einst so hübschen Zeugstiefelchen ; der Schal , in welchen sie sich fröstelnd gehüllt hatte , war abgenutzt und verblichen ; - ganz , ach ganz und gar das arme Grillchen ihres Landsmanns Monsieur Jean de la Fontaine ! Und sie erkannte den Kandidaten Unwirrsch auf der Stelle , denn schnell erhob sie sich , zog ihren Schal zusammen und griff hastig nach dem Taschentuch , welches auf der Bank neben ihr lag . Mit angstvollem , etwas theatralischem Zorn sah sie auf den Kandidaten Unwirrsch . » Ah , ce monsieur ! « Sie wollte an ihm vorüber , aber er trat ihr in den Weg und hielt den verächtlichen Blick ihrer schwarzen Augen ruhig aus . » Monsieur , Ihr Freund ist eine canaille ! « rief sie , die Hand ballend . » Lasse Sie mik vorbei - wolle Sie ? « » Mein Fräulein « , sagte Hans Unwirrsch sanft und traurig , » der Doktor Theophile Stein ist mein Freund nicht . Hören Sie mich , mein Fräulein ! « » Ik will Sie nik mehr hör ! Ik will Sie nix seh ! Ik will nix mehr seh von der Welt als ma figure in dies hier Wasser ! « Das wurde mit einer Heftigkeit , einer Wildheit gerufen , daß Hans unwillkürlich ihren Arm faßte , um sie vom Sprung in den Sumpf zurückzuhalten ; sie aber riß sich los , lachte bitter , um dann mit beiden Händen das Gesicht zu bedecken und ebenso bitter zu weinen . » Mein Fräulein « , rief Hans , » Sie haben harte Worte gegen mich gesprochen , Sie haben mich tief betrübt . Ich bin mir keiner Schuld gegen Sie bewußt , und ich will Ihnen helfen , wenn ich es kann ; - ich wiederhole es Ihnen : ich bin nicht der Freund des Doktors Stein ; - ich bin es nicht mehr ! « Sie ließ langsam die Hände sinken und sah abermals dem Kandidaten in die Augen . » Auch Sie klagen den an , welchen Sie eben nannten ? Nennen Sie mir den Teil seiner Schuld , den ich auf mich zu nehmen habe ! « sagte Hans leise , und sie - sie musterte ihn vom Kopf bis zu den Füßen , und dann - es war so seltsam ! - , dann überflog ein schwaches Lächeln ihre kummervollen , kranken Züge : » Sie sind nicht sein Freund ? « fragte sie . » Ich bin es nicht mehr , und es ist ein großer Schmerz für mich . « Jetzt faßte die Französin die Hand des Kandidaten , und ihre Finger waren wie Eisen . » Monsieur le curé , ik bin ein armes Mädchen und ganz allein in die fremde Land . Ik bin krank und ein leichtsinnlich Geschöpf . Ik abe geabt ein ganz klein Kind , aber es ist tot ; - ik bin ganz alleingelassen in die fremde Land ! O monsieur , das ist eine böse , slekte Mensch , und wenn Ihr nik seid seine Freund , so verzeihe Sie mir , was ik eben gesakt - je n ' ai plus rien à dire ! « Hans verstand ihr gebrochenes Deutsch sehr schlecht und ihr schnelles Französisch gar nicht , aber ihre Bewegungen , ihr Mienenspiel vervollständigten das , was zum Verständnis fehlte . Er führte sie zu der Bank zurück , und sie ließ ihm ihre Hand , als er sich neben sie setzte und ihr sanft und beruhigend zusprach . Es war fünf Uhr , die Sonne sank eben hinter die Bäume , aus den Teichen stieg der weißliche Nebel ; es wurde kalt und grau - es war die Stunde , in welcher die schöne Kleophea Götz ihr elterliches Haus verließ . So gut er es vermochte , erzählte Hans dem französischen Mädchen das Nötige über sein Verhältnis zu dem Doktor Stein , und dann erfuhr er allmählich die traurige Geschichte ihres Lebens und die häßliche Rolle , welche Moses Freudenstein aus der Kröppelstraße darin spielte . Henriette Trublet war nicht dazu gemacht , auf den gradesten Wegen durch das Leben zu gehen , und es war sehr wahrscheinlich , daß der Doktor Theophile in dieser Hinsicht wenig an ihrem Schicksal veränderte . Sie trug ein abenteuerliches Köpfchen auf den Schultern und glaubte nur an den Augenblick . Sie war die Gehülfin einer Modistin zu Paris gewesen , und so hatte sie Theophile kennengelernt und gewonnen . Geliebt hatte sie ihn eigentlich nicht , aber er hatte ihr gefallen , und die Pariser Freunde des Doktors , seine Art , das Leben zu genießen , sagten ihr zu . Sie war die schillernde Schleife an einem sehr bunten , lustigen Kranze , und als derselbe , wie es zu geschehen pflegt , zerriß und der Doktor Theophile nach Deutschland zurückgegangen war , bekam sie bald die Sehnsucht nach dem Doktor . Sie hatte mancherlei wunderliche Geschichten gehört von dieser armen guten » Allemagne « . Die Leute waren da so ehrlich und so musikalisch und so blond ; - sie waren wohl auch ein bißchen zurück in der Zivilisation und etwas einfältig ; aber es war doch ein ganz ander Ding als um die albernen , langen Engländer . Und sie holten alle ihre Hüte und Hauben und ihre künstlichen Blumen und ihren Champagner aus Paris , diese guten Deutschen ; und jedes hübsche , kluge Kind der » Belle France « mußte sein Glück dort bei ihnen machen trotz allem Nebel , Eis und Schnee , trotz allen Wölfen und Eisbären , Erlkönigen , Nixen und sonstigen Ungeheuern . Eines Morgens fand sich Henriette auf dem Straßburger Bahnhof ein mit einem Lederkoffer und ungemein vielen und verschiedenartigen Schachteln und Schächtelchen - und gute Reisegesellschaft zum Rhein fand sie auch allons enfants de la patrie gen Homburg , Baden-Baden usw. - où le drapeau , là est la France , ubi bene , ibi patria ! Und