ist geringer , als man denkt . Das reichste Haus vermag oft kein Heim zu schaffen . « Max von Drillinger runzelte die Stirn , als ihn diese neue philosophische Randglosse in der plötzlichen Helle des Korridors traf , und dachte , wie es doch auf die Dauer recht langweilig sei , mit einem so herrlichen Weib nicht aus der Tretmühle abstrakter Gedanken und kritischer Klügeleien herauskommen zu können . Einige kichernde Gruppen , an denen sie vorbei mußten , veranlaßten ihn , gerade vor den Augen dieser leichtfertigen Salonpflanzen die Saite geistreicher Koketterie aufzuziehen und nicht den landesüblichen trivialen Kurmacher zu spielen . Die sollten einmal sehen , diese Flachköpfe , auf welchem ästhetischen Fuß ein Max von Drillinger mit dieser offenbar verkannten Frau verkehre . » O , Sie haben gewiß Recht , gnädige Frau , « sagte er mit absichtlich erhobener Stimme und fuhr , seine Schritte hemmend und ein wenig verweilend , deklamatorisch fort : » Nicht weniger Recht hat aber auch unser Schiller mit seinen berühmten Versen : Es ist ein altes Wort , doch bring ' ich ' s wieder : Die Ehre wohnt beim Reichtum . Reichtum übt Die größte Herrschaft über Menschenseelen . Der Arme , sei Er noch so groß geboren , gilt für nichts . « » Leider , ja ! « erwiderte sie einfach , ohne sich umzublicken . » Hören Sie nur diese Unruhe da drinn ' . Gehen wir schneller . Ich erfülle heute meine Pflichten als Dame des Hauses schlecht . Aber die Menschen sind mir so zuwider , die kein ernstes Wort vertragen ... « Schnürte kam eilig die Treppe herauf und drückte sich mit scheuem Grinsen an ihnen vorbei . » Ein widerwärtiger Schleicher , dieser Sittenbilder-Kleckser mit dem Basiliskenblick , « bemerkte Drillinger . » Haben Sie die nähere Bekanntschaft der Frau Bertha Hohenauer gemacht ? « » Herr Geiling hatte sie ganz in Beschlag genommen . « » Das erklärt Schnürles schlechten Humor . Schnürle war einst sehr um sie bemüht . Fatale Liebeshändel ... « Drillinger lächelte . » Überhaupt die Liebe - nichtwahr , gnädige Frau ? « Eine kühlere Luft schlug ihnen entgegen . Links zweigte die Kellertreppe , ab , rechts war die Thür zum Vorzimmer des Gartensalons . Das Vorzimmer war , wie das Treppenhaus , an Gesellschaftsabenden gewöhnlich hell erleuchtet , während der Gartensalon nur von einigen venezianischen Lampions , die malerisch in den grünen Sträucher- und Palmengruppen hingen , ein mattes Rosalicht empfing . Dicke Läufer bedeckten den Boden . Frau Raßler schauerte , als sie die angelegte Thür des Vorzimmers öffnete und den Baron so nahe hinter sich fühlte , daß sein Atem ihren Nacken bestrich . » Überhaupt die Liebe - ! « wiederholte Max v. Drillinger leiser . » Ah ! « Plötzlich war Frau Raßler stehen geblieben . Das Vorzimmer war dunkel . Wie kam das ? Wer hatte das Licht ausgelöscht ? Der schwarze Raum erschien ihr wie ein Abgrund . War es nicht unpassend und unheimlich , mit dem fremden Manne solche Wege zu wandeln , die zu den schwersten Mißdeutungen verleiten konnten ? Aber war ihr Max v. Drillinger noch ein Fremder , nachdem sie ihm ein solches Übermaß von Vertraulichkeit entgegengebracht ? Vor wem hatte sie sich überhaupt zu rechtfertigen ? Unsinn ... In diesem Augenblick drückte sie aber doch die dunkle Einsamkeit wie stiller Vorwurf . » Bitte , Herr Baron , lassen Sie mich erst nachsehen , ob der Gartensalon beleuchtet ist . Ich begreife nicht ... Sonst brennt hier immer Licht ... Ich wollte Sie wirklich nicht in Nacht und Nebel hieher führen ... « » Ich sehe hell , wo ich Sie sehe ... Ihre Lichtgestalt ... « Er brach ab . Frau Raßler hatte das dunkle Vorzimmer durchschritten und die mit einer Portière verhängte Thür zum Gartensalon leis und hastig geöffnet und war mit einem dumpfen » Oh ! « auf der Schwelle stehen geblieben . Nein , das ging zu weit : das Gewächshaus in einen Venusberg zu verwandeln ! An diesem Orte solche Umarmungen ! Geiling glaubte sich wohl im Theater ... ? ! » Bertha ! « Bevor sie im stande war , die Thür wieder zu schließen , drängten schon lachend und spottend mehrere Gäste den Kommerzienrat die Treppe herunter . » Frau Kommerzienrat , man kommt ! « rief Drillinger erschreckt , er wußte selbst nicht warum . Er schritt auf sie zu und faßte ihre Hand . » Das ist ja eine Verschwörung ! « quackte der Kommerzienrat mit seinen pappigen Lippen und rieb sich die Augen . » Ah , Leopoldine und der Baron , « stieß er heiser heraus , als er mitten im dunklen Zimmer seine Frau Hand in Hand mit Drillinger erblickte , von dem Streifen Rosalicht beleuchtet , das aus der offen gebliebenen Salonthür hereinzitterte . » Ein Irrtum , meine Herrschaften ! Nur vorwärts in den Gartensalon , dort ist das Schauspiel ! « pfiff Schnürle mit seiner dünnen , erregten Stimme und stürmte voraus . Der Kommerzienrat stand jedoch wie angewurzelt und schüttelte den Kopf . » Ich begreife nicht ... « » Ich auch nicht , Herr Kommerzienrat , « sagte verdutzt der Baron , indem er die Hand der Frau Raßler losließ . » Es ist ... « » So ? Sie begreifen auch nicht ? « » Ausgeflogen , da , durch den Garten ; Donnerwetter , jammerschade , wir sind zu spät gekommen , « kreischte und gestikulierte Schnürle außer sich . Jean zündete die Lichter des Vorzimmers an und stellte eine Lampe in den rosadämmerigen Gartensalon . Die grelle Helle verscheuchte die Gespenster , welche der hämische Schnürte in der Phantasie der Gäste heraufbeschworen hatte - an Verdächtigem blieb nur das Eine : Frau Raßlers dunkler Verkehr mit Drillinger . Dieses Verdächtige war aber für die Klatschsucht das einzig Positive , was die Zuschauer aus diesem Zufalls-Possenspiel mit nach Hause nahmen . So endeten