesicht und machte es gespensterhaft fahl . Er sagte kein Wort des Grußes ; es schien , als vermeide er geflissentlich jeden Laut ; aber er faßte sanft , wenn auch mit festem Drucke , die Hand der jungen Dame und zog sie über die Schwelle – seine Finger waren kalt wie Eis ! Gisela schauderte , ihr war , als schliche die tödliche Kälte bis in ihr warmes , pochendes Herz hinein . Ein Wink seiner Hand verabschiedete die verblüffte Gouvernante bis auf weiteres ; dann fiel die Tür hinter Vater und Stieftochter geräuschlos ins Schloß . War es schon draußen im Korridor unheimlich schwül gewesen , so glaubte Gisela , in dem nicht sehr großen Zimmer , das sie wider Willen betreten hatte , ersticken zu müssen . Die Jalousien lagen dicht vor den Fenstern ; durch die schmalen Spalten drang das Licht nur spärlich , es blieb gleichsam hinter den türkischen Gardinen hängen , in denen es hier und da eine große , orangefarbene Arabeske grell aufleuchten ließ . Und jetzt schloß der Minister auch noch sorgfältig den letzten offenen Fensterflügel . Die Luft war erfüllt von jenem betäubenden Parfüm , das ihr Stiefvater sehr liebte , und das , so weit sie zurückdenken konnte , stets die Person Seiner Exzellenz umschwebt hatte – Gisela verabscheute diesen Geruch . Sie blieb , während der Minister mit dem Schließen des Fensters beschäftigt war , regungslos an der Schwelle stehen ; ihre Hand hatte unwillkürlich das Türschloß ergriffen , als gelte es , den Rückweg zu sichern ... In dem ganzen ihr von Kindheit an verhaßten Zimmer war nur ein Gegenstand , auf dem ihr Auge haften mochte – das lebensgroße , in Öl gemalte Kniestück ihrer verstorbenen Mutter ; es hing über dem Schreibtisch des Ministers . Der breite goldene Rahmen blinkte freilich nur matt durch das Halbdunkel , und die Linien der reizenden , hellen Gestalt mit den Feldblumen im Schoße und auf dem goldblonden , demütig gesenkten Lockenköpfchen zerflossen unter dem Schatten , dennoch suchte Giselas Blick die großen , grauen Taubenaugen , die so unschuldig und glückselig in die Welt hineinschienen , als sei der ganze Weg durch diese Welt voll jener harmloser Blüten , mit denen auch die schlanken Kinderhände gefüllt waren . » Gisela , mein liebes Kind , ich habe mit dir zu reden « , sagte der Minister , vom Fenster zurücktretend . Sein Ton klang weich , zärtlich , aber auch trauervoll . Gisela kannte diesen verdächtigen Stimmenklang sehr gut – sie hatte ihn jedesmal hören müssen , wenn sie sich unsäglich elend und hinfällig fühlte , wenn der Medizinalrat mit Achselzucken und weisem Kopfschütteln und Frau von Herbeck händeringend an ihrem Bette standen ; er vervollständigte auch jetzt nur den peinlich beklemmenden Eindruck , den ihr die ganze augenblickliche Situation machte . Wahrscheinlich stand das sehr deutlich auf ihrem Gesicht geschrieben – der Minister blieb dicht vor ihr stehen und musterte einen Augenblick schweigend und stirnrunzelnd ihre fluchtbereite Haltung . » Nur jetzt keine Torheit , Gisela ! « warnte er , feierlich drohend den dünnen , bleichen Zeigefinger hebend . » Ich bin genötigt , an deinen Verstand , an deine Entschlossenheit , vor allem aber an dein Herz zu appellieren ... Nach Verlauf von einer Stunde wirst du wissen , daß es überhaupt von jetzt ab ein Ende haben muß mit deinen Tollkühnheiten und Extravaganzen ... « Er lud sie mit einer Handbewegung ein , auf dem nächsten Sessel Platz zu nehmen ... In demselben Augenblick aber flog die Portiere einer der Seitentüren auseinander , und die Stiefmutter stand im Zimmer , so plötzlich und unerwartet , als sei sie von den rosa Gazewolken , in denen ihre Gestalt förmlich schwamm , hereingetragen worden ... Dieser Annahme widersprachen indessen Haltung und Gesichtsausdruck der schönen Frau energisch . Es sah aus , als wollten ihre Füße am liebsten den Zimmerteppich zerstampfen . Auf den Wangen brannte die Fieberröte , welche die Frau von Herbeck heute so schmerzlich an Gisela vermißte , und die dunklen Augen loderten in entfesselter Leidenschaft . Sie trat mit gesenktem Kopf vor das junge Mädchen , und ihn langsam hebend , ließ sie den Blick messend von den Fußspitzen an bis hinauf zu dem blonden Scheitel ihrer Stieftochter gleiten ... Gisela schrak zurück vor dem satanischen Ausdruck , der die Nasenflügel der Frau beben machte und ihre Lippen so fest aneinanderschloß , daß die purpurne Linie für einen Moment völlig verschwand . » Ei sieh doch , da bist du ja ! « sagte sie mit heiserer Stimme . » Also richtig durchgesetzt , mein Püppchen ? ... Und nächste Woche ist große Vorstellung bei Hofe ? Nun , die Fürstin wird sich gratulieren