dem Allerheiligsten für fähig halten könnte , so ist nicht anders anzunehmen , denn daß ihn wieder der Wahnsinn ergriffen hat . Er ist darum in seiner Zelle an die Kette gelegt worden und wird als Wahnsinniger behandelt werden . Alle Tage werden wir für seine Seele beten , damit der böse Geist von ihm weiche . « Wohl Keiner hatte diesen Bericht ohne Schauer vernommen - aber am meisten war Ulrich davon ergriffen . War Amadeus ein Wahnsinniger ? war er es nicht ? Gerade jetzt hielt ihn Ulrich am wenigsten dafür . Die Worte , die ihm so erschienen : » Sie holen mich in ' s Gericht « - und : » ein Mönch , der Euch sein Todesurtheil dankt « - die waren nun sehr klar und wahr . Denn war auch hier kein Todesurtheil ausgesprochen , so hatte Amadeus doch nach seinem Bekenntniß ein solches erwarten können , und das Schicksal , das ihm nun bereitet war , erschien ihm selbst jedenfalls härter als der Tod . Und waren nun die andern Worte auch klar und wahr : » Aus Liebe zu Dir beging ich den Frevel ; ich wollte meine Hand segnend auf Deinen Scheitel legen - es ist meine Sühne , daß ich durch meinen Sohn sterbe ! « Kalte Schauer durchrieselten Ulrich - eine furchtbare Angst kam über ihn , eine gräßliche Empfindung , die er noch nie gekannt : vielleicht ein Verbrechen wider die Natur begangen zu haben , da er nur meinte , daß er Worte der Gerechtigkeit geredet . Konnte es denn sein ? war denn Amadeus wirklich in einer Beziehung zu seiner Mutter gewesen ? war er ihr Entführer vielleicht in jenem Kampfe , der die Mutter dem Sohn geraubt ? oder hatten sie noch früher , ehe er denken konnte , ehe er war , einander nahe gestanden - war nicht jener Bauer , den er nie geliebt , sein Vater - war es dieser Mönch ? Mußte er ihn dann hassen oder lieben ? War er nicht der Urheber seiner und seiner Mutter Schande - und doch seines Lebens ? Wie sich kreuzende Dolche durchzuckten ihn diese Gedanken , schnitten in seine Seele , wühlten in seinem Herzen . Draußen im Kreuzgang kam er in Konrad ' s Nähe . Wie im Vorübergehen drängte er sich dicht an ihn und sagte : » Ich muß Dich allein sprechen , wann kann es geschehen ? « » Ich komme zu Nacht in Deine Zelle , « antwortete Konrad . » Nein - da ist Hieronymus mit . « Konrad sah Ulrich verwundert an : wie mochte ein Baubruder dem andern nicht trauen ? » Ich will darüber nachdenken und es Dir bei der Arbeit sagen . « » Aber verschieb ' es nicht lange ! « drängte Ulrich . Mehr durften sie nicht wagen zusammen zu sprechen . Ulrich ' s sonst so kräftige und geschickte Hände zitterten bei der Arbeit . Er vermochte kaum das Richtscheit gerade zu halten , noch den Meißel da hineinzusetzen , wo er ihn hin haben wollte . Hieronymus sah ihm verwundert zu . Aber Keiner sprach . Wie gestern arbeiteten die Mönche und Novizen mit ihnen . Da sie von der Arbeit gingen , sagte Konrad zu Ulrich : » Komm um Mitternacht in die Kirche an das Tabernakel . Der Bruder Martin hat die Nachtwache , der stört uns nicht . « » Ich komme gewiß ! « antwortete Ulrich . Als er mit Hieronymus wieder in der Schlafzelle allein war , sagte dieser : » Es ist doch eine sonderbare Geschichte mit dem Sacramentshäuslein - glaubst Du , daß der Mönch wirklich verrückt ist , oder daß man uns nur etwas damit weiß machen will ? « » Meinst Du ? « gegenfragte Ulrich ; » ich weiß nicht , was ich dazu denken soll . Nur ein Wahnsinniger scheint mir so etwas thun zu können , das gar keinen Zweck hat - oder könntest Du Dir hierbei einen denken ? « » Wenn es nun doch ein verzweiflungsvoller Mönch wäre , der das Leben nicht mehr ertragen könnte und vielleicht unfähig zum Selbstmord etwas thun wollte , danach man ihn zum Tode verurtheilte ? « sagte Hieronymus . » Dann hätte er ja seinen Zweck nicht erreicht , « bemerkte Ulrich . Sein Kamerad lächelte : Denkst Du , man wird sich begnügen ihn in Ketten zu legen , bis er etwa wieder zur Vernunft käme ? Man wird ihn darin verhungern und umkommen lassen . « » Meinst Du ? « fragte Ulrich entsetzt . » Ich müßte diese Mönchsjustiz nicht kennen ! « sagte Hieronymus gähnend und legte sich ruhig schlafen . Ja , er kann schlafen ! dachte Ulrich ; er ist ja unschuldig an dem , was dem Unglücklichen geschieht - er hätte vielleicht geschwiegen - nur ich enthüllte den Frevel und forderte Rechenschaft dafür - - Hieronymus kann schlafen - ihm sagt sein Gewissen nicht , daß er vielleicht einen Vater ermordet - ihn klagt das Wimmern dieses Verschmachtenden nicht an als seinen Mörder - und ihm ist nicht die Wahl geboten : nach einer entsetzlichen Enthüllung zu verlangen , oder ihr zu entfliehen und sich die Möglichkeit zu rauben , je Gewißheit über sich selbst zu erhalten . O du glücklicher Hieronymus ! Zum ersten Mal stieg in Ulrich ' s edler Seele etwas auf wie Neid gegen ein anderes Wesen , und aus seiner Brust rang sich ein dumpfer Seufzer , indeß sein Kamerad friedlich und tief Athem holte im ruhigen Schlaf . Leise erhob sich Ulrich , da es schon lange elfmal an der Klosteruhr geschlagen , und schlich durch den finsteren Kreuzgang in die Kirche . Der Mond , der sich zum letzten Viertel neigte , war eben aufgegangen und leuchtete durch die gothischen Fenstern herein , an denen Eisblumen aufblüthen , indeß silberner Schnee in den steinernen Bogen und Zacken hing . Er trat in die Kirche