- Napoleone Biancchi reißaus ! ... Ihr heißt Napoleone ? fragte Benno von Asselyn und trat in Rücksicht auf seine der Heiligen Allianz angehörende Uniform zurück , als wollt ' er ihm den Kampf anbieten . Und mit derselben schlagenden Geberde , gleichsam die Kriegserklärung aufnehmend , wiederholte der alte Biancchi mit Nachdruck : Napoleone Biancchi ! Als der Friede zwischen dem Kaiserreich und den hohen Verbündeten durch das Lachen der Frauen wiederhergestellt war , erzählte der Alte , daß er seine Frau und Kinder hätte in Italien zurücklassen müssen . Er wäre erst nach der Schweiz geflüchtet , hätte sich dort zu ernähren gesucht , so gut es gegangen ; seiner Frau hätte er nach Castellungo geschickt , was er erübrigte ; dann , nach der Julirevolution , hätte er nach Italien zurückzukehren gewagt ; er hätte sich zwar nicht aufs neue compromittirt , hätte aber doch , » da es auch in Italien nur Ein Rom gäbe « , vorgezogen , wieder sein Wanderleben anzutreten . Nach Rom hätte er nicht gedurft : so wäre er nach Deutschland gekommen , wohne bei Frankfurt am Main und verdiene sich so viel , daß er sich ein solches Pferd halten könne wie das , das da eben seine Vorräthe bergan ins rechtgläubige Land zöge . Euere Frau kam Euch nicht nach ? fragte Lucinde . Signora , nein ! antwortete Biancchi . Sie ist in Castellungo , hat einen Garten mit Oliven- und Maulbeerbäumen und einen Weinberg . Das Haus ist nicht groß genug für alle ihre Seidenwürmer . Sie verdient und spart für die Kinder . Frankfurt am Main hat ein schönes Klima , aber keine Seidenwürmer . Giuseppina schickt mir alle zwei Jahre einen Sohn herüber , erst den Camillo , der in Frankfurt das Geschäft führt , dann den Hortensio , der da die Peitsche in der Hand hält , jetzt den Catone , der hier mit mir geht und sich die Schuhe so schief tritt - Ecco , padrone , fa attentione ! - und jetzt vor einigen Tagen erst die Porzia , die noch wenig Deutsch kann , ob sie ' s gleich von einem Einsiedler in Castellungo hätte lernen können . Wie heißt der Heilige unter den alten Eichen von Castellungo ? wandte er sich an seine Tochter . Signore Federigo ! antwortete diese . Sie hatte die den Italienern eigene tiefe , fast rauhe Stimme . Benno von Asselyn bemerkte lächelnd und halblaut , aber für Lucinden hinlänglich vernehmbar : Ja , Freund Biancchi , zähltet Ihr denn auch die Kinder richtig , daß Euch die Giuseppina nicht einmal mehr aus Italien herausschickt , als Ihr bei ihr zurückgelassen habt ? Biancchi versicherte , daß er ein vortreffliches Weib hätte , aber ihrer Seidenwürmer wegen müßten sie getrennt leben . Nein , nein , Napoleone ! fuhr Benno von Asselyn in seinem Scherze fort . Ich bewundere Euere Ruhe ! Könnt Ihr zufriedene Nächte haben ? Dieser Federigo ! Wer ist das ? Ein Deutscher , der unter den heiligen Eichen von Castellungo wohnt ? Sein Auge suchte dabei Porzia . Diese verständigte sich in dem wenigen Deutsch , das sie von jenem Einsiedler gelernt hatte , gerade mit dem Manne , der ein Diener schien und doch etwas von den piemontesischen Waldensern gewußt hatte . Der seine Stiefel schief laufende Catone schien dem Alten für etwaige väterliche Besorgnisse nicht ausreichender Wächter genug . Er suchte seiner Tochter näher zu kommen . So hörten diese kleinen scherzhaften Reibungen auf . Benno von Asselyn wandte sich jetzt verbindlicher zu Lucinden . Er begann von der Maximinuskapelle und bald war Armgart von Hülleshoven erwähnt . Ein liebliches Kind ! Wie alt mag sie sein ? Ich denke , vierzehn ... fünfzehn Jahre ... Von einem Mädchen , das man liebt , weiß man die Minute , wann sie geboren ist ! Das man liebt ? In meiner Heimat drüben gibt es gar keine Liebe , Fräulein ! Man hat sich gern und bleibt hübsch vernünftig ! Sie sind also auch aus dem Land des Plattdeutschen ? Kennen Sie das ? Lucinde schwieg . Sie merkte , daß man sie an der Maximinuskapelle entweder für eine andere gehalten haben mußte oder wenigstens an Benno von Asselyn nicht mitgetheilt hatte , was allenfalls Angelika Müller von ihr wußte . Hatte doch Paula von Dorste-Camphausen ein Jahr lang , wo sie auf dem Streckbett lag , nie in ihr die ehemalige Bewohnerin von Schloß Neuhof erkannt . Wie hätte dies Armgart thun können , die um fünf bis sechs Jahre jünger war ? Wenn Sie , sagte Benno , Armgart ' s Heimat kennen , so werden Sie überall , wo der Himmel graublau , die Luft von einem ewigen brandigen Nebel erfüllt ist , einem Nebel ... Ha ! Was ist das ? unterbrach er sich plötzlich und rief : Hedemann ! Hedemann ! Man möchte ja glauben , wir wären hier auf der rothen Erde ? Er deutete auf die Landschaft hinaus . Linker Hand drang den Wanderern aus einer Abdachung des Berges ein brandiger Geruch entgegen . Hinter den Bäumen sah man den Himmel weither von einem grauen Nebel überzogen . Hedemann ! wiederholte Benno , sich seinem wandernden Begleiter zuwendend . Wo kommt hier Haarrauch her ? Der angerufene Hedemann erläuterte , daß die Leute hier das verkrüppelte Knieholz der Eichen abbrechen , abrinden , die Rinde den Gerbern als Lohmaterial verkaufen ; die Wurzeln der Stämme , diese selbst , die Abfälle , das Gras und das rings wachsende Kraut würden dann verbrannt und die Asche als Dünger ausgestreut , sodaß wenigstens für Gerste und Hafer ein künftiger Anbau auf solchen mit doppeltem Nutzen ausgerodeten Walddistricten sich ermöglichen ließ . Also kein Haarrauch ! sagte auf diese Erläuterung hin Benno fast elegisch . Man sah die Feuerstellen , von denen aus sich der Rauch verbreitete . Mein Fräulein ! nahm er darauf seine Rede wieder auf ; Sie wissen vielleicht nicht , daß