hartes , aber jetzt vom Unglück erweichtes Gemüt beschlich mächtige Sehnsucht , die Stätte ihrer schönsten Freuden wiederzusehen . Schon dies Eine Gefühl trieb sie mächtig an , der Mahnung Cassiodors zu folgen : noch mehr die Furcht - nicht für ihr Leben , denn sie wollte sterben - , die Raschheit ihrer Feinde möchte ihr unmöglich machen , das Volk zu warnen und das Reich zu retten . Endlich überlegte sie , daß der Weg nach Regeta bei Rom , wo in Bälde die große Volksversammlung , wie alljährlich im Herbst , statthaben sollte , sie am Bolsener See vorüberführte . Also war es nur eine Beschleunigung ihres Planes , wenn sie schon jetzt in dieser Richtung aufbrach . Um aber auf alle Fälle sicher zu gehn , um , auch wenn sie das Ziel ihrer Reise nicht erreichen sollte , ihre warnende Stimme an das Ohr des Volks gelangen zu lassen , beschloß sie einem Brief an Cassiodor , den auf seiner Villa anzutreffen sie nicht bestimmt voraussetzen konnte , ihre ganze Beichte und die Enthüllung aller Pläne der Byzantiner und Theodahads anzuvertrauen . Bei geschlossenen Türen schrieb sie die schmerzreichen Worte nieder : heiße Tränen des Dankes und der Reue fielen auf das Pergament , das sie sorgfältig siegelte und dem treuesten ihrer Sklaven übergab , es sicher nach dem Kloster Squillacium in Apulien , der Stiftung und dem gewöhnlichen Aufenthalt Cassiodors , zu befördern . * * * Langsam verstrichen der Fürstin die zögernden Stunden des Tages . Mit ganzer Seele hatte sie des Freundes dargebotene Hand ergriffen . Erinnerung und Hoffnung malten ihr um die Wette das Eiland im Bolsener See als ein teures Asyl : dort hoffte sie Ruhe und Frieden zu finden . Sie hielt sich sorgsam innerhalb ihrer Gemächer , um keinem ihrer Wächter Veranlassung zum Verdacht , Gelegenheit , sie aufzuhalten , zu geben . Endlich war die Sonne gesunken . Mit leisen Schritten eilte Amalaswintha , ihre Sklavinnen zurückweisend und nur einige Kleinodien und Dokumente unter dem weiten Mantel bergend , aus ihrem Schlafgemach in den breiten Säulengang , der zur Gartentreppe führte . Sie zitterte , hier wie gewöhnlich auf einen der lauschenden Späher zu stoßen , gesehen , angehalten zu werden . Häufig sah sie sich um , vorsichtig blickte sie sogar in die Statuennischen : alles war leer , kein Lauscher folgte diesmal ihren Tritten . So erreichte sie unbeobachtet die Plattform der Freitreppe , die Palast und Garten verband und weiten Ausblick über diesen hin gewährte . Scharf überschaute sie den nächsten Weg , der zum Venustempel führte . Der Weg war frei . Nur die welken Blätter raschelten wie unwillig von den rauschenden Platanen auf die Sandpfade nieder , gewirbelt von dem Winde , der fern , jenseits der Gartenmauer , Nebel und Wolken in geisterhaften Gestalten vor sich her trieb : es war unheimlich in dem ausgestorbenen Garten und seiner grauen Dämmerung . Die Fürstin fröstelte , der kalte Abendwind zerrte an ihrem Schleier und Mantel : einen scheuen Blick warf sie noch auf die düstern , lastenden Steinmassen des Palastes hinter sich , in dem sie so stolz gewaltet und geherrscht und aus dem sie nun einsam , scheu , verfolgt wie eine Verbrecherin flüchtete . Sie dachte des Sohnes , der in den Tiefen des Palastes ruhte . - Sie dachte der Tochter , die sie selbst aus diesen Mauern , aus ihrer Nähe verbannt hatte . Und einen Augenblick drohte der Schmerz die Verlassene zu überwältigen : sie wankte , mühsam hielt sie sich aufrecht an dem breiten Marmorgeländer der Terrasse : ein Fieberschauer rüttelte an ihrem Leibe wie das Grauen der Verlassenheit an ihrer Seele . » Aber mein Volk ! « sprach sie zu sich selbst , » und meine Buße - ich will ' s vollenden . « Gekräftigt von diesem Gedanken eilte sie die Stufen der Treppe hinab und bog in den von Efeu überwölbten Laubgang ein , der quer durch den Garten führte und an dem Venustempel mündete . Rasch schritt sie voran , erbebend , wann zu einem der Seitengänge das Herbstlaub wie seufzend hereinwirbelte . Atemlos langte sie vor dem kleinen Tempel an und ließ ringsum die suchenden Blicke schweifen . Aber keine Sänfte , keine Sklaven waren zu sehen , rings war alles still : nur die Äste der Platanen seufzten im Winde . Da schlug das nahe Wiehern eines Pferdes an ihr Ohr . Sie wandte sich : um den Vorsprung der Mauer bog mit hastigen Schritten ein Mann . Es war Dolios . Er winkte , scheu umherspähend . Rasch eilte die Fürstin auf ihn zu , folgte ihm um die Ecke : und vor ihr stand Cassiodors wohlbekannter gallischer Reisewagen , die bequeme und vornehme Carruca , von allen vier Seiten mit verschiebbaren Gitterläden von feinem Holzwerk umschlossen , und mit dem raschen Dreigespann belgischer Manni beschirrt . » Eile tut not , o Fürstin , « flüsterte Dolios , sie in die weichen Polster hebend . » Die Sänfte ist zu langsam für den Haß deiner Feinde . Stille und Eile , daß uns niemand bemerkt . « Amalaswintha blickte noch einmal um sich . Dolios öffnete das Tor des Gartens und führte den Wagen vor dasselbe hinaus . Da traten zwei Männer aus dem Gebüsch : der eine bestieg den Sitz des Wagenlenkers vor ihr : der andre schwang sich auf eines der beiden gesattelt vor dem Tore stehenden Rosse : sie erkannte die Männer als vertraute Sklaven Cassiodors : sie waren wie Dolios mit Waffen versehen . Dieser sperrte wieder sorgfältig das Gartentor und ließ die Gitterladen des Wagens herab . Dann warf er sich auf das zweite der Pferde und zog das Schwert : » Vorwärts ! « rief er . Und von dannen jagte der kleine Zug , als wär ' ihm der Tod auf der Ferse . Fünftes Kapitel . Die Fürstin wiegte sich in Gefühlen des Dankes , der Freiheit , der Sicherheit