es für ein Weib , das diesem Manne genügte ? Muß ich mich jeden Kampfes gegen sie begeben ? Ist alle — alle Hoffnung dahin ? “ Herbert , von der Berührung ihrer Hände wie elektrisiert , hauchte kaum hörbar : „ Werden Sie mir einen einzigen Kuß gewähren , wenn ich Ihnen einen sicheren Weg zeige , die Hartwich in Möllners Augen zu vernichten ? “ Eine schwüle Pause entstand . „ Es ist der einzige Preis , sonst schweige ich ! “ „ Nun denn — ja ! “ rief die Gräfin gequält , aufs Äußerste gebracht und bot ihm den schönen Mund dar . Herbert näherte sich ihr mit dem Ausdruck eines Schakals , der sich auf seine Beute stürzt , durstig , bebend vor Entzücken . Da überwältigte der Ekel die stolze Frau und mit einem gewaltigen Wurf schleu ­ derte sie den kleinen Mann weit von sich , daß er zu Boden stürzte . Sie erschrak , sie konnte sich nun Alles bei ihm verdorben haben . Sie ging zu ihm hin und reichte ihm die Hand : „ Stehen Sie auf und ver ­ zeihen Sie mir . “ Herbert stand geisterhaft bleich mit eingesunkenen , starren Augen da und suchte seinen von dem Sturz verdorbenen Anzug zu ordnen . Er wischte sich mit seinem weißen Tuche den kalten Schweiß von der Stirne und holte , ohne ein Wort zu sprechen , wan ­ kenden Schrittes seinen Hut . Beklommen schaute die Gräfin seinem Beginnen zu . „ Herbert “ , sagte sie mit erzwungenem Lächeln , „ sind Sie böse , daß ich Sie so unsanft behandelt ? “ „ O nein ! “ erwiderte er mit hohlem , heiseren Tone . Sie reichte ihm die Hand , die er nicht ergriff . „ Rechnen Sie mir jene unfreundliche Aufwallung nicht an , ich — ich bin zu tief verwundet , ich weiß nicht mehr , was ich tue ! “ Herbert schwieg . Es war , als schüttle ihn ein Frost . Sein Aussehen , sein Blick erschreckte die Gräfin mehr und mehr . „ Nicht wahr , nun werden Sie sich rächen und mir das Mittel nicht nennen , womit ich die Hartwich vernichten könnte ? “ „ O , warum sollte ich nicht ? “ stammelte Herbert mit zitternden bläulichen Lippen . „ Ich halte stets , was ich verspreche . “ Seine Augen richteten sich durch ­ bohrend auf die Gräfin : „ Machen Sie die Hartwich zu Ihrer Freundin , dann wird sie für Möllner ein Gegenstand des Abscheues sein ! “ Die Gräfin zuckte zusammen , ein furchtbarer Blick traf Herbert , ein Blitz tödlichen Hasses kreuzte ihn . Jetzt standen sie sich als Todfeinde gegenüber , der weibische Mann und das männliche Weib , sie hatte ihn bis in das Mark verwundet , — aber Herbert hatte den letzten empfindlichsten Streich geführt und leise , wesenlos , wie das Gespenst eines Abgeschiedenen , glitt er aus dem Zimmer . Als die Gräfin allein war , sank sie , wie gebrochen , in die Knie . „ Das ist die Rache der beleidigten Moral ! O Sitte ! heimtückische Heuchlerin ! Ungewarnt ließest du mich dir entschlüpfen , ungestraft ließest du mich sündigen und nun , wo ich reuig zu dir zurückkehren will , nun weisest du mich von dir und rufst mir dein unbarmherziges ‚ Zu spät ! ‘ entgegen . Zu spät , die Schiffe sind hinter mir verbrannt und mir bleibt nichts als vorwärts zu eilen auf meiner Bahn — oder Buße ! Buße ? “ — Sie wand sich verzweiflungsvoll auf ihren Knien . „ Nein , o Gott , habe Geduld , dazu bin ich doch noch zu jung und schön ! “ Siebentes Kapitel Emanzipation des Geistes Hoch oben auf der Plattform ihrer Sternwarte , umfächelt von dem reinen Atem der Nacht , umflossen von dem Glanz der Gestirne stand Ernestine und harrte des aufsteigenden Mondes . Auf ihrer ernsten Stirn lag die Weihe , in ihrem jungfräulichen Busen der Friede des Gedankens . Der heiße Brodem der Leidenschaft , welcher tief unten im Menschengewühl sich um ihren Namen wie Gewitterwolken zusammenzog , der Gifthauch des Mundes , der ihn nannte , um ihn zu verunstalten , drang nicht hinauf zu ihrer Höhe . Ahnungslos , von keiner niederen Regung angefochten , in vestalenhafter Keuschheit stand sie da , körperlich nur wenige Spannen über der Erde — geistig um Welten von ihr entfernt . Feierlich langsam stieg die leuchtende Mondesscheibe am Horizont empor . Einsam und still glitt sie dahin in ihrer milden Pracht . Viele Tausende kleiner Monde mochten jetzt auf Erden in den Fernröhren der Forscher schimmern in tausendfacher Verschiedenheit und dennoch immer nur Bilder des Einen , Einzigen , der da oben durch den Äther zog . Ernestine hatte kein Fernglas . Was sie heute suchte , zeigte ihr kein irdisches Schauen , nur in der eigenen Brust konnte sie es finden . Nicht das Einzelne , das Ganze drängte es sie zu erfassen ; diesem Drange genügte nicht ein einzelner Sinn , alle Kräfte der Seele nimmt er harmonisch in Anspruch . Und wie sie so voll träumerischer Inbrunst emporstarrte , da war es , als verweile der Mond in seinem Lauf , um sich in diesen Augen zu spiegeln ! Daß wir nicht sterben können , wann und wie wir wollen , — daß wir die Seele nicht aushauchen können in einem einzigen Atemzug ! Schöner , seliger wäre nie ein Mensch dahingegangen als Ernestine , da sie in den tiefen Seufzer der Sehnsucht nach der Unendlichkeit dem Vorüberziehenden nachsandte . Ein großes , unaussprechliches Glück wallte von dem funkelnden Nachthimmel auf sie nieder . Das war ihre Feierstunde , ihre Erlösung aus den Fesseln der Mühe und Arbeit , wenn sie sich allein fand , allein unter dem gestirnten Himmel , die einzige Wachende von so vielen Schlafenden , die einzige Denkende von so vielen