ihren Schlaf stören , ihnen überflüssig Angst bereiten ? Die moralische Bangigkeit ging wieder in physische Beklemmung über . Ein heftiger Schmerz in der Herzgegend steigerte sich zu Atemnot und lautes Stöhnen entrang sich ihrer Brust . Die Jungfer , die durch das Heulen des Windes schon früher erwacht war und unter der Tür den Lichtschein sah , hörte jetzt dieses Stöhnen und eilte ihrer Herrin zu Hilfe . Sie fand sie nach Atem ringend und nun geschah , was Martha so gern vermieden hätte , das Haus ward alarmiert . Der Anfall dauerte aber nicht lange ; bald lag Martha ganz ruhig atmend und schmerzbefreit auf ihrem Bett , das ihre Kinder und die anderen umstanden . Der herbeigeholte Arzt des Ortes bat , man möge nach dem Wiener Professor telegraphieren und es wurde ein reitender Bote nach der Station gesprengt . Ebenso hatte Sylvia - einem gegebenen Versprechen gemäß - sofort an Cajetane eine Depesche geschickt . Nach einer Stunde schlief Martha ein . Schlief ein und erwachte nicht wieder . Ein Herzschlag hatte ihrem Leben ein sanftes Ende gemacht . Mit demselben Zuge , als der Wiener Arzt , war am folgenden Nachmittag Cajetane Ranegg in Grumitz angekommen . Schon auf der Station erfuhren beide , daß alles vorüber sei . Schluchzend betrat das junge Mädchen das Sterbezimmer und stürzte auf das Lager der Toten , an dessen Seite Rudolf kniete . Sylvia saß in einiger Entfernung , das Gesicht in den Händen vergraben . Rudolf stand auf und trat auf Cajetane zu . Ein Strom von Zärtlichkeit überflutete sein wundes Herz ; er umschlang ihre Gestalt und weinte an ihrer Achsel . » Sie hat Dich unendlich lieb gehabt , Cajetane , « sagte er . Daß er mit diesem » Du « und mit dieser Umarmung sich verlobte , das fühlte er . Doch er fühlte es wie einen lindernden Trost , wie die Erreichung eines Hafens . - - Am nächsten Abend - bei der Toten wachten Sylvia und Kolnos - ging das Brautpaar in denselben Laubgängen auf und nieder , wie neulich am Vorabend von Cajetanes Abreise . Wieder dufteten die Violen so stark , aber diesmal hauchten sie dem jungen Mädchen ganz andere Dinge zu als neulich . Es mischte sich - was freilich Halluzination war - der Geruch der Wachskerzen dazu , die zu Häupten und zu Füßen der Aufgebahrten brannten - und so erzählten die Violen von unverhofftem Liebesglück und von düsterer Totenklage . So wie damals schob er ihren Arm unter den seinen . » Wir haben einen Lieblingswunsch der Verlorenen erfüllt , Cajetane , « sagte er . Sie erschrak . » Wie ? - Vielleicht nur deshalb ? ... Nur um ihren letzten Willen zu erfüllen ? « Er schüttelte den Kopf . » Sie hat nichts befohlen . Sie wußte nur , was mir frommt . Doch : eines hat sie mir auferlegt und habe ich ihr zugeschworen : meinem Lebenswerke treu zu bleiben . Bist Du darauf gefaßt , Kind , daß es gilt , mir Vertraute , Kameradin zu sein ? « » Ja , das will ich . « » Weißt Du , daß Du da verzichten mußt auf Deine ganze gewohnte Umgebung , auf den Beifall der Deinen , auf die Gemeinschaft mit ihnen ? « » Ja , das weiß ich . « » Du wirst mir folgen müssen in andere Länder - und , wer weiß , nicht nur als freiwillige Reise - es ist ja alles möglich : vielleicht verkennt und verfolgt man mich und weist mich aus . « » Alles will ich mit Dir teilen : auch die Verbannung , auch das Gefängnis - selbst den Tod . « Er blieb stehen . » Vielleicht den Sieg , Geliebte , « sagte er und drückte sie an sein Herz . Harmannsdorf , Jänner 1901 - März 1902 .