seinem Herrn Vater soviel Kummer machte , der jetzt , nachdem er der Philosophie überdrüssig geworden war , sich der Juristerei und » leider auch « der Politik in die Arme geworfen hatte und der in so schlechtem Geruche bei Artemisia und Lydda von Flöte stand . Der junge Mann sah aber gar nicht aus wie ein verlorenes Schaf ; höchst vergnüglich fächelte er sich mit einem grünen Zweige die erhitzte Stirn und leerte ein volles Glas Rüdesheimer ; dann warf er Robert Wolf einen schweren Brief zu : » Da ist etwas für dich . Da du nicht mehr zu Hause warst , hat der Briefträger seine Last guter Nachrichten , Wechsel und dergleichen angenehmer Eitelkeiten der Welt bei mir abgelegt . Möge Fortuna aus dem Paket springen - noch ein Glas , Leute ! Das ist ein wonniger Abend ; der Teufel hole euern melancholischen Gesang hier oben , er hat mich selbst unterwegs ganz melancholisch gemacht . Holla , Wolf - was ist ? Um Gottes willen , Wolf , Wolf ? « Robert hatte den Brief , welcher von dem Polizeischreiber Fiebiger kam , sogleich erbrochen , einen zweiten , in unbekannter Handschrift überschrieben , herausgenommen und auf der Stelle angefangen zu lesen . Es zuckte über sein Gesicht , er fuhr mit der Hand über die Augen , er wurde todbleich ; er schwankte auf den Füßen und wäre zu Boden gestürzt , wenn die erschreckten Genossen nicht zugesprungen wären und ihn in ihren Armen aufrecht erhalten hätten . In dem Briefe des Polizeischreibers kam die Nachricht , daß man täglich die Verkündigung der Verlobung Helene Wienands und des jungen Barons Leon von Poppen erwarte . Das zweite Schreiben war von dem bekannten Reisenden Konrad von Faber , von San Francisco aus , an den Polizeischreiber gerichtet und erzählte in tragischer Einfachheit und Kürze von dem Tode Friedrich Wolfs in dem neuentdeckten Goldlande Kalifornien . Auch Eva lag krank in einer elenden Hütte in einem der Felsentäler der Umgebung des Sacramentoflusses , lag im todbringenden Fieber und rief um Hülfe nach der Heimat , rief nach Robert , ihrem Bruder und Jugendfreund . Es war ein trostloser Brief , welchen der Hauptmann Konrad mit seinem Namen unterzeichnete ; ebenso trostlos wie der andere : diese beiden Schreiben in der zitternden Hand , nahm Robert Wolf nun wirklich für immer Abschied von seiner Jugend . Was die Freunde wissen mußten , teilte er ihnen mit ; dann nahm er auch Abschied von ihnen , dann ging er aus ihrer Mitte weg und stieg langsam den Berg hinunter in den Wald . Keiner der Genossen folgte ihm ; sie standen alle stumm und blickten ihm traurig betroffen nach . Lang fiel sein Schatten über die Berglehne . Noch einmal winkte er vom Eingang des Waldpfades zurück , und sie winkten wieder ; dann verbarg ihn das Gebüsch . Als er gesenkten Hauptes durch den Wald fürder schritt , vernahm er , wie sie das Lied , das er eben noch vorgesungen hatte , von neuem begannen ; aber die Stimmen wurden schwächer und schwächer und gingen an der nächsten Talecke im Rauschen des Waldbaches , der nun melancholisch seinen Weg begleitete , gänzlich unter . In derselben Nacht bereits befand sich Robert Wolf auf der Reise zu den Freunden in der großen Stadt und zugleich auf dem Wege zu Eva Wolf , die in ihrer Not aus so weiter Ferne nach ihm rief . Sechsundzwanzigstes Kapitel Auf der alten Stelle . Zum zweitenmal soll der Schüler die Lektion aufsagen Schwer ächzte und keuchte die Maschine , durch welche Robert Wolf der Hauptstadt und den Freunden entgegengeführt wurde . Der Morgen war frisch und sonnig , der Tau blitzte auf den Wiesen , jedes Dorf lag wie ein Idyll in seiner Feldmark ; die winzigen Figürchen , die sich auf den Äckern von der frühen Morgenarbeit aufrichteten und sich einen kurzen Augenblick der Rast gönnten , um dem schnellen Zuge nachzublicken , konnten nimmer Not und Elend unter jenen lieben roten Dächern im Grün zu erdulden haben ! Oder doch ? ! Sollte es doch möglich sein ? ... Wieder ein Dorf ; die Blütenzweige der Gärten streifen fast die Wagenfenster ; zwischen den Gärten ein Blick in eine enge Gasse , begrenzt von grünen Hecken - ein Leichenzug - Träger und Leidtragende - ein sonnebeschienener Kirchhof - eine Gruppe von Kindern um ein offenes Grab , den schwarzen Sarg erwartend - blitzschnell allem vorbei ! O wie wunderlich solch ein Blick aus dem Fenster des Dampfwagens auf solch einen Zug schwarzer Gestalten , die sich nicht von der Stelle zu bewegen scheinen - o wie wunderlich solch ein Blick im flügelschnellen Vorübersausen auf den kleinen Kirchhof und das Grab , die nicht von der Stelle kommen und denen wir auch doch nicht entgehen können ! Hussa , wie die Räder durch die lichthelle Landschaft donnern ! Was gehen uns die kleinen hübschen Puppen mit den blitzenden Miniaturrechen und -spaten , was geht uns der winzige Ameisentrauerzug an ? Was haben wir zu schaffen mit dem fremden Toten ? - Die nächsten Sekunden reißen das alles in unendliche Ferne ; die eigene Freudigkeit aber begleitet uns , der eigene Gram läßt uns nicht los , der eigene Tod ist mit uns , so schnell auch die Räder sich drehen mögen . Dieser selbe Eisenbahnzug hatte vor dreiundeinemhalben Jahre den Knaben aus dem Winzelwalde nach der großen Stadt getragen ; und wenn den jungen Mann in der Ecke des Wagens die Gefühle überwältigen wollten , so brauchte er ja nur jene Tage mit allen ihren schrecklichen Einzelheiten in die Gegenwart zurückzurufen , und die bösesten Geister duckten sich vor der Gewalt dieser Erinnerungen . Damals und jetzt - welche Ähnlichkeiten , und doch alles , alles wie verändert ! Wo waren die Herbstwolken , die damals Schnee und Regen im wirren Gemisch auf die vorbeifliegende Gegend ausgeschüttet hatten ? Andere Gebilde am Himmel , andere Gebilde in der Seele