Sidi ; und mich nehmen Sie mit , wo Sie Ihr Zelt aufschlagen . O Allah , Allah , ich bin gewißlich fürs Ideale , aber hier sehe ich doch klar , daß es auch eine große Freude sein kann , in der Wirklichkeit und nicht bloß im Traume zu leben . « » Trocknen Sie Ihre Tränen , fassen Sie sich , Täubrich « , sprach Hagebucher . » In Ihrem letzten Satze gehe ich Ihnen vollständig recht : es ist eine Freude , in der Wirklichkeit zu leben , so viele scharfe Ecken , boshafte Haken und heimtückische verräterische Fallgruben sie auch haben mag . Wer gab übrigens dem klugen Narren , dem Mahomet , das Wort ein : Alles Berauschende ist verboten ! - ? Wer darf dieser armen geplagten Menschheit das Berauschende verbieten ? Solange der Schmerz , die Sünde und der Tod umwandeln unter ihr , so lange kann auch das Berauschende nicht verboten sein ! Jetzt , edler Täubrich , beschäftigen Sie sich gefälligst mit Ihrem Frack , ich werde noch einen letzten Rat halten , und zwar mit der Frau Klaudine und nicht mit dem Sanchoniathon . In einer Viertelstunde hoffe ich Ihnen das Resultat mitteilen zu können . « » Gott segne Sie , lieber Herr « , schluchzte der Pascha , und der Afrikaner stopfte langsam eine Pfeife und streckte sich lang auf dem wackelnden Sofa aus . Wer ihn so gesehen hätte , der würde sicher nicht geahnt haben , mit welchem aufregenden Thema er sich beschäftigte und welches herz- und nervenerschütternde Problem er mit Aufbietung aller Seelenkräfte und Zuziehung aller a priori wie a posteriori erlangten Erfahrungen zu lösen bemüht war . Und der Tag rückte vor , und die Dämmerung rückte wiederum näher . Längst war der Schneider mit der Vervollständigung seines Gesellschaftsanzuges fertig , längst saß er unbeschäftigt , stumm , regungslos , ein Bild atemlosen und doch resignierten Wartens , da : der Afrikaner schien nicht in der Auflösung seines Problems weiterzurücken . Er , Leonhard Hagebucher , stöhnte von Zeit zu Zeit sehr : er veränderte wohl auch seine Lage und hatte von neuem seine Pfeife anzuzünden , aber ein Licht schien ihm darum doch nicht aufgehen zu wollen . Einmal sprach er : » Es scheint grimmig kalt draußen zu sein . Sehen Sie doch einmal nach dem Ofen , Täubrich . « Kurze Zeit darauf knöpfte er die Weste auf , blies und fuhr durch die Haare wie jemand , dem es ungemein heiß zumute ist . Um fünf Uhr fragte er kläglich , was die Glocke geschlagen habe , und eine Viertelstunde später zog Täubrich-Pascha noch kläglicher die Schultern in die Höhe und klagte trübselig und enttäuscht im Innersten seiner Seele : Es ist aus ! Es ist vorbei ! Er tut es nicht ! Er kommt nicht dazu ! Der Afrikaner atmete in der Dunkelheit vom Sofa her ruhig und friedlich gleich einem schlafenden Kinde . Es hatte in der Tat allen Anschein , als ob er es nicht tun werde . Doch die Überraschung war dann um so größer , als Punkt sechs Uhr der Grübler die Pfeife zur Erde fallen ließ , auf beide Füße sprang und im schärfsten Kommandoton rief : » Zum Henker , Täubrich , so zünden Sie doch die Lampe an ! Sind wir zwei Eulen , daß wir unser ganzes Leben in der Finsternis zubringen ? Wo ist mein Halstuch ? Wo ist mein Hut ? Das ist ja eine entsetzliche Wüstenei ! Flink ! Vorwärts ! Bismillah , ich habe diese Wirtschaft im Zentrum wie in der Peripherie vollkommen satt ! « » Hier , Herr ! Hier , Herr ! « rief der Schneider , froschartig und an allen Gliedern zitternd im Zimmer umherhüpfend , Die Lampe brannte , Halstuch und Hut fanden sich , noch einmal wollte der Pascha mit der Kleiderbürste auf den Patron los , doch dieser schob ihn feierlich von sich ab und fragte : » Was für ein Datum schreiben wir ? « Täubrich nannte den Tag , und Hagebucher sprach : » Nicht übel ! Nicht ungünstig ! « Mit einem Zitat fuhr er fort : Gehab dich wohl , mein Cassius , für und für ! Sehn wir uns wieder , nun so lächeln wir , Wo nicht - Er brachte den Satz nicht zu Ende , sondern zog leise die Tür hinter sich zu . Der Tanz aber , welchen Täubrich-Pascha hinter ihm aufführte , hätte kaum kurioser sein können , war jedoch der Gemütsstimmung des Menschen vollständig angemessen . Neunundzwanzigstes Kapitel Im Tumurkielande pflegen die Leute ebenfalls zu heiraten , der junge Mohr nimmt seine Mohrin , wie und wo er sie findet , und die Moresken kommen nach wie in Europa , das erste Exemplärchen neun Monate nach der Hochzeit , die folgenden in angemessenen , naturgemäßen Zeiträumen . Während seiner Gefangenschaft zu Abu Telfan hatte Herr Leonhard Hagebucher glückliche und unglückliche Liebe in all ihren Phasen und Ekstasen reichlich kennengelernt , und Europa hatte ihm in dieser Hinsicht nichts Unbekanntes , nichts Neues zu bieten . So mußte denn auch das , was die weiße Gesellschaft über diese Verhältnisse dachte und sagte , dem , was jene schwarze Gesellschaft darüber kundzugeben pflegte , der Form wie dem Inhalt nach sehr ähnlich sein . Herr Leonhard Hagebucher fühlte sich , noch während er die Treppe in der Kesselstraße hinunterstieg , diesem Prozeß sowie allen seinen Folgen vollkommen gewachsen . Das Experiment erschien ihm leicht , geschmeidig , glatt und ohne übermäßige Anstrengung auszuführen . Diese heitere Anschauung änderte sich jedoch schon in dem Augenblick , als er den Fuß in die Gasse setzte . Sprach die kalte , winterliche Luft in Hinsicht auf seine afrikanischen Nerven mit , oder war ' s der plötzliche Übergang aus dem traulich-stillen Zusammensein mit dem träumenden Schneider in die außergewöhnlich lebhaften Gassen : er fühlte eine Beklemmung , welche mit jedem Schritt über den zertretenen Schnee