schloß die hinter dem Vorhang befindliche Tür . » Es tut mir leid , daß du dich erschreckt hast , Klementine , « sagte er , die Stufen herabsteigend . Noch trug er das Kind , das die Ärmchen um seinen Nacken geschlungen hatte und sein kleines Gesicht so fest an seine gebräunte Wange schmiegte , daß sich die blonden Locken mit seinem Barte mischten . » Der Hund ist nur scheinbar gefährlich , nur plump und übereifrig , aber er beißt nicht – er ist ja der Spielgefährte der Kinder , « fuhr er fort , indem er seiner Frau näher trat – sein Blick streifte das hinabgeflogene Kuvert und den geöffneten Schrank , und ein Zug von Ironie ging durch sein Gesicht . – » Ich konnte nicht ahnen , daß du zurückgekehrt bist , noch weniger aber durfte ich voraussetzen , dich hier , hier – es ist wirklich eine seltsame Überraschung , Klementine ! – zu finden ; ich würde sonst dem ungebärdigen Tier nicht gestattet haben , mich zu begleiten . « Er neigte leicht und kalt grüßend den Kopf vor Fräulein von Riedt und reichte seiner Frau die freie Linke hin . » Solange du das Mädchen da auf dem Arme hast , fällt es mir nicht ein , dir die Hand zu geben , « sagte sie eisig . » Ich mag beim Wiedersehen keine Fremden um mich haben . « Bei diesen Worten wandte er den Kopf zur Seite und während sich seine Brauen zusammenzogen , fixierte er mit einem spöttisch scharfen , sprechenden Blick die Stiftsdame , die mit untergeschlagenen Armen schweigend und unbeweglich auf ihrem Platze verharrte . » Adelheid ist keine Fremde – « fuhr die Baronin auf . » Und Lucians Kind , mein kleiner Liebling hier , steht mir sehr nahe , « ergänzte er gleichsam mit großer Ruhe . Er stellte die Kleine mit zärtlicher Behutsamkeit auf den Boden und nahm ihr Händchen fest in seine Linke – seiner Frau bot er die Hand nicht wieder . Ihre schwachen Füße trugen sie plötzlich nicht mehr – sie sank im nächsten Lehnstuhl zusammen : » Ich habe Beklemmung , Adelheid , « sagte sie und drückte die verschränkten Hände gegen die Brust . Die Stiftsdame trat näher und reichte ihr ein Fläschchen , das sie aus der Tasche zog , während Baron Schilling den dunklen , dichten Vorhang von einem der unteren Fenster wegschob und beide Flügel öffnete . » Man hat während meiner Abwesenheit schlecht gelüftet , « bemerkte er gleichmütig . » O , das ist ' s nicht ! « entgegnete die Baronin und atmete den Geist der Essenz ein . – » Wie sollte es da mir Ärmsten drüben im Zause ergehen , das mit häßlicher Krankenluft erfüllt ist ? Um mich und Adelheid vor Ansteckung einigermaßen zu schützen , bin ich gezwungen , Tag und Nacht den erstickenden Dampf der Kohlenpfannen zu atmen . « » Wie – hat Josés Krankheit noch einen bösartigen Charakter angenommen ? « rief Baron Schilling bestürzt . » José ? – Wer ist José ? « fragte die Baronin gleichgültig , mit einem matten Augenaufschlag . – » Du mußt nicht denken , daß ich mir Zeit und Mühe genommen habe , so viel Einblick in deine Beziehungen zu gewinnen , um mich mit den Namen vertraut zu machen ... Ich weiß nur , daß ich unser Haus in einem beispiellosen Zustand fand , als ich neulich abends zurückkehrte . Die Dienerschaft war verwildert , ohne Disziplin , wie eine herrenlose Herde – an ihrer Spitze diese einfältige Wirtschaftsmamsell , die ohne Gnade nun endlich den Laufpaß erhalten wird – « » So ? ! « » Ganz sicher – diesmal werde ich ihre Entlassung durchzusetzen wissen , darauf verlasse dich ! ... O , wie habe ich mich geärgert an dem Abend ! Aus dem heiligen Frieden des stillen Hauses kommend , in dem ich erzogen worden bin , berührte mich der trostlose Empfang doppelt niederschlagend . Der Herr Gemahl war verreist – « » In Erfüllung einer unabweisbaren Pflicht – « » Ach ja – du mußtest der durchgebrannten Tänzerin nachreisen , « fiel sie eintönig ein . Er hatte offenbar eine böse Antwort auf den Lippen – er rang mit sich . Der Blick , den er auf diese tückische Frau im Lehnstuhl heftete , sagte deutlicher als die schärfsten Worte , daß er ein tiefunglücklicher Mann sei , ob er auch neulich in Luciles Zimmer verletzten Stolzes , in harter Zurückweisung versichert hatte , er finde an seinem Los nichts auszusetzen . » › Lucians Witwe ‹ willst du sagen , Klementine , « entgegnete er sich bezwingend . » Mit der Tänzerin Fournier habe ich nichts zu schaffen . « » Ach , mein Gott , auf einen so spitzfindigen , haarfeinen Unterschied versteht sich mein schlichter Verstand nicht , « sagte sie ebenso impertinent obenhin wie zuvor . » Nun meinetwegen auch ... Solch jugendliches Witwentum mag immerhin für manche Männer den Bühnenruhm an Anziehungskraft aufwiegen ... Apropos , diese Donna de Valmaseda ist ja auch Witwe , wie ich höre ! Du hast es nicht für nötig gehalten , mir diese interessante Tatsache mitzuteilen – « » Hast du nicht stets jede eingehendere Mitteilung aus Lucians Briefen als langweilig abgewehrt ? « » Mein Gott , ja ! Aber wer spricht denn von alten Zeiten ? Ich meine , in dem Augenblick , wo du mir anzeigtest , daß sie ihre Schwägerin begleiten würde . « Die junge Dame hinter dem Myrtengesträuch kämpfte in diesem Augenblick einen verzweifelten Kampf mit sich selbst . Sie sah , wie ihm bei Nennung ihres Namens die Röte heftigen Unwillens in das Gesicht trat . Es trieb sie , hervorzutreten und durch ihren Anblick jedes Wort über sie hinter seine Lippen zurückzudrängen , und doch blieb sie wie gelähmt sitzen ; denn schon sagte er hart und scharf : » War das nötig