dachte Georg , wodurch man sich bei den Leuten beliebt machen kann . Nur Frau Rosner ließ durchblicken , daß sie Georg , wenn sie ihm schon nicht die Hauptschuld an der Schwierigkeit des Falles beimaß , jedenfalls für ziemlich gefühllos hielte . Er nahm es der guten und gedrückten Frau nicht übel . Sie konnte natürlich nicht ahnen , wie sehr er Anna liebte . Es war noch nicht lange her , daß er selber es wußte . An jenem Ankunftsmorgen , da Georg nach langem , stummem Weinen sein Haupt aus ihrem Schoß erhoben , da hatte sie keine Frage an ihn gerichtet , aber in ihren schmerzlich erstaunten Augen las er , daß sie die Wahrheit ahnte . Und warum sie nicht fragte , das glaubte er zu verstehen . Sie mußte ja fühlen , wie ganz sie ihn wieder hatte , wie er gerade von jetzt an ihr besser gehörte , als jemals vorher . Und wenn er ihr in den nächsten Stunden und Tagen von der Zeit erzählte , die er fern von ihr verbracht , und unter all den Frauennamen , die er nannte , flüchtig aber unverschweigbar jener ihr neue , verhängnisvolle erklang , da lächelte sie wohl in ihrer leicht spöttischen Art ; aber kaum anders , als wenn er von Else sprach oder von Sissy , oder von den kleinen blaugekleideten Mädchen , die ins Klavierzimmer hereingeguckt hatten , wenn er spielte . Seit zwei Wochen wohnte er in der Villa , fühlte sich wohl und war in guter und ernster Arbeitsstimmung . Auf dem Tischchen , wo vor kurzem noch Theresens Nähzeug gelegen war , breitete er jeden Morgen Partituren , musiktheoretische Werke , Notenpapiere aus und beschäftigte sich damit , Aufgaben der Harmonielehre und des Kontrapunkts zu lösen . Oft lag er am Waldessaum auf einer Wiese , las in irgend einem Lieblingsbuch , ließ Melodien in sich klingen , träumte vor sich hin , war vom Rauschen der Bäume und vom Glanz der Sonne beglückt . Nachmittags , wenn Anna ruhte , las er ihr vor oder plauderte mit ihr . Oft sprachen sie auch über das kleine Wesen , das nun bald zur Welt kommen sollte , mit Zärtlichkeit und Voraussicht ; doch niemals über ihre eigene , nächste und fernere Zukunft . Aber wenn er an ihrem Bette saß , oder Arm in Arm mit ihr im Garten auf und abging , oder an ihrer Seite auf der weißen Bank unter dem Birnbaum saß , wo die leuchtende Stille der Spätsommertage über ihnen ruhte , da wußte er , daß sie nun für alle Zeit fest aneinandergeschlossen waren , und daß selbst die zeitweilige Trennung , die bevorstand , gegenüber dem sichern Gefühl dieser Zusammengehörigkeit keine Macht mehr über sie haben könnte . Erst seit die Schmerzen über sie gekommen waren , schien sie ihm entrückt , wohin er ihr nicht folgen konnte . Gestern noch war er stundenlang an ihrem Bett gesessen und hatte ihre Hände in den seinen gehalten . Sie war geduldig gewesen wie immer , hatte sich sorglich erkundigt , ob er nur seine Ordnung im Hause habe , hatte ihn gebeten zu arbeiten , spazieren zu gehen wie bisher , da er ihr ja doch nicht helfen könnte , und ihn versichert , daß sie ihn noch mehr liebe , seit sie leide . Und doch , Georg fühlte es , sie war in diesen Tagen nicht dieselbe , die sie gewesen . Besonders wenn sie aufschrie so wie heute Vormittag in den schlimmsten Schmerzen , da war ihre Seele so weit weg von ihm , daß ihn schauerte . Er war dem Hause wieder nah . Aus Annas Zimmer , vor dessen Fenster die Vorhänge sich leise bewegten , kam kein Laut . Der alte Doktor Stauber stand auf der Veranda . Georg eilte hin , mit trockener Kehle . » Was ist ? « fragte er hastig . Doktor Stauber legte ihm die Hand auf die Schulter : » Es geht ganz gut . « Ein Stöhnen kam von drin , wurde lauter , wurde ein wilder , wütender Schrei . Georg strich sich über die feuchte Stirn , und mit bitterm Lächeln sagte er zum Doktor : » Das heißen Sie , es geht ganz gut ? « Stauber zuckte die Achseln : » Es steht geschrieben , mit Schmerzen sollst du ... « In Georg lehnte sich etwas auf . Er hatte nie an den Gott der Kindlich-Frommen geglaubt , der als Erfüller armseliger Menschenwünsche , als Rächer und Verzeiher kläglicher Menschensünden sich offenbaren sollte . Dem Unnennbaren , das er jenseits seiner Sinne und über allem Verstehen im Unendlichen ahnte , konnte Beten und Lästern nichts anderes sein , als arme Worte aus Menschenmund . Nicht als die Mutter nach unsinnig-martervollem Leid , nicht , als in einem für sein Begreifen schmerzenlosen Hingang der Vater starb , hatte er sich des Glaubens vermessen , daß sein Unglück im Weltenlauf mehr bedeutete , als das Fallen eines Blattes . Keinem unerforschlichen Ratschluß hatte er in feiger Demut sich gebeugt , nicht töricht gemurrt gegen ein ungnädiges , gerade über ihn verhängtes Walten . Heute zum erstenmal war ihm , als ginge irgendwo in den Wolken ein unbegreifliches Spiel um seine Sache . Der Schrei drinnen war verklungen , und nur Stöhnen war vernehmbar . » Und die Herztöne ? « fragte Georg . Doktor Stauber sah an Georg vorbei . » Vor zehn Minuten waren sie noch deutlich zu hören . « Georg wehrte sich gegen einen furchtbaren Gedanken , der aus den Tiefen seiner Seele hervorgejagt kam . Er war gesund , sie war gesund , zwei junge kräftige Menschen ... konnte so etwas denn möglich sein ? Doktor Stauber legte ihm nochmals die Hand auf die Schulter . » Gehen Sie doch spazieren « , sagte er , » wir rufen Sie schon , wenn ' s Zeit ist . « Und er wandte sich