; er sprang schnell hin und hob es auf . Niemals früher hatte er dies getan . Gertrud schaute auf ihn nieder , indes er sich bückte . Ihr Auge erlosch , flammte auf , erlosch wieder . Sprich nicht von Gott ! Diese Worte wollten Daniel nicht aus dem Sinn . Wie nun Lenore zurückkam , erschrak sie bei Daniels Anblick . Er war verstört , seine Lider waren entzündet , als habe auch er die Nächte schlaflos verbracht , er konnte kaum sprechen , und endlich forderte er einen Schwur von ihr , daß sie nicht mehr weggehen werde . Sie weigerte sich sanft , zu schwören , aber er wurde immer wilder und wilder , da schwor sie es ihm zu . Und als er sie ungestüm in seine Arme schloß , ging die Tür auf und Gertrud stand auf der Schwelle . Daniel eilte hin und wollte sie bei der Hand fassen , doch sie wich Schritt um Schritt zurück , bis sie an ihrer Schlafkammertür angelangt war . Es war Abend , und vier Gedecke befanden sich auf dem Tisch in der Wohnstube , denn auch der Inspektor sollte unten essen . Er kam pünktlich , Lenore trug die Speisen herein , aber Gertrud ließ sich nicht blicken . Da ging Lenore zu ihr . Sie saß an der Wiege und kämmte mit Bedächtigkeit ihre Haare . » Willst du nicht mit uns essen , Gertrud ? « fragte Lenore . Gertrud schien nicht gehört zu haben . Nach etlichen Minuten erhob sie sich , schritt an die Wand , wo der Spiegel hing , drückte mit beiden flachen Händen das Haar an beide Wangen , und so , mit weitgeöffneten Augen , schaute sie in den Spiegel . » Komm doch , Gertrud , « rief Lenore zaghaft , » Daniel wartet schon . « » Daß man da drinnen noch einmal da ist , « murmelte Gertrud , » es ist wie Sünde . « Sie drehte sich um und winkte Lenore zu sich her . Gehorsam trat Lenore an ihre Seite . Gertrud schlang den Arm um Lenores Nacken , bis deren linke Schläfe ihre eigene rechte berührte und nur Gertruds Haar wie ein Vorhang zwischen den Gesichtern lag . Gertrud schaute wieder in den Spiegel , ihr Blick wurde starr , und sie sagte : » Ja , du bist schöner , du bist viel schöner , du bist hundertmal schöner . « Da regte sich das Kind , und weil Gertrud noch immer wie versunken stand , schritt Lenore zur Wiege . Kaum hatte aber Gertrud dies bemerkt , als sie hinstürzte und mit einer befremdlichen Rauhheit ausrief : » Rühr ' s nicht an ! Rühr ' s nicht an ! « Sie riß das Kind aus der Wiege , trug es mit fliegender Eile bis an ihr Bett und sagte leise und drohend : » Es gehört mir , mir ganz allein . « Seit dieser Stunde wußte Lenore , daß eine furchtbare Veränderung mit Gertrud vor sich ging . Sie wußte nicht , ob andere Leute es bemerkten , ja , nicht einmal , ob Daniel dessen inne wurde , aber sie sah es , und mit Bangigkeit . An einem Nachmittag , zur Dämmerungszeit , kam sie dazu , wie Gertrud im Vorplatz kniete und mit der Bürste den Fußboden rieb . » Das solltest du nicht tun , Gertrud , du bist noch nicht gesund genug , es schadet dir , wenn du so grobe Arbeiten verrichtest , « sagte Lenore . Gertrud gab keine Antwort und rieb weiter . » Warum ziehst du dich nicht mehr hübsch an ? « fuhr Lenore betrübt fort . » Daniel mag ' s nicht , wenn du so herumschlampst , immer in dem häßlichen Kittel , glaub mir , er ärgert sich darüber . « Gertrud richtete sich auf den Knien empor und entgegnete mit sonderbarer Demut : » Schmück du dich nur . Es ist nicht gut , wenn zwei sich schmücken . Was soll ich tun ? « fragte sie und ließ den Kopf sinken ; » du trägst dein goldnes Kettlein und die Korallen in den Ohren . Das gefällt mir , und es soll auch so sein . Aber ich hab kein goldnes Kettlein und keine Korallen , und hätte ich sie auch , ich trüg sie nicht , und trüg ich sie auch , so wär ' s von Übel . « » Ach , Gertrud , wie redest du denn ! « klagte Lenore . Da tönten plötzlich die Kirchenglocken in den Flur . Mit einer strengen Feierlichkeit faltete Gertrud die Hände zum Gebet , und es war , als sei sie in ihrer knienden Stellung versteinert . Schweren Herzens ging Lenore in die Stube . 11 Durch trennende Räume wurden Daniel und Lenore unwiderstehlich zueinander gezogen . In ihren Gedanken begleiteten sie einander , und jedes erriet des andern Wunsch und Meinung . Kam er verstimmt und gereizt nach Hause , war sie geängstigt und ruhelos , so brauchten sie sich nur Seite an Seite zu setzen , und es war Friede in ihnen . War Daniels Überredungsgewalt groß , so war es bei Lenore die Macht des Beispiels . Eine Speise war verdorben , und Daniel mochte sie nicht essen ; Lenore aß sie nicht bloß , sondern gewann es auch über sich , sie zu loben , da aß er gleichfalls , und sie schmeckte ihm . Gertrud hatte die Speise zubereitet , und Lenore glaubte die Schwester schonen zu sollen ; aber Gertrud wollte nicht geschont sein , sie legte Messer und Gabel hin und sagte : » Daniel hat recht , man kann ' s nicht essen . « Sie stand auf und ging in die Küche , um einen Milchbrei zu kochen und so für das verdorbene Gericht Ersatz zu schaffen . So war sie nun , immer ergeben , stumm beflissen ; stumm bemüht