einem unbestimmten Drange der berechtigtsten Empfindung August Müller zu einem Ehrenräuber und Verleumder ; und ich selber , hatte ich nicht in der Jugend den sicheren Ankergrund meines Lebens einer gefühlvollen Anwandlung preisgegeben , um im Matronenalter den Geifer der Welt als gerechte Strafe dafür einzuernten ? » Das Herz macht uns zu Schwächlingen und Toren ! « rief ich mit einer Bitterkeit , wie ich sie niemals gekannt hatte . Denn ich spürte den allseitigen Abfall von meiner Person um so tiefer , da ich ihn nicht zu spüren schien , und da ich mich bis zum letzten gegen seine Möglichkeit gesträubt hatte . Keiner dieser Menschen , auch nicht der Graf , war meinem Gemüte ein Verlust ; nicht erst an ihrer Schätzung hatte sich mein Selbstgefühl entwickelt . Aber Ehre und Ehrerbietung , gleichen sie nicht der Luft , die den Atem in der Brust unterhält , den Atem , der um so stärker ringt , je schwächer der Pulsschlag des Herzens den inneren Kreislauf belebt ? Alle diese Menschen , auch das wußte ich recht gut , führte über kurz oder lang Eitelkeit und Eigennutz mit dem Schein der Ehrerbietung zu mir zurück . Aber ich wußte auch , daß das Grundwesen der Ehrerbietung für alle Zeit vernichtet war . Und die Ehre ist nicht selbstgenügsam wie das Gewissen , sie lebt nur durch und in dem Widerstrahl . Es ist ein einsames Feuer , das in dem Wartturme brennt , aber es leuchtet dem Schiffer zu seinen Füßen , und erlischt es , steht der Turm als ein zweckloses Gehäus . Wie solch ein ausgelöschter Leuchtturm kam ich mir vor . Und was hatte ich als Entgelt dafür , daß der Ehrenname der Reckenburg unter Spott und Hohn verhallen sollte ? Eine Aufgabe für den tatkräftigen Sinn ? Eine Herzenslust , ja nur die Erinnerung daran - für welche schon manche Ruf und Ruhe in die Schanze geschlagen hat ? Nun , die Versorgung eines Bettlerkindes war kein Heldenstück für die reiche Frau , die ohne Opfer Hunderten ein Gleiches hätte erweisen dürfen ; aber eine Herzensfreude war sie noch weniger als ein Heldenstück . Wenn es noch ein Knabe gewesen wäre ! Ein frischer , fröhlicher Gesell , wie Ludwig Nordheim etwa , der sich zu einem tüchtigen Arbeiter auf meinem Felde heranziehen ließ . Aber ein Mädchen ! Was sollte mir und meiner Reckenburg solch ein schwächliches , zerbrechliches Ding , das bestenfalls Stricknadel und Kochlöffel regieren lernte ? Und ein verkümmertes , trübseliges Geschöpf obendrein , in dem kein Zug mich an das Paar erinnerte , das mir den Jugendsinn der Schönheit erweckt und bisher allein befriedigt hatte . Gründete ich dem Kinde eine bürgerlich behagliche Existenz , für welche ich es , nach seiner körperlichen Erholung , in einer braven Predigerfamilie erziehen ließ , so war mein gegebenes Wort und damit meine Aufgabe gelöst . Die Sorge für diese körperliche Erholung hatte ich meiner Kammerfrau übertragen , auf die ich mich verlassen durfte wie auf mich selbst . Denn » gleiche Herrn , gleiche Diener « , das Axiom galt seit der Neubegründung der Reckenburg . Das Kind wurde gekleidet , genährt , gebadet , gepflegt auf ein Titelchen nach der Vorschrift des Medikus oder meinem eigenen Befehl mit der nämlichen Akkuratesse , wie meine Wäsche gebügelt oder meine Zimmer entstäubt wurden ; aber auch nicht einen Funken über den Diensteifer hinaus . Ich konnte dessen versichert sein , ohne nachzuschauen . Indessen schaute ich nach , sooft ich vor und nach meinen Flurwegen auch die Gesindestuben im Parterre revidierte . Es fehlte an keiner Schuldigkeit , und das Kind war sichtlich gesund . Aber es hockte müde , mit leeren , wässerigen Augen im Ofenwinkel oder in einer sonnigen Ecke auf der Terrasse , sprach ungefragt kein Wort und legte gleichgültig das Spielzeug beiseite , das man ihm in die Hand gegeben hatte . » Das Kind ist idiot ! « sagte ich , indem ich ihm den Rücken wendete . Monate waren in dieser Stimmung vergangen , die häßlichsten , weil hoffnungslosesten meines Lebens . An einem Novembermorgen erhielt ich das königliche Patent , das mich zur gnädigen Frau erheben sollte . Ich erkannte die gute Absicht , eine verpfuschte Sache wieder ins Schick zu bringen , schrieb meine Danksagung und legte den huldreichen Akt zu den Akten . Später als andere Tage trat ich aus diesem Anlaß meinen Flurgang an . Auf der Terrassentreppe saß das Kind . Seine Augen , gewöhnlich halbbedeckt und schläfrig geradeaus gerichtet , waren heute groß zum Himmel aufgeschlagen , an welchem die Sonne , noch hinter einem Nebelflor , um den Durchbruch kämpfte . Der Blick frappierte mich ; ich ging schweigend vorüber , aber nach etlichen Schritten kehrte ich um und fand das Kind noch in dem nämlichen Aufschauen , unbekümmert , daß der schwarze Neufundländer , mein häufiger Begleiter , seine Bekanntschaft suchte , indem er das Frühstückbrötchen aus den kleinen Händen zu sich nahm . Ich konnte den Blick nicht loswerden . Es war zum ersten Male , daß meine Gedanken sich mit dem Kinde beschäftigten . Ich kürzte meinen Morgengang ab , kehrte des nämlichen Weges zurück und stand still vor einem Bildchen , das , wäre ich ein Maler gewesen , ich augenblicklich skizziert haben würde . Die Kleine saß noch auf derselben Stelle , und der große schwarze Hund geduldig neben ihr . Sie hatte die Ärmchen um seinen Hals geschlungen und den Kopf in sein zottiges Fell gewühlt . Die Sonne , die jetzt klar und fast sommerwarm niederschien , breitete einen Goldschimmer über das lose , flatternde Haar ; ich bemerkte erst jetzt , daß es sich anmutig kräuselte , daß auch die steckenartigen Glieder sich gebleicht und gefüllt hatten , und die Bäckchen , die im Augenblick ein leises Rot überhauchte , sich kindlich zu runden begannen . Ein friedliches Behagen prägte sich aus über der kleinen Gestalt . Bei meinem Nahen hob