erwünscht war , begriff sie wohl . Aber ihr war , als dürfte gerade er dem Kampfplatz nicht für immer entweichen . Und es war ein tröstlicher Gedanke für sie , - daß zum mönchischen Grad noch ein weiter Weg war , - und daß sie wußte , daß Werners Seele ein neues Kleid nicht allzu lange trug ... Dann beantwortete sie seinen Brief . Auch sie hatte eine Begegnung zu melden , - und wem hätte sie sie freier bekennen dürfen , als gerade ihm ? Mit dem durch den erhobenen Zustand geschärften Blick ihrer Erkenntnis schilderte sie die teure Gestalt . » ... Weißt Du noch , wie ich Dir in jenem ersten Brief das Bekenntnis meines frömmsten Glaubens schrieb ? Ich ahnte , daß es ein Begegnen gibt , welches das Ich , das tausendfältig gebundene , aller seiner Bande entbindet , weil es den einzigen Genossen sah ... Diese Begegnung war nun in meinem Leben ... Und die stillste Ahnung der Seele , - vom Bild des Einzigen , der für sie die Höhe des Geschlechtes bedeutet , - sie ist erfüllt . Ich schrieb Dir damals , daß kein Besitz , ja kein Begehren diese Begegnung begleiten müsse . Heute ? Denke ich an ihn , so kommt es aus meinem Herzen wie ein unaufhaltsames , süßes Verströmen ... Ich schließe die Augen , und sein Bild steht vor mir . Und sehe ich im Geist sein schimmerndes Haar , die lichte Klarheit , die um seine Lippen lagert , die tiefe Bläue seines Auges , - vernehme ich , mit geschärften Sinnen , die gütigen Rufe seiner Blicke , so scheint es mir , als wäre ich fern von allem Wünschen , und nur ein Glück , das ich bestaune , ist dann in mir : meine Wege führten mich in den Kreis seiner Bahn ... Wohl frage ich mich wie Du : wird es immer so sein ? Wird die Seele von dem Erlebten dauernd erhoben bleiben ? Oder wird sie wieder dem Dunkel verfallen , - dem dunklen Zwange der Leidenschaft ? ... Wer kann darüber grübeln ? « - - - Sie schloß den Brief . Sie schauerte ; eine Seligkeit , die ihr unendlich schien , ergoß sich in ihr Herz ; wie Ewigkeitsahnen überkam es sie ... Neuntes Kapitel Der Kreis Lucinda ( Ein Intermezzo ) » Herbei , Herbei ! Herein , herein ! Ihr schlotternden Lemuren , - Aus Bändern , Sehnen und Gebein Geflickte Halbnaturen . « Goethe . In Dr. Wallentins Organisation bildete sich ein Arbeitsausschuß , dem auch die Geschwister angehörten . So kamen sie viel hinaus in die Villa im Grunewald und lernten nach und nach auch die andern Mitglieder der Familie kennen . Eine fröhlich-freundschaftliche Beziehung entspann sich zwischen Olga und Manfreds jüngerem Bruder , - dem mittleren der drei , Dr. Justus Wallentin . Justus und seine schöne Frau , Inge Brénhoff , fanden Gefallen an ihrer klaren Art , an der Logik ihres Wesens , die unbestechlich ihre Wege ging , was immer sich auch auf ihnen verwirrend aufpflanzen mochte . Justus war Rechtsanwalt und Helfer seines Bruders . In seinen scharfen , klugen Augen glänzte das Weiße wie blankes Porzellan , darüber zog sich die Stirn , mit immer gespanntem , interessiertem Ausdruck . Inge , seine Frau , eine Dichterin des jungen Schwedens , war eine große , schlanke Blondine mit hellen Augen , die mutig in die Welt strahlten . Sie galt in Schweden als die Vertreterin der radikalen Bewegung im Frauenlager und als die erklärte Bekämpferin der erotischen Doppelmoral . Durch ihr Wirken war sie , gleich den Geschwistern , mit der alten Frau Wallentin in Berührung gekommen . Der » Bund « hatte sie seinerzeit zu einem Vortrag nach Berlin geladen , und bei diesem Berliner Aufenthalt hatten sich Justus und das schöne Mädchen gefunden . Eines Tages war Olga wieder bei Manfred Wallentin . Sie hatten in längerer Aussprache festgelegt , in welchem Umfange und in welcher Weise das Material , das die Bewegung der Frauen betraf , in dem neuen Blatt vertreten sein sollte . Manfred deutete auf einen großen Stoß von Zeitungsausschnitten . » Es ist unmöglich , mit alledem fertig zu werden . Das alles geht uns an , müßte geordnet und bearbeitet sein . « Dieses Ausschnittmaterial war zudem aus Zeitungen verschiedener Sprachen . Manfred hatte schon öfter erwähnt , daß er eine weibliche Kraft , die dem Bureau ganz zur Verfügung stände , für diese und ähnliche Arbeiten aufnehmen möchte ; so groß die Verlockung für Olga war , sich ihm zu jeder Hilfe bei seinem Werk anzubieten , so konnte und wollte sie doch nicht ihre Korrespondenz im Stich lassen , auch war sie nicht sprachkundig genug , um diesen Platz vollkommen auszufüllen . Inge , die Schwägerin , half fleißig , aber sie war nebstdem Gattin , Hausfrau im entfernten Berlin und vor allem Schriftstellerin , die den größten Teil ihrer Zeit über ihrem eignen Werk verbrachte . Da war Olga ein Gedanke gekommen : hier war ein Platz für Eva , - Eva Nestor . Seit sie in Genf lebte , hatten sie schon mehrere Briefe gewechselt , und erst vor kurzem hatte Eva sie gebeten , für sie eine Annonce aufzugeben , durch die sie in Berlin eine passende Stellung suchen wollte , von der sie mit ihrem Kinde leben konnte . Olga hatte dies noch nicht getan , weil sie noch nicht ganz klar wußte , was sie eigentlich für Eva suchen sollte . Hier war ein Platz für sie . Heute hatte sie Manfred diesen Plan mitgeteilt , hatte ihm Eva geschildert . Erfreut , bat er sie , ihr gleich zu schreiben . Da sie ihm Evas Lage nicht vorenthielt , setzte er auch gleich die Höhe des Gehaltes fest . Sorglos konnte nun Eva mit ihrer Kleinen leben , und sie würde diesen Platz vortrefflich ausfüllen , - das wußte Olga