doch erschüttert worden ; und es ist überhaupt eine Neigung des menschlichen Geistes , von den laufenden Ereignissen anzunehmen , daß sie serienweise auftreten : daß auf Erfolg wieder Erfolg , auf Unglück wieder Unglück folgen müsse . Besser also , in der Unglücksserie innehalten - die Zeit der Genugthuung und der Rache würde schon kommen ... Rache und immer wieder Rache ? Jeder Krieg muß einen Besiegten aufweisen und wenn dieser nur in einem nächsten Krieg Genugthuung finden kann , einem nächsten , der natürlich wieder einen genugthuungheischenden Besiegten schaffen wird - wann nimmt das ein Ende ? Wie kann Gerechtigkeit erlangt , wann altes Unrecht gesühnt werden , wenn als Sühnemittel immer wieder neues Unrecht angewendet wird ? Keinem vernünftigen Menschen wird es einfallen , Tintenflecken mit Tinte , Ölflecken mit Öl wegputzen zu wollen - nur Blut , das soll immer wieder mit Blut ausgewaschen werden ! Die in Grumitz obwaltende Stimmung war allgemein eine düstere . In der Ortschaft herrschte Panik : » die Preußen kommen , die Preußen kommen « war auch hier - trotz den von mancher Seite gehegten Friedenshoffnungen - immer noch die ausgegebene Angstparole , und die Leute verpackten und vergruben ihre Kostbarkeiten ; auch bei uns im Schlosse hatten Tante Marie und Frau Walter dafür gesorgt , daß das Familiensilber in ein geheimes Versteck gebracht werde . Lilli war in steter Sorge um Konrad , von welchem jetzt seit einigen Tagen die Nachrichten ausgeblieben waren ; mein Vater fühlte sich in seiner patriotischen Ehre gekränkt und wir beide , Friedrich und ich , trotz des still in unseren Herzen ruhenden Glückes über unsere Wiedervereinigung , waren von dem miterlebten , so heftig mitempfundenen Unglück der Zeit auf das schmerzlichste erschüttert . Und von allen Seiten floß diesem Schmerze immer wieder neue Nahrung zu . In sämtlichen Zeitungsberichten , in allen Briefen aus Verwandten- und Bekanntenkreisen nichts als Klage und Trauer . Da war ein Brief von Tante Kornelie , welche ihr Unglück noch nicht kannte , worin sie in so rührenden Worten von der Furcht sprach , ihr einziges Kind etwa verlieren zu müssen - ein Brief , über den wir Zwei bittere Thränen vergossen . Und wenn wir abends im Kreise beisammen saßen , da gab es nicht heiteres , scherzgewürztes Geplauder , Musik , Kartenspiel und anregende Lektüre , sondern immer nur - gesprochen oder gelesen - Geschichten von Jammer und Tod . Wir lasen nichts anderes als Zeitungen und diese waren mit » Krieg « und nichts als » Krieg « gefüllt , und was wir sprachen , bezog sich meist auf die Erfahrungen , welche Friedrich und ich von den böhmischen Schlachtfeldern zurückgebracht hatten . Meine Abreise dahin wurde mir zwar von Allen sehr übel genommen , dennoch lauschten sie gespannt , wenn ich von den dortigen , teils selbsterlebten , teils mitgeteilten Ereignissen erzählte . Rosa schwärmte für Frau Simon und schwor , falls der Krieg andauern sollte , sich der sächsischen Samariterin anzuschließen Dagegen protestierte natürlich unser Vater : » Mit Ausnahme der barmherzigen Schwestern und der Marketenderinnen , hat kein Frauenzimmer im Krieg ' was zu suchen ... ihr seht ja , wie untauglich unsere Martha sich erwiesen hat . Das war ein unverzeihlicher Streich von Dir , Du tolles Kind - Dein Mann sollte Dich noch nachträglich dafür züchtigen . « Friedrich streichelte meine Hand : » Ja , eine Thorheit war ' s - aber eine schöne . « - Wenn ich von den Schrecknissen , die ich selber gesehen , oder die mir meine Reisegefährten mitgeteilt , in gar zu unverhüllter Weise sprach , wurde ich oft von Tante Marie oder von meinem Vater rügend unterbrochen : » Wie kann man so abscheuliche Dinge wiederholen ? « Oder : » Schämst Du Dich nicht , als Frau , als zarte Dame , so häßliche Worte in den Mund zu nehmen ? « Als ich gar eines Abends von den Verstümmelten sprach und das Los derer beklagte , die im Namen des Mannesmuts , der Manneszucht und der Mannesehre in den Krieg getrieben , von dort zurückkehren müssen , ihrer Mannheit auf ewig beraubt - - » Martha ! Vor den Mädchen ! ! ! « stöhnte Tante Marie , im Tone der höchsten sittlichen Entrüstung . Da riß mir die Geduld : » O über eure Prüderie - und o über eure zimperliche Wohlanständigkeit ! Geschehen dürfen alle Greuel , aber nennen darf man sie nicht . Von Blut und Unrat sollen die zarten Frauen nichts erfahren und nichts erwähnen , wohl aber die Fahnenbänder sticken , welche das Blutbad überflattern werden ; davon dürfen Mädchen nichts wissen , daß ihre Verlobten unfähig gemacht werden können , den Lohn ihrer Liebe zu empfangen , aber diesen Lohn sollen sie ihnen zur Kampfesanfeuerung versprechen . Tod und Tötung hat nichts unsittliches für euch , ihr wohlerzogenen Dämchen - aber bei der bloßen Erwähnung der Dinge , welche die Quellen des fortgepflanzten Lebens sind , müßt ihr errötend wegschauen . Das ist eine grausame Moral , wißt ihr das ? Grausam und feig ! Dieses Wegschauen - - mit dem leiblichen und mit dem geistigen Auge - das ist an dem Beharren so vielen Elends und Unrechts schuld ! Wer nur erst den Mut hätte , hinzuschauen , wo Mitgeschöpfe in Leid und Elend schmachten und den Mut hätte , über das Geschaute nachzudenken - « » Ereifere Dich nicht « , unterbrach Tante Marie , » wir können doch nicht , so viel wir auch zuschauen und nachdenken wollten , das Übel von der Erde wegschaffen - dieselbe ist nun einmal ein Jammerthal und wird es immer bleiben . « » Das wird sie nicht « , entgegnete ich und behielt so doch das letzte Wort . » Die Gefahr , daß Frieden geschlossen wird , rückt immer näher « , klagte eines Tages mein Bruder Otto . Wir saßen eben wieder um den Familientisch - Friedrich auf seinem Ruhebett daneben -