Worte gefallen , die , wie es die abscheuliche Sitte unter Männern verlangt , nur durch Blut gesühnt werden konnten . - Sie haben sich duelliert , der verräterischen Frau wegen ; der Freund - « » Der junge Eckhof ? « warf ich hastig dazwischen . » Ja , der Sohn des Buchhalters - er hat einen Schuß in die Schulter bekommen , und Herr Claudius ist ziemlich schwer am Kopfe verwundet worden - seine Augenschwäche stammt aus jener Zeit ... Die Wunde Eckhofs ist an sich nicht gefährlich gewesen ; aber seine bereits sehr zerrüttete und geschwächte Konstitution hat ihn im Stiche gelassen - nach mehrwöchentlichem Krankenlager hat er sterben müssen , trotz aller Bemühungen der ausgezeichnetsten Aerzte . « » Und die Frau , die Frau ? « unterbrach ich sie . » Ja , die Frau , mein liebes Kind , die hatte Paris längst verlassen , als Herr Claudius von seinem Schmerzenslager aufstand ; sie war mit einem Engländer abgereist . « » Sie war schuld an seinem Leiden und ist nicht gekommen , abzubitten und ihn zu pflegen ? « » Mein kleines Mädchen , sie war eine Dame vom Theater - sie hat dieses Blutopfer als eine Huldigung ihrer gefährlichen Schönheit hingenommen und sich durchaus nicht verpflichtet gefühlt , abzubitten , noch weniger aber die Wunde mit ihren verwöhnten Händen zu heilen ... Damals , kurze Zeit nach seiner Genesung , kam Herr Claudius hierher - sein Bruder war - gestorben und hatte so manche Anordnung in die Hände seines Erben niedergelegt ... Nach langer Trennung sah ich ihn zum erstenmal wieder - ich habe nie in meinem ganzen Leben einen Menschen so furchtbar leiden sehen , als diese junge , aus allen Fugen gerissene Männerseele . « » Er hatte Gewissensbisse ? « » Das weniger - er konnte die Frau nicht vergessen ... Wie wahnsinnig lief er stundenlang durch die Gärten , oder raste mit den Händen über die Tasten - « » Der ernsthafte , ruhige Herr Claudius ? « fragte ich atemlos vor Ueberraschung . » Das war er eben damals nicht ... Er suchte Ruhe und Beschwichtigung in der Musik , und wie spielte er ! Ich begreife sehr wohl , daß ihm Charlottens Trommeln oft geradezu zur Qual wird ... Er hielt nicht lange hier aus . Ein Jahr noch reiste er ziellos durch die Welt , dann kam er zurück , völlig umgewandelt , und nahm als der ernste , strenge , schweigsame Mann , als den Sie ihn kennen , das Geschäft in die Hand ... Ich habe ihn nie wieder eine Taste berühren sehen , ich habe nie wieder ein leidenschaftliches Wort von ihm gehört , eine heftige Bewegung an ihm bemerkt . Er hatte anders überwunden , als sein Bruder , der an seinem Seelenschmerz zu Grunde gegangen war - sein starker Geist hat ihn das richtige Beschwichtigungsmittel , die Arbeit , finden lassen . Und so ist er das geworden , was er heute noch ist , ein Arbeiter im strengsten Sinne des Wortes , ein stahlharter Charakter , der in Ordnung und Thätigkeit den Gesundbrunnen für die Menschenseele sieht und sie überall angewendet wissen will . « Fräulein Fliedner hatte mit einer Lebhaftigkeit gesprochen , wie ich sie an der zwar immer anmutig liebenswürdigen , aber auch stets sehr zurückhaltenden alten Dame noch nicht gesehen - sie hatte sich offenbar hinreißen lassen . Und ich saß an ihrer Seite und sah mit zurückgehaltenem Atem in eine ungekannte Welt - ein Wunder war sie für mich , die leidenschaftliche Liebe des Mannes zum Weibe ! Meine geliebtesten Zaubergeschichten erblaßten und verloren ihren Glanz und Reiz neben dieser Erzählung aus der Wirklichkeit ... Und der Mann , der die treulose Frau nicht vergessen konnte , den der Schmerz um ihren Verlust wie wahnsinnig durch die Gärten gejagt hatte , es war Herr Claudius gewesen - er konnte sich wirklich etwas so tief zu Herzen nehmen ? ... » Liebt er wohl die Frau noch immer ? « unterbrach ich mit leiser Stimme das plötzlich eingetretene tiefe Schweigen . » Mein Kind , darauf kann ich Ihnen nicht antworten , « sagte lächelnd die alte Dame . » Meinen Sie wirklich , es wisse irgend ein Mensch , was in Herrn Claudius ' Innerstem vorgeht ? ... Sie kennen ja sein Gesicht und Wesen und nennen es selbst ernsthaft und ruhig - seine Seele ist für alle ein zugeschlagenes Buch ... Uebrigens kann ich mir kaum die Möglichkeit denken ; er muß ja die Frau verachten . « Es war dunkel geworden . Fräulein Fliedner hatte vorhin ein Fenster geöffnet , weil es schwül im Zimmer war ; der plätschernde Regen hatte aufgehört . In der abgelegenen Mauerstraße war es still , aber fern , von den frequenten Plätzen , dem Knotenpunkt der Stadt her , drang in an- und abschwellendem Summen das Getöse des lebendigsten Menschenverkehrs . An der gegenüberliegenden Straßenseite hüpften die Gaslichter eines nach dem anderen auf - sie spiegelten sich in den trüben Regenlachen des Pflasters und zeigten , wie schwarz und dräuend der Himmel noch über der Stadt hänge ... Auch in das Zimmer herein , wo wir lautlos schweigend nebeneinander saßen , fiel ihr schwacher Schein , und ich bat Fräulein Fliedner , keine Lampe anzuzünden , es sei hell genug - ich fürchtete mich , in das Gesicht der alten Dame zu sehen , weil ich wußte , daß es angstvoll und tiefbesorgt aussehen müsse . Da kamen schallende Schritte das Trottoir entlang , und im Vorübergehen , unter dem offenen Fenster , sagte eine hastig erzählende Stimme : » Eine gelähmte Frau , die sich nicht hat retten können , ist ertrunken ! ... Es soll schrecklich draußen sein ! « Wir fuhren empor , und Fräulein Fliedner begann rastlos im Zimmer auf und ab zu gehen ... Nun erscholl auch lebhaftes Sprechen in der Hausflur . » Noch keine Nachricht aus dem Dorotheenthal ? «