einer Reihe von Jahren von der Bühne abgetreten war und mit ihrem Manne in der elegantesten Sphäre der Hauptstädte Europa ' s lebte , wieder dem Theater sich zuwende und eine Kunstreise nach England und Amerika beabsichtige , um das zusammengeschmolzene Vermögen ihrer Kinder zu vergrößern . Madame Miranes fügte hinzu : » Hätte ich ein solches Talent , würd ' ich es auch so machen . « Wie ein Blitz flog es durch Judith ' s Sinn : Vielleicht hab ' ich es ! - aber sie äußerte nichts , weil sie ihres Talentes nicht gewiß war und keine vergebliche Hoffnung in ihrer Mutter wecken wollte . In Lissabon war ein vortreffliches Konservatorium der Musik , wie man solche Anstalten nennt , in denen musikalische Talente sowohl für Opern- als Kirchen- und Kammermusik ausgebildet werden . Die große Sängerin aus dem Anfange des neunzehnten Jahrhunderts , die Catalani , welche zugleich Primadonna und Direktrice der italienischen Oper zu Lissabon gewesen war , hatte auch auf das Konservatorium einen großen bildenden Einfluß gehabt , so daß es nach ihrer Tradition die musikalische Pflanzschule fortsetzte . Judith wendete sich an den Direktor der Anstalt , anfangs nur , um sich seinen Unterricht zu erbitten . Er war , als ein guter Kenner , dermaßen entzückt von Judith ' s Stimme und Schule , daß er ihr erklärte , sie brauche die Ausbildung im Konservatorium und seinen Unterricht eigentlich nicht mehr ; wolle sie sich aber der Bühne widmen , auf der sie ohne Zweifel das glänzendste Phänomen der Zeit werden würde , so müsse sie sich für diesen Beruf unter seiner Leitung eine gewisse Übung und Gewandtheit aneignen , die ihr nicht schwer fallen könne . Dies war gerade alles , was Judith wünschte ! Da sie zu Ende des Sommers das Landhaus in Cintra mit dem Aufenthalte in Lissabon vertauschte , so wurde es ihr ganz leicht , ihre Studien im Konservatorium zu machen , ohne daß ihre Eltern eine Ahnung von ihrer eigentlichen Absicht hatten ; sie glaubten nur , daß Judith in der Kunst und in ihrem Talent Zerstreuung suche für ihr einförmiges häusliches Leben . Der Direktor nahm mit Freude und Stolz wahr , daß Judith ' s theatralisches Talent hinter ihrem musikalischen nicht zurückstehe , ja daß beide recht eigentlich zusammen gehörten , wie der Duft und die Rose , daß ihr Spiel durch ihre Stimme getragen werde und zugleich ihre genialische Kunstfertigkeit plastisch mache . Er nannte sie die goldene Nachtigal von Cintra ; ihren Namen und ihre Verhältnisse kannte er nicht . Gegen den Winter fragte er sie , ob sie geneigt sei , für diese Saison ein Engagement an der italienischen Oper zu Lissabon anzunehmen . Judith entgegnete mit ihrer gewohnten Ruhe , wenn es glänzend sei , wolle sie es tun ; sie betrete diese Laufbahn , um ihren Eltern ein sorgenfreies Alter zu bereiten , und da sie ihres Erfolges gewiß sei , müsse ihr pekuniärer Gewinn demselben entsprechen . Das fand der Direktor ganz in der Ordnung . Er übernahm die Unterhandlungen mit dem Impressario der Oper , d.h. mit demjenigen , der nach italienischem Gebrauch Unternehmer der Oper ist und Sänger und Sängerinnen für eine Winterzett engagiert . Judith wurde die Primadonna . Als das Geschäft vollkommen abgetan war - und das war nicht ganz leicht , weil der Impressario die Forderungen dieser unbekannten Nachtigal von Cintra übermäßig hoch fand - teilte Judith den Eltern ihren Entschluß und ihre Aussichten mit und fügte hinzu , sie hoffe dadurch zu beweisen , daß es ihr nicht an kindlicher Liebe und Dankbarkeit fehle , denn für sich selbst begehre sie weder Reichtum noch künstlerische Berühmtheit . Herr Miranes war gerührt und Madame Miranes entzückt , doppelt entzückt , als Judith sagte , sie sei durch eine Äußerung ihrer Mutter zur Klarheit gekommen über das , was sie zu tun habe , und danke derselben im voraus ihre Erfolge . Da der Impressario sich nun einmal zu dem ungeheueren Wagstück entschlossen hatte , eine gänzlich unbekannte Primadonna dem Publikum vorzuführen : so tat er sein Möglichstes , um ihr einen fabelhaften Ruf von Schönheit und Genie voraus zu schicken . Den Effekt , den sie machen würde , konnte er selbst nicht ermessen , denn Judith sang in der Probe nur mit halber Stimme und spielte mit kaum halber Aktion ; allein daß sie nicht Fiasko machen werde - und folglich auch nicht seine Kasse ! - das stellte sich denn doch beruhigend für den geübten Beurteiler heraus . Als Desdemona trat Judith zum ersten Mal auf und so , daß der Impressario sich eingestand , sie habe ganz Recht , ihre Forderungen hoch zu spannen , und dieser Winter werde wohl der erste und letzte für Lissabon sein , da eine solche Sängerin unstreitig bald einen europäischen Ruf genießen und auf den großen Bühnen von Neapel , Mailand , Paris und London glänzen werde . Judith lebte nun das Leben , welches die gefeierten Heldinnen der Bühne zu leben pflegen , bewundert , vergöttert , angestaunt , beneidet , von Kabalen und Intriguen , von Huldigung und Anbetung umringt - das glänzendste und flüchtigste inhaltlose Schein- und Schaumdasein , welches ein menschliches Wesen leben kann ; zugleich auch das gefährlichste , weil es alle bösen Neigungen des Menschenherzens weckt und aufstachelt . Der Glanzpunkt einer solchen Existenz besteht darin - zu gefallen ! Es heißt zwar nicht so ! es heißt : durch genialische Darstellung bezaubern , durch künstlerische Vollendung entzücken . Aber darauf kann man mit Hamlet erwidern : » Worte ! Worte ! « Die Tatsache ist : man muß gefallen - und zwar den Augen und den Ohren der Menschen - und zwar in solcher Weise , daß sie ganz Auge und ganz Ohr und gleichsam der Sphäre der menschlichen Vernunft entrückt werden . Die vier- bis fünftausend Personen , welche ein Opernsaal faßt , müssen durch Ohrenkitzel und Augenverblendung in Wonnetaumel versinken und in einen enthusiastischen Rausch