. Der Abschied . Erst in der Dämmerungsstunde kehrte Anton zurück . Die Eindrücke , welche er bei der Beerdigung empfangen hatte , waren durch die Besorgniß für meine Sicherheit längst wieder verwischt worden . Wie mir indessen aus seinen verworrenen Berichten klar wurde , vermutheten Diejenigen , die ich als meine Feinde betrachten mußte , mit vieler Bestimmtheit , daß ich mich in der Nähe verborgen halte . Ihr Verdacht war durch die rauhe Art , in welcher mein Vormund sie von Johanna ' s Leiche fortgewiesen und sich sogar , wenn auch vergeblich , gegen ein katholisches Leichenbegängniß gesträubt hatte , noch verstärkt worden . Zu welchem Zweck sie mich noch weiter verfolgten , ob aus Rache , oder weil sie befürchteten , daß ich , einmal in Sicherheit , ihr schändliches Getreide offenkundig machen würde , vermochte ich nicht zu ergründen ; jedenfalls aber boten sie alles in ihren Kräften Stehende auf , mich wieder in die Hände der Obrigkeit zu liefern und , wie ich voraussetzen durfte , meine Stimme zwischen den Kerkermauern verstummen zu lassen . Sogar der Oberstlieutenant wußte , daß ich nicht nur noch immer in der Nähe weile , sondern auch in der größten Gefahr schwebe , da man nunmehr meine Verkleidung bis in die kleinsten Einzelnheiten kannte , selbst auf der Landstraße ergriffen und verhaftet zu werden . Der sicherste Beweis dafür war , daß er nach der Beerdigung Anton mit sich nach Haufe genommen hatte , vorgeblich um ihm einige Speisen zu verabreichen , in der That aber , um ihm beim Abschied einen Papierstreifen in die Hand zu drücken , mit der Weisung , denselben lieber zu verschlingen , als ihn in fremde Hände fallen zu lassen . » Unglücklicher , nur ein Wunder kann Dich retten , « stand auf dem Zettel , » wenn Dir an Freiheit und Leben nichts mehr liegt , so solltest Du nicht vergessen , daß mir darum zu thun ist , Dich fern und sicher zu wissen . Man kennt Dein Versteck ; Gerichtspersonen befinden sich bereits auf dem Wege zu Dir . Eile in nächster Richtung an den Rhein , nimm das erste beste Boot und fliehe stromabwärts . Für das Boot wird bezahlt werden . « Diese Nachricht , welche mich zu jeder andern Zeit in Schrecken versetzt haben würde , überraschte mich kaum noch . Ich hatte plötzlich gelernt , meine Lage mit der größten Ruhe zu betrachten und mit kalter Ueberlegung über den einzuschlagenden Weg mit mir zu Rathe zu gehen . Von der Zukunft hoffte ich freilich nichts mehr , sie hatte ihren Reiz für mich verloren , allein um in einen erbitterten Feinden nicht einen vollständigen Triumph über mich einzuräumen , wollte ich redlich das Meinige zu meiner Rettung versuchen . Leicht gelang es mir , Anton zu überzeugen , daß die Höhle mir keinen Schutz mehr gewähre . Er bedauerte wohl , nun nicht mehr allein im Besitz des Geheimnisses seines Schlosses zu sein , doch war diese Regung nur vorübergehend . Im nächsten Augenblick half er mir , die Spuren meiner Anwesenheit in der Höhle so viel wie möglich zu verwischen , und als dann endlich die Dunkelheit eingetreten war , kletterten wir behutsam von der Geröllanhäufung in die Schlucht hinab . Unten angekommen , nahm ich mein Ränzel wieder auf den Rücken , Anton wies dem Raben eine Stelle auf seiner Schulter an , und leise schlichen wir sodann in der Schlucht aufwärts , um vor allen Dingen die freie Waldung und demnächst die Landstraße zu gewinnen . Es war noch zu früh , die Flucht offen fortzusetzen , indem von der Arbeit heimkehrende Leute die Landstraße noch belebten ; in wie weit aber der Wald der abgeschlossenen Schlucht und gar erst der Felsenhöhle vorzuziehen sei , erfuhren wir nach kurzer Wanderung , als wir eben im Begriff standen , aus dem Paß herauszubiegen . Wir unterschieden nämlich Beide zu gleicher Zeit Tritte und murmelnde Stimmen von sich nähernden Männern , deren Ziel , nach der Richtung des Schalls zu schließen , eben nur unsere Schlucht sein konnte . Mein schreckhafter Gefährte blieb bei dieser Entdeckung wie vernichtet stehen und bat dringend , in die Schlucht zurückzugehen und auf deren anderem Ende einen Ausweg zu suchen . Da ich aber voraussetzte , daß , um einen gefährlichen Hochverräther aufzuheben , man nicht versäumt habe , beide Ausgänge zu besetzen , so beharrte ich darauf , lieber gleich der Gefahr zu begegnen , als möglichen Falls noch Stunden lang in dem abgeschlossenen Kessel herumgejagt und schließlich dennoch gefangen zu werden . Die verdächtigen Leute schritten übrigens mit sehr wenig Vorsicht einher und sprachen sogar mit halblauter Stimme zu einander . Sie übertäubten dadurch das Geräusch , welches ich erzeugte , indem ich Anton mit Gewalt nach der uns zunächst liegenden Felswand hinüberzog und ihn dort zwang , sich zwischen den Felstrümmern an meine Seite niederzulegen . Ich hatte darauf nur noch so viel Zeit , ihm das Wort » Jakob « zuzuflüstern , als auch die Vordersten des Zuges in die Schlucht einbogen und mir zugleich ihre Absicht , mich in meinem Versteck zu überraschen , verriethen . Ein eigenthümliches Klirren belehrte mich , daß sich zwei oder drei bewaffnete Gensd ' armen bei der Gesellschaft befanden , man sich also längst auf meine Gefangennahme vorbereitet hatte und nur bis zu dem heutigen Tage nicht wußte , in welcher Richtung ich zu suchen sei . Außer den Gensdarmen glaubte ich auch noch die Schatten von drei Männern zu erkennen , von welchen der eine den andern eine kurze Strecke weit vorausging . Alle aber bewegten sich so dicht an mir vorüber , daß wir uns gegenseitig die Hand hätten reichen können , ich also die zwischen ihnen gewechselten Worte deutlich verstand . » Achtet auf den Boden , « sagte der Führer des Zuges , an dessen Stimme der wilde Andres gar nicht zu verkennen war , » es liegen hier viel Steine umher