seiner in der verschwiegenen Kapelle harrte ; ihm oft schon , ohne Furcht vor den Schauern der Nacht und der Einsamkeit , in dem Walde unter den hohen , ernsten , finstern Bäumen entgegenkommen war ! - Und doch wußte er , daß sie jetzt einsam um ihn trauerte , daß sie ihm längst vergeben hatte , was sein knabenhafter Trotz und seine kindische Laune an ihr gefrevelt : daß kein strafendes Wort , kein vorwurfsvoller Blick ihn empfangen würden , wenn er zu ihr zurück käme ; daß sie freudig ihre Arme ausbreiten und ihn an ihr liebevolles Herz ziehen würde . Ach ! nicht an ihr zweifelte er , nicht an ihrer Liebe , aber an sich selbst , an seiner Liebe ! Wie dumpfes Glockenläuten , wie Grabgesang tönten ihm noch immer die letzten Worte Oldenburg ' s : Wer von uns kann denn noch mit ganzem Herzen lieben ? wer von uns hat denn noch ein ganzes Herz ? und eine Stimme , die er nicht zum Schweigen bringen konnte , raunte ihm zu , wo er auch ging und stand und selbst des Nachts in seinen wirren Träumen : Du nicht ! Du nicht ! - In den Linien Deiner Hand steht es ja geschrieben ! Das braune Weib im Walde sah es ja auf den ersten Blick : Du kannst nicht treu sein : Du nicht ! Du nicht ! - Und als Du zu Melitta ' s Füßen sankst , und den Schwur der Liebe und Treue stammeltest , schloß sie Dir den Mund , ängstlich , hastig , als wollte sie Dir das Verbrechen des Meineids ersparen : o , schwöre nicht ! Ich kann Dir Liebe schwören nun und Treue auf immerdar , aber Du nicht ! Du nicht ! - Regenwetter ! wie der Wind die Tropfen gegen die Fensterscheiben jagt , daß sie trüb werden wie verweinte Augen ! wie schwer und tief die Wolken schleppen , die grauen Trauermäntel , als würden sie mit dem Saum die Wipfel der Pappeln drüben auf dem Schloßwalle streifen ! Wer doch da draußen läge in der schwarzen nassen Erde , überhoben aller Qual des Zweifels und der Reue ! Wer doch Theil haben könnte an dem ewigen Frieden der Natur ! wer doch Eines sein könnte mit den Elementen ! mit dem Winde über die Erde brausen , mit der Flamme zum Himmel lodern , mit dem Wasser des Stromes im Ocean verrinnen könnte ! Hat die schwermüthige Weisheit der Inder Recht ? und ist das ganze Menschenleben nur ein ungeheurer Irrthum ? sind wir Alle , Alle nur verlorne Söhne , die das Haus des guten alten Vaters verließen , um uns von Träbern zu nähren ? Und ist es wahr , daß wir zu jeder Zeit zu ihm zurückkehren können ? daß wir zurücksinken können in den Schooß der lieben Mutter Nirwana , der uranfänglichen Nacht , wenn wir es nur von ganzem Herzen wünschen ? Von ganzem Herzen ? Wer von uns hat denn noch ein ganzes Herz zum Leben und zum Sterben ? Du nicht ! Du nicht ! - O , wer sich selbst vertrauen könnte ! Wie in eine Götterwolke gehüllt , würde er die Gefahren des Lebenskampfes unverletzt durchwandeln , und , wenn er fällt , als Held fallen , mit der Todeswunde auf der stolzen Stirn , in der muthigen Brust . So aber ringst du mit dem feigen Zweifel , dem jähen Schwindel , der uns auf steiler Felsenhöhe packt , unser Blut gerinnen macht , die Kraft unserer Sehnen löst , und uns zuletzt rettungslos in den Abgrund schleudert . Oswald hob seufzend den Kopf von dem Fensterkreuz und lauschte . Eine helle Tenorstimme sang ein lustiges Wanderlied . Wohl Dir , murmelte Oswald ; der Du singend die Straße des Lebens einherziehst und der Gefahren des Weges spottest . Er schwankte einen Augenblick , dann ging er , seinen munteren Stubennachbar aufzusuchen . Albert brauchte nicht mehr Zeit , sich an einem fremden Orte einzurichten , wie ein Araber , um sein Zelt aufzuschlagen . Und von einer Einrichtung konnte eigentlich bei ihm keine Rede sein . Er überließ es jeder seiner Sachen , deren nicht viele waren , sich in seinem Zimmer einen Platz zu suchen . Wollte der eine Stiefel lieber auf dem Stuhle stehen und der andere mit dem Absatz nach oben auf der Erde liegen - er hatte nichts dagegen . Fand es der Frack , das einzige , einigermaßen respectable Kleidungsstück , dessen er sich erfreute , behaglich , in einer Ecke des kleinen , melancholisch aussehenden Koffers zu einem unförmlichen Bündel geballt , zwischen schmutziger Wäsche sein Dasein zu vergessen , - er wollte ihn in seinem Vergnügen nicht stören . Und er selbst , der glückliche Besitzer all ' dieser emancipirten Herrlichkeiten , stand trotz des kühlen Wetters in Hemdsärmeln über ein großes Reißbrett gebeugt und pfiff und sang und zeichnete , und lachte Oswald wegen seiner Leichenbittermiene , wie er es nannte , aus . Dottore , Dottore ! rief er , Sie sehen aus , als ob Sie von dem Grog , den ich gestern Abend getrunken , den wildesten Katzenjammer gehabt hätten ! Wahrhaftig , Sie beschämen das Wetter ! Die Wolken draußen sind ja verglichen mit denen auf Ihrer Stirn in hundert bunten Farben schimmernde Seifenblasen ! Haben Sie je als Junge an einem schönen hellen Sommermorgen in der Bodenluke gesessen und aus einem kleinen Stummel von Thonpfeife bunte Seifenblasen in die blaue Luft hinausgesandt , während unten zwischen den bleiernen Soldaten auf dem großen Tisch der Kinderstube ein angefangenes lateinisches Exercitium lag , für dessen fragmentarischen Zustand Sie ein paar Stunden darauf von Ihrem Lehrer die schönsten Prügel besahen : Sehen Sie , das ist das Bild des Lebens . Unser Wissen ist Stückwerk , und unsere besten Exercitien bleiben Stückwerk , die buntesten Seifenblasen zerplatzen , und die derbsten Prügel fühlt man eine Stunde nachher nicht mehr