aus unerklärlicher Furcht , ihr zu begegnen . Ich ging auf den Kirchhof und stand an dem Grabe der Großmutter , welche nun schon seit einem Jahre in der Erde lag , aber die Luft war windstill vom Gedächtnisse Annas , die Gräser schienen nichts von ihr zu wissen , die Blumen flüsterten nicht ihren Namen , Berg und Tal schwiegen von ihr , nur mein Herz tönte ihn laut hinaus in die undankbare Stille . Endlich wurde ich gefragt , warum ich den Schulmeister nicht besuche ? und da ergab es sich zufällig , daß Anna schon seit einem halben Jahre nicht mehr im Lande sei und daß man meine Kunde hierüber vorausgesetzt habe . Ihr Vater hatte , in seiner steten Sehnsucht nach Bildung und Feinheit der Seele und in Betracht , daß nach seinem Tode sein Kind , das einmal für eine Bäuerin zu zart sei , verlassen in der rauhen dörflichen Umgebung bleiben würde , sich plötzlich entschlossen , Anna in eine Bildungsanstalt der französischen Schweiz zu bringen , wo sie sich feinere Kenntnisse und Selbständigkeit des Geistes erwerben sollte . Er ließ sich , als sie ihre Abneigung dagegen aussprach , durch ihre Tränen nicht erweichen , allein auf die Befriedigung seiner Wünsche bedacht , und begleitete das ungern scheidende Kind in das Haus des fernen , vornehm-religiösen Erziehers , wo sie nun noch wenigstens ein volles Jahr zu bleiben hatte . Diese Nachricht traf mich wie ein Schlag aus blauem Himmel . Nun wurde das ganze Land wieder beredt und voll ihres Lobes ! Jedes Gras und jedes Blatt am Baume sprach mir von ihr , der blaue Himmel hier schien mir tausendmal schöner und sehnsüchtiger als anderswo , die blauen Bergzüge und die weißen Wolken zogen ihr nach , und von Westen her , wo Anna weilte , dünkte es mir leis , aber selig über die Bergrücken herzuläuten . Ich ging nun alle Tage zu ihrem Vater , begleitete ihn auf seinen Wegen und hörte von ihr sprechen ; oft blieb ich mehrere Tage dort , alsdann wohnte ich in ihrem Kämmerchen , wagte mich jedoch fast nicht zu rühren darin und betrachtete die wenigen einfachen Gegenstände , welche es enthielt , mit heiliger Scheu . Es war klein und enge , die Abendsonne und der Mondschein füllten es immer ganz aus , daß kein dunkler Punkt darin blieb und es bei jener wie ein rotgoldenes , bei diesem wie ein silbernes Juwelenkästchen aussah , dessen Kleinod ich nicht verfehlte mir hineinzudenken . Wenn ich nach malerischen Gegenständen umherstreifte , so suchte ich vorzüglich die Stellen auf , wo ich mit Anna geweilt hatte ; so war die geheimnisvolle Felswand am Wasser , wo ich mit ihr geruhet und jene Erscheinung gesehen , schon von mir gezeichnet worden , und ich konnte mich nun nicht enthalten , auf der schneeweißen Wand des Kämmerchens ein sauberes Viereck zu ziehen und das Bild mit der Heidenstube , so gut ich konnte , hineinzumalen . Dies sollte ein stiller Gruß für sie sein und ihr später bezeugen , wie beständig ich an sie gedacht . Diese fortwährende Erinnerung an sie und ihre Abwesenheit machten mich , insgeheim immer kecker und vertraulicher mit ihrem Bilde ; ich begann lange Liebesbriefe an sie zu schreiben , die ich zuerst verbrannte , dann aufbewahrte , und zuletzt ward ich so verwegen , alles , was ich für Anna fühlte , auf ein offenes Blatt zu schreiben , in den heftigsten Ausdrücken , mit Vorsetzung ihres vollen Namens und Unterschrift des meinigen , und dies Blatt auf das Flüßchen zu legen , daß es vor aller Welt hinabtrieb , dem Rheine und dem Meere zu , wie ich kindischerweise dachte . Ich kämpfte lange mit diesem Vorsatze , allein ich unterlag zuletzt ; denn es war eine befreiende Tat für mich und ein Bekenntnis meines Geheimnisses , wobei ich freilich voraussetzte , daß es in nächster Nähe niemand finden würde . Ich sah , wie es gemächlich von Welle zu Welle schlüpfte , hier von einer überhängenden Staude aufgehalten wurde , dann lange an einer Blume hing , bis es sich nach langem Besinnen losriß ; zuletzt kam es in Schuß und schwamm flott dahin , daß ich es aus den Augen verlor . Allein der Brief mußte sich später doch wieder irgendwo gesäumt haben , denn erst tief in der Nacht gelangte er zu der Felswand der Heidenstube , an die Brust einer badenden Frau , welche niemand anders als Judith war , die ihn auffing , las und aufbewahrte . Dies erfuhr ich erst später , denn während meines jetzigen Aufenthaltes im Dorfe ging ich nie in ihr Haus und vermied den Weg desselben sorgfältig . Das Jahr , um welches ich älter geworden , ließ mich mit Beschämung auf das vertrauliche Verhältnis von früher zurückblicken und flößte mir eine trotzige Scheu ein vor der kräftigen und stolzen Gestalt ; ich verbarg mich , ohne zu grüßen , rasch , als sie einmal am Hause vorüberging , und sah ihr doch verlangend nach , wenn ich sie von fern durch Gärten und Kornfelder schreiten sah . Meine Wünsche , wenn sie aus der Weite ruhlos zurückkehrten , flatterten Obdach suchend hin und her und nisteten sich endlich bei der Judith ein , als ob sie dort ein gutes Wort und das Geheimnis der Liebe erhaschen könnten . Ich kehrte diesmal früher nach der Stadt zurück , mit einer tiefen Sehnsucht im Gemüte , welche sich nun gänzlich ausgebildet hatte und alles umfaßte , was mir fehlte und was ich in der Welt doch als vorhanden ahnte . Mein Lehrer führte mich nun auf die letzten Stufen seiner Kunst , indem er mir die Behandlung seiner Wasserfarben mitteilte und mich mit aller Strenge zu deren sauberer und flinker Anwendung anhielt . Da jedoch die Natur nicht in Frage kam , oder doch nur höchst überlieferungsweise , so lernte ich bald , durch das endlich erreichte Ziel , »